Nawalny im Interview: „Mir hat nichts wehgetan. Es war schlimmer als das.“

Wenige Tage nach seiner Entlassung aus der Berliner Charité zeigt sich der Kremlgegner Alexej Nawalny im Gespräch mit dem russischen Journalisten Jurij Dud für dessen populären YouTube-Kanal „vDud“ schon wieder in guter Form. Unter anderem beschreibt er ausführlich die Symptome vor seinem Zusammenbruch auf einem Flug von Tomsk nach Moskau am 20. August. Das Interview mit ihm und seiner Frau Julia wurde bereits in der ersten Stunde rund eine halbe Million Mal angeklickt. Auszüge.

Alexej Nawalny und Jurij Dud im fast zweieinhalbstündigen Interview, das in Berlin geführt wurde (Foto: Screenshot YouTube/vDud)

Darüber, was sich auf dem Flug vor sieben Wochen zugetragen hat

Ich habe später zu analysieren versucht, ab wann es mit mir abwärts ging. Im Flughafen war noch alles bestens. Ich habe sibirisches Konfekt für die Kinder gekauft, das war meine einzige Sorge.

Dann sitze ich im Flugzeug und reibe mir vor lauter Vorfreude die Hände, weil dreieinhalb Stunden vor mir liegen, in denen keiner etwas von mir will. Ich klappe meinen Laptop auf, starte eine Folge von „Rick and Morty“ (US-Zeichentrick-Sitcom – d. Red.) und denke mir: Super, nachher lese ich noch ein bisschen und werde die Zeit genießen. Nach 20 Minuten habe ich das Interesse an „Rick and Morty“ verloren und gemerkt, wie mir kalter Schweiß den Körper herunterläuft. Und plötzlich wusste ich nicht mehr, wie mir geschieht.

Mich haben schon einige gefragt: Wie ist das, an „Nowitschok“ zu sterben? Schwer zu sagen, denn das sind Empfindungen, die man aus dem gewöhnlichen Leben nicht kennt. Es gibt ja Dinge, die man – Gott sei Dank – noch nicht erleben musste: ein Infarkt zum Beispiel oder dass einem das Bein abgesägt wird. Aber man kann sich zumindest in Grundzügen vorstellen, was das mit einem macht. Hier jedoch … Du denkst dir „Es geht zu Ende“ und dieses Gefühl übermannt dich immer stärker. Wobei du nicht mal sagen kannst, was eigentlich los ist. Im Normalfall ist es ja so: Wenn es einem schlecht geht, dann kann man das irgendwie lokalisieren. Das Herz tut weh oder der Bauch oder das Bein oder man hat Kopfschmerzen oder ist erkältet. Ich dagegen habe gar nichts mehr kapiert.

Kuss des Dementors

Neben mir saß meine Pressesprecherin Kira (Kira Jarmysch – d. Red.) und ich habe sie gebeten, mit mir zu reden, damit ich mich auf eine Stimme konzentrieren kann, weil ringsum alles zu verschwimmen begann. Sie öffnete den Mund und sagte etwas, aber was, konnte ich nicht verstehen. Ich bin dann auf die Toilette, weil ich dachte, das kalte Wasser hilft vielleicht. Ich kühle mir also das Gesicht, einmal, zweimal, setze mich hin. Es mag komisch klingen, aber wenn ich beschreiben müsste, was damals mit mir vor sich ging, dann fallen mir die Dementoren aus „Harry Potter“ ein, das kommt der Sache am nächsten. Rowling schreibt: Der Dementor küsst dich, du hast keine Schmerzen, aber das Leben entschwindet.

Ich muss um die zehn Minuten in der Toilette gewesen sein, denn als ich wieder herauskam, hatte sich davor eine Schlange aus unzufriedenen Leuten gebildet. Mir wurde klar, dass ich um Hilfe bitten muss und es allein noch nicht mal bis zu meinem Platz schaffe. Ich drehe mich zum Flugbegleiter um und sage: „Man hat mich vergiftet, ich sterbe.“ Und dann lege ich mich direkt vor seine Füße.

Das hört sich im ersten Moment natürlich blödsinnig an. Der Flugbegleiter hat mich auch mit einem leichten Grinsen angeschaut und wohl gedacht, dass die Rede von einer Lebensmittelvergiftung ist. Vielleicht wollte er sagen, dass man mich unmöglich im Flugzeug vergiftet haben kann. Man hat dann angefangen, mir Fragen zu stellen, aber ich habe schon kaum noch etwas mitbekommen. Das Letzte, woran ich mich erinnern kann: Jemand hat gesagt „Guter Mann, nicht wegtreten!“.

Im Nachgang habe ich Videos mit herzzerreißenden Titeln wie „Nawalny schreit vor Schmerzen im Flugzeug“ gesehen. Geschrien muss ich wohl haben, aber unbewusst. Mir hat überhaupt nichts wehgetan. Es war schlimmer. Du weißt einfach: Das war’s!

