Moskauer NGOs auf Suche nach Räumen

Soziale Organisationen brauchen Räume, um ihre Arbeit ausüben zu können, doch Geld ist häufig knapp. Die Stadt Moskau könnte helfen. Inwieweit sie das tut, zeigen Einblicke aus dem Komitee „Bürgerunterstützung“*, „Notsch­leschka“ und „Dom s Majakom“.

„Notschleschka“ unterstützt wohnungslose Menschen in Moskau. Bei der Suche nach einem Ort dafür hat die Stadt nicht geholfen. (Foto: Notschleschka)

Das Komitee „Bürgerunterstützung“* erfährt während der Aufführung ihres Neujahrstheaterstücks für die Kinder von Geflüchteten und Migranten vom Brief des Wohnungsamts der Stadt Moskau. Die Leiterin der NGO, Swetlana Gannuschkina, steht gerade auf der Bühne und spielt Baba Jaga. Binnen 40 Tagen sollen sie ihr Büro am Olympiskij Prospekt räumen, wird ihnen dort mitgeteilt. Die Räumlichkeiten hatte die Geflüchtetenhilfsorganisation 2011, auf Anweisung des damaligen Präsidenten Dmitri Medwedew zur mietfreien Nutzung zur Verfügung gestellt bekommen. Im Erdgeschoss eines Wohnhauses, auf 265 Quadratmetern Fläche, konnte das Komitee so seine Arbeit verrichten. Psychologische und juristische Unterstützung für Geflüchtete und Migranten anbieten, Kleiderspenden entgegennehmen und weiterverteilen, medizinische Beratungen durchführen.

Trotz Kündigung wird weitergemacht

All diese Arbeiten laufen auch jetzt noch weiter – obwohl die Frist der Stadt seit über einer Woche abgelaufen ist. „Gerade hängen wir ein bisschen in der Luft“, erklärt Jewgenij Jastrebow der MDZ, „wir machen weiter als wäre nichts passiert und hoffen, dass unsere Briefe und Bitten bei der Stadt Gehör finden und wir doch noch bleiben dürfen.“ Der 30-Jährige arbeitet als Berater zu Migrationsfragen beim Komitee. Er selbst versuche möglichst wenig über die Unsicherheit nachzudenken, damit seine Arbeit nicht darunter leide. Gleichzeitig versuchen die Mitarbeiter des Komitees auf alle möglichen Szenarien gefasst zu sein. „Es ist nicht so, dass wir einen Umzug vorbereitet haben“, sagt Jastrebow, „aber hier haben alle ihre wichtigen Dokumente zusammengesucht. Im Zweifelsfall können wir das Büro binnen Minuten räumen.“

Warum die Stadt den Vertrag eben jetzt gekündigt hat, hat sie der Organisation bis heute nicht mitgeteilt. „Das macht es natürlich einfach zu sagen, das sei eine politische Entscheidung“, sagt Jewgenij Jastrebow, „aber ich mag es nicht zu spekulieren. Es könne ebenso sein, dass die Stadt einen Käufer für die Räumlichkeiten gefunden habe, oder sie für einen anderen Zweck benötige, erklärt er.

Falls das so ist, sei er gerne bereit umzuziehen, erklärt Jewgenij Jastrebow, falls die Stadt dem Komitee ein Büro an einer anderen Stelle zur Verfügung stellt. Sollte die Organisation allerdings gezwungen sein, von jetzt an selbst ein Büro anzumieten, müsste sie Geld, das an anderer Stelle dringend benötigt wird, für die Miete ausgeben. Das will das Komitee verhindern. „Mir ist wichtig, dass wir weiter genauso gut unsere Arbeit machen können, Menschen helfen“, fasst Jewgenij Jastrebow zusammen. „Von wo aus wir das machen, ist mir ziemlich egal“.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Komitees „Bürgerunter­stüzung“* hoffen, in ihren Räumen weitermachen zu können. (Foto: Graschdanskoje sodejstwije*)

Lange Suche nach einem Ort für die Obdachlosenhilfe

Ein von der Stadt gestellter Ort, um ihre Arbeit auszuüben – was für das Komitee gerade in Gefahr schwebt – war für „Notschleschka“ in Moskau nie greifbar. „Wir haben der Stadt Moskau mehr als zehn Briefe geschrieben“, erinnert sich Daria Bajbakowa, Direktorin der Organisation, die wohnungslose Menschen unterstützt. „Aber alle Anfragen wurden abgelehnt.“ Deswegen akzeptierte die Organisation, dass sie Miete zahlen würde und nahm die Suche nach Räumlichkeiten auf dem Wohnungsmarkt selbst in die Hand. Doch das gestaltete sich schwieriger als gedacht. „Neun Monate lang haben wir herumtelefoniert, mit Vermietern geredet, aber niemand wollte mit uns zusammenarbeiten“, erzählt die 37-Jährige. „Die haben gedacht, wohnungslose Menschen sind gefährlich, oder dass sie andere Anwohner vergraulen würden“.

