Sind wir alle Nomaden?

Braucht der heutige Mensch überhaupt noch einen öffentlichen Raum? Diese Frage stand am Ende eines Moskauer Studienprojekts, das kürzlich beim Bauhaus in Dessau vorgestellt wurde. Ganz im Sinne der Bauhaus-Idee verbanden die Arbeiten Architektur und Kunst.

Sind wir alle Nomaden? Studierende aus Moskau präsentierten beim Bauhaus in Dessau ihr Projekt über öffentliche Räume.
Studierende aus Moskau leben die Bauhaus-Idee. (Foto: IGUMO)

„Wir haben uns gefragt, welche Faktoren einen öffentlichen Raum ausmachen, welche Funktionen er erfüllen muss“, erzählt Anastasija Petrowa. Das sei der Ausgangspunkt für das interdisziplinäre Projekt „n+1 Habitat Formula“ gewesen, das Architektur und Kunst vereinte, so die Dekanin des Moskauer Architekturcolleges MKIK. Es entstand gemeinsam mit Elisaweta Semljanowa, Dekanin der Fakultät für Design und Fotografie am Moskauer College IGUMO.

Im Februar wurden die Ergebnisse des Projekts bei den Bauhaus Open Studios in Dessau vorgestellt. Die Stiftung Bauhaus ermöglicht dort Hochschulen aus der ganzen Welt, innovative Arbeiten zu präsentieren.

Die Idee war, dass Studentinnen und Studenten beider Fachrichtungen die Aufgabe gemeinsam angehen. Öffentliche Räume wurden dabei von der kleinsten Einheit, dem familiären Wohnzimmer, bis hin zum Park oder Platz in der Innenstadt begriffen. Zwölf Funktionen wurden ermittelt, die einen öffentlichen Raum ausmachen.

Kommerz belebt Räume

Eine dieser Funktionen ist der Kommerz. Der sei heute besonders wichtig für öffentliche Räume, da er sie belebe, so Anastasija Petrowa. „Doch ist er die wichtigste Funktion oder nur eine begleitende? Das wollten wir untersuchen.“ Die Studierenden verglichen Bauten der Sowjetzeit mit heutigen und untersuchten dabei, wie viel Fläche jeweils für Kommerz und für rein private Treffen vorgesehen sind.

Während das Einkaufszentrum „Perwomajskij“ aus dem Jahr 1969 den Besuchern einen Vorhof mit Grünstreifen und Parkbänken bietet, fehlt so etwas beim benachbarten Neubau, kommentiert sie. Bei ihrem Aufenthalt in Deutschland weiteten sie diese Untersuchungen auf ein 1995 gebautes Einkaufszentrum in Dessau aus. Auch hier bleibt kaum ein Platz für ein Treffen, ohne Geld auszugeben.

„Es hat unsere Annahme bestätigt, dass es heute immer weniger nichtkommerzielle öffentliche Räume gibt. Wenn sie sich treffen wollen, müssen Sie in ein Café gehen. Die moderne Stadt verdrängt Sie“, sagt die Dekanin.

Immer weniger Gemeinschaftsflächen

Auch beim Wohnraum nehmen die Räume für die Gemeinschaft immer weiter ab, berichtet Elisaweta Semljanowa. Eine Gruppe Studenten hat die Flächen um die Häuser herum, die allen Bewohnern zur Verfügung stehen, betrachtet. Bei einem Wohnhaus aus Sowjetzeiten gibt es für jede Wohnung dreimal mehr Gemeinschaftsfläche als bei einem heutigen Wohnturm.

Eine Arbeit zweier Studenten ging von der Annahme aus, dass ein öffentlicher Raum einen Anziehungspunkt braucht. Sie schufen einen „Altar des Alltags“, eine Skulptur aus Silikon, geformt wie ein Tisch mit Decke. An öffentlichen Orten wurden die Reaktionen der Passanten getestet. Fotoanimationen zeigen, wie die Massen scheinbar regungslos daran vorbeiziehen.

Brauchen wir noch öffentliche Räume?

Die Tendenz, so Anastasija Petrowa, sei in Russland und Deutschland die gleiche: Der private und der kommerzielle Raum nimmt zu, der öffentliche Raum wird dagegen immer mehr zu einem Verkehrsraum. „Wir haben uns gefragt, ob der heutige Mensch überhaupt einen öffentlichen Raum braucht. Wenn wir dauernd laufen, fahren oder fliegen, muss dann nicht die ganze architektonische Umgebung wie ein Korridor angelegt sein?“

„Moderne Nomaden“ nannte Bauhaus-Gründer Walter Gropius einst die Menschen der Zukunft, die die Objekte des neuen Bauens bewohnen würden, mobil und nicht an Orte gebunden. Anastasija Petrowa ist überzeugt, dass seine Prophezeiungen heute eingetreten sind.

Was resultiert nun aus dem Projekt? „Wir geben keine Antworten, wir stellen nur Fragen,“ so die Schöpferinnen. Es gelte zu überlegen, was man als Gesellschaft mit solchen Feststellungen mache. Als Nächstes suchen sie nach einem Ausstellungsort in Moskau.

Jiří Hönes

Der „Altar des Alltags“
Der „Altar des Alltags“ (Foto: IGUMO)

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