Darüber, wie die Piloten und die Notärzte reagiert haben

Sie haben ihre Arbeit richtig gut gemacht und sich strikt an die Vorschriften gehalten. Den Piloten hat man gesagt, dass einer der Passagiere dabei ist, die Hufe hochzuklappen, und sie haben sofort die Notlandung in Omsk eingeleitet. Die Notärzte haben gesehen: Scheint eine Vergiftung zu sein. Und mir wurde Atropin gespritzt (ein Gegenmittel – d. Red.). Aber wie läuft das denn üblicherweise in Russland? Wenn alle nach Vorschrift handeln, ist das eher eine Verkettung glücklicher Umstände. Leider.


Widersprüchliche Aussagen

Einige Antworten von Alexej Nawalny lassen zumindest Fragen offen. So berichtet der russische Oppositionelle im Interview von einem Gespräch (das bereits nach seiner Genesung stattgefunden haben muss) mit den deutschen Ärzten, die seine Überführung von Russland nach Deutschland medizinisch begleiteten. Sie hätten ihm gesagt, mit zunehmender Dauer des Komas steige die Wahrscheinlichkeit von Folgeschäden. Nawalny dazu: „Wäre ich noch ein paar Stunden länger in Omsk geblieben, hätte ich keine Interviews mehr geben können und man hätte mich hier hereintragen müssen.“ Das klingt so, als hätte bei dem Transport buchstäblich jede Minute gezählt.

Doch als die Ärzte in Omsk am Abend des 21. August der Verlegung nach Berlin schließlich zustimmten, verging noch einmal mehr ein halber Tag bis zum tatsächlichen Abflug: Unter Verweis auf Ruhezeiten lehnten die Piloten einen umgehenden Start ab und verbrachten die Nacht im Hotel. Das Flugzeug hob erst gegen 8 Uhr Ortszeit am darauffolgenden Morgen ab. Man sollte annehmen, dass das auch unter medizinischen Gesichtspunkten als vertretbar galt und damit nicht eine absehbare dauerhafte Schädigung der Gesundheit Nawalnys in Kauf genommen wurde.

Ebenfalls nicht ausreichend belegt scheinen Nawalnys Vorwürfe an die Adresse der Ärzte in Omsk (und ihrer Moskauer Kollegen, die zur Verstärkung herangezogen wurden). Anstatt ihn nach bestem Wissen und Gewissen zu behandeln, so der Politiker, hätten sie darauf gewartet, dass er sterbe oder zu einem Pflegefall werde. Als das nicht eingetreten sei (für Nawalny offenbar kein Verdienst der Ärzte, sondern eine glückliche – und ungewollte – Fügung), habe man zumindest seine Abreise nach Deutschland so lange hinauszögern wollen, bis das Gift in seinem Körper nicht mehr nachzuweisen gewesen wäre. Begründung: Chefarzt Alexander Murachowskij ist Mitglied der Kremlpartei „Einiges Russland“. Und das Sagen bei der Behandlung an den knapp zwei Tagen in Omsk hätten nicht die Ärzte gehabt, sondern die Politik, meint Nawalny, der damit unterstellt, die Mediziner hätten zumindest nicht selbstständig gehandelt und deshalb auch eine Vergiftung bestritten. An anderer Stelle spricht er allerdings davon, „Nowitschok“ könne nur von wenigen Labors weltweit aufgespürt werden. Dem Krankenhaus in Omsk lagen solche Erkenntnisse nicht vor. Wie hätte man sich dort also verhalten sollen?


Darüber, wie er mit dem Gift in Berührung gekommen ist

Das weiß keiner. Wir gehen davon aus, dass es noch im Hotel passiert ist. Vom Verlassen des Hotels bis zu den ersten Vergiftungserscheinungen vergingen drei, vier Stunden. Hätte ich das Gift gegessen, getrunken oder eingeatmet, wäre die Wirkung viel schneller eingetreten. Also habe ich es über die Haut aufgenommen.

„In fantastischer Weise gelogen“

Darüber, warum er aus Omsk, wo er zunächst im Krankenhaus lag, ausgerechnet nach Deutschland ausgeflogen wurde

Keiner wollte unbedingt nach Deutschland. Es war nur allen bewusst, dass ich nicht in Omsk bleiben kann. Denn erstens ist die Omsker Medizin selbst nach russischen Maßstäben berüchtigt. Zweitens war schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass es eine Vergiftung ist und dass man irgendwann anfangen muss, es als Vergiftung zu behandeln. Und da stellt sich der Chefarzt hin und verkündet als Diagnose eine Stoffwechselstörung. Oder es heißt, ich hätte es mit Selbstgebranntem übertrieben. Von der ersten Minute an wurde in fantastischer Weise gelogen.

Darüber, wen er des Giftanschlags verdächtigt

Mitarbeiter des FSB oder des SWR (des Inlands- oder Auslandsgeheimdienstes – d. Red.). Auf Anweisung von Putin, zweifellos. Eine andere Erklärung sehe ich nicht.

Wenn man mich erschossen hätte oder mir ein Ziegel auf den Kopf gefallen wäre, man mich überfahren oder eine handelsübliche Mordwaffe benutzt hätte, dann gäbe es viele Kandidaten. FBK (Nawalnys Anti-Korruptions-Stiftung – d. Red.) hat mit seinen Enthüllungen einer Menge Leuten zugesetzt. Ich denke mal