Prischwin: Auf der Datscha des Chronisten von Russland

Michail Prischwin hat drei Revolutionen, zwei Weltkriege, Zar Nikolaj II., Lenin und Stalin überlebt und sein Fähnchen dabei nie nach dem Wind gehängt. Die Datscha des Schriftstellers westlich von Moskau ist ein schöner Ort, um ihm näherzukommen – und der russischen Geschichte.

Grüner wird‘s nicht: Das Prischwin-Museum an einem schönen Flecken des Moskauer Umlands. (Foto: Tino Künzel)

Ich bin fast da, als der Weg in einer Sackgasse endet. In dieser Gegend 30 Kilometer westlich von Moskau haben sich in postsowjetischer Zeit viele Neureiche ihre Villen bauen lassen und sie hinter Mauern und Zufahrtsschranken versteckt. Vor so einer Mauer stehe ich jetzt, obwohl sie laut der Route, die der Kartendienst auf dem Handy ausgespuckt hat, überhaupt nicht da sein dürfte. Links geht es in den Wald zur Moskwa hinunter, ein Trampelpfad zeugt zumindest davon, dass vor mir schon mal jemand hier gewesen sein muss. Aber vielleicht bin ich ja der erste, der mit dem Fahrrad an der Hand in das unwegsame Gelände abbiegt und sich schwitzend bergauf-bergab durchs Unterholz schlägt, bis die Zäune zumindest nicht mehr drei Meter hoch und blickdicht sind.

Ich finde den Hintereingang des Prischwin-Museums. Die Pforte lässt sich mit ein bisschen Fingerspitzengefühl sogar öffnen. So viel Herbstlaub, wie sie dabei zur Seite schiebt, scheint hier lange keiner mehr durchgekommen zu sein.

Museum auf der Datscha

Schade, dass ich von meinem kleinen Abenteuer nicht dem früheren Hausherrn erzählen kann. Durchaus möglich, dass er mir mit Vergnügen zugehört hätte. Michail Prischwin, ein namhafter russischer Schriftsteller, ist in seinem Leben auch öfter mal nicht dort angekommen, wo er hinwollte, zumindest nicht auf geradem Wege. Allerdings ist er schon seit 1954 tot.

Das ehemalige Arbeitszimmer von Michail Prischwin (Foto: Tino Künzel)

Nach dem Krieg hat sich Prischwin hier, im Dorf Dunino bei Swenigorod, ein Häuschen gekauft und fortan als Datscha genutzt. Der Bau mit seiner markanten Veranda wurde 1980, nachdem auch Prisch­wins Ehefrau Walerija gestorben war, zum Museum. Es gibt genau genommen nur drei Räume zu besichtigen. Deshalb sollte man die Ohren aufsperren, wenn die Mitarbeiterinnen ins Erzählen kommen. Und das tun sie nur zu gern. Wer das Anwesen nach einer Stunde oder mehr wieder verlässt, der weiß: Prischwin ist nicht nur durch sein reiches Werk interessant, das sich durch eine Vielzahl an Formen auszeichnet, sondern auch durch sein Leben.

Von der Schule geflogen, in Leipzig studiert

Am Gymnasium von Jelez, 400 Kilometer südlich von Moskau, muss er die erste und dritte Klasse wiederholen, weil er mit Mathe Probleme hat. In der vierten Klasse stiftet er Freunde dazu an, nach Amerika auszubüxen. Sie türmen mit einem Boot, schippern zwei Tage auf einem Fluss durch die russischen Lande und werden natürlich aufgegriffen. Ein Jahr darauf fliegt Prisch­win sogar von der Schule.

Bücher von Prischwin zum Verkauf: Mit leeren Händen muss aus dem Museum niemand nach Hause gehen. (Foto: Tino Künzel)

Als Student gehört der Kaufmannssohn einem der ersten marxistischen Zirkel an und landet im Gefängnis. Weil die Strafe auch ein Studienverbot in Russland beinhaltet, studiert er anschließend in Deutschland: An der Leipziger Universität lässt er sich zum Agronomen ausbilden. Nur um sein europäisches Diplom bei der erstbesten Gelegenheit wegzuwerfen und sich in St. Petersburg als Journalist und Schriftsteller zu betätigen.

Prischwin habe fließend Deutsch gesprochen und die europäische Kultur verehrt, sagt die Museumsleiterin Jana Grischina. Dennoch sei sein Schaffen nur in Russland denkbar gewesen.

Der größte Schatz: die Tagebücher

Von 1905 bis zu seinem Tode führte Prischwin heimlich Tagebuch. Die Aufzeichnungen aus 120 Heften konnten erst nach dem Ende der Sowjetunion und damit der Aufhebung der Zensur in 18 Bänden veröffentlicht werden. Für Grischina ist das Prisch­wins wichtigstes Vermächtnis: „Er war nicht ideologisch geprägt, sondern hat einfach versucht, sich unvoreingenommen sein eigenes Bild zu machen.“ Prischwin habe beispielsweise die Oktoberrevolution nicht gutgeheißen. „Aber ihm war klar, aus welchen Tiefen der russischen Geschichte sie hervorgegangen ist.“ Ein erster Tagebuchband ist im Guggolz Verlag auch auf Deutsch erschienen, der zweite in Vorbereitung.

Nach 1940 sei Prischwin in der offiziellen Sowjetunion nicht mehr wohlgelitten gewesen. so Grischina. „In den letzten 14 Jahren seines Lebens konnte er kein einziges großes Werk mehr veröffentlichen, nur noch Kinderliteratur und Naturbücher.“

Die Garage für Prischwins Moskwitsch 400 ist ein Kunstwerk für sich. (Foto: Tino Künzel)

Prischwin, auch das erfährt man im Museum, war ein Freund der Jagd, ein ambitionierter Hobbyfotograf und ein Autoliebhaber. Sein letztes Auto, ein Moskwitsch 400, ist in Dunino ausgestellt.

Das Museum ist täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen möchte, nimmt am besten den Bus 121 von der Moskauer Metrostation Molodjoschnaja. Von der Endhaltestelle sind es noch 20 Minuten Fußweg. Verlaufen kann man sich eigentlich nicht.

Tino Künzel

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