Als sie schließlich ein Gebäude gefunden hatten, am Bumaschnij Projesd, zwischen dem Belarussischen und Sawejolowoer Bahnhof, begannen dort einige Anwohner gegen das Projekt zu protestieren – unter ihnen eine Abgeordnete der Kommunalversammlung, die ihr Bestes gab, die Eröffnung des Standorts zu verhindern. Aufhalten konnten sie „Notschleschka“ aber nicht. Im Sommer 2020 wurde der Sitz der Hilfsorganisation eröffnet, im Jahr darauf war sie durch Spenden sogar in der Lage, das Gebäude zu kaufen. Seitdem können wohnungslose Menschen dort sich und ihre Kleidung waschen, es gibt Unterstützung durch Sozialarbeiter und Juristinnen, unter der Woche fährt von dort jeden Abend ein Bus los, um Essen auszugeben.

In Moskau braucht man Ausdauer

Allerdings – ein Problem ist noch nicht gelöst. Eigentlich gibt es im Haus auch Schlafräume, in denen Menschen für eine gewisse Zeit untergebracht werden sollen, bis sie einen festen Wohnsitz gefunden haben. Seit über einem Jahr versucht die Organisation, diese zu eröffnen – dafür müsste das Gebäude allerdings von einem Gewerbe – in ein Wohngebäude umgeschrieben werden. Und das dauert. Dass der Prozess sich so in die Länge zieht, nimmt Daria Bajbakowa gelassen. „Das ist einfach Moskau – hier braucht alles Zeit“, sagt sie und lacht ein bisschen erschöpft.
Kinderhospiz bekommt städtische Unterstützung

Davon kann Lidija Moniawa ein Lied singen. Die Stiftung „Dom s Majakom“ (Haus mit dem Leuchtturm), die sie 2018 mitbegründet hat, unterstützt Familien mit todkranken Kindern und hat unter anderem ein Hospiz mit aufgebaut. „Es gab damals kein Hospiz für Kinder in Moskau, nicht eins. Niemand hat sterbenden Kindern geholfen“, erzählt die 34-Jährige. Deswegen hat sie gemeinsam mit Mitstreiterinnen eine Medienkampagne gestartet, Artikel geschrieben, um auf das Thema aufmerksam zu machen, im Radio und im Fernsehen darüber gesprochen, Posts in den sozialen Medien verfasst. Einige Jahre habe es gedauert, doch dann hat die Stadt ihnen schließlich eine Auswahl an verlassenen Gebäuden angeboten, um eines mietfrei auf unbefristete Zeit für ihre Zwecke zu nutzen. Das war 2013.

Das „Dom s majakom“ von Lidija Moniawa hat es geschafft, von der Stadt Unterstützung zu bekommen. (Foto: Dom s majakom)

Dom s Majakom saniert selbst

Nach sechs Jahren Renovierung, die die Stiftung selbst übernommen hat, konnte das Hospiz 2019 schließlich öffnen. Seitdem übernimmt die Stadt noch zusätzlich 15 Prozent der Gehälter der Angestellten des Hospizes. Ob das genug sei? „Schwer zu sagen. Wir waren in Kinderhospizen in England, Italien, Deutschland… und nirgendwo wurden sie zu 100 Prozent aus öffentlichen Geldern finanziert“, erzählt Lidija Moniawa. „Natürlich wären wir froh über mehr Unterstützung vom Staat, aber alles in allem ist das Bild hier mit der Unterstützung in europäischen Ländern vergleichbar“.

Die Frage, nach welchen Kri­terien Organisationen Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen, hat die Stadt Moskau bis zum Redaktionsschluss nicht kommentiert. Dass die Stadt eher ein Kinderhospiz unterstützt als eine Organisation, die mit wohnungslosen Menschen arbeitet, scheint allerdings die Haltung der russischen Gesellschaft zu spiegeln. In einer 2019 von der Charities Aid Foundation durchgeführten Umfrage gaben 57 Prozent der Russen an, im letzten Jahr Geld an Organisationen gespendet zu haben, die Kinder in schwierigen Lebenssituationen unterstützen. Dagegen hatten nur zwölf Prozent der Befragten wohnungslose Menschen mit Spenden unterstützt. Warum das Komitee „Bürgerunterstützung“* sein Büro verlassen soll, erklärt das allerdings nicht. Doch auch dazu gibt die Stadt Moskau keinen Kommentar.

Vera Tolksdorf

*Das Komitee „Bürgerunterstützung“ (Graschdanskoje sodejstwie) gilt in Russland als ausländischer Agent.

Kommentare

Kommentare

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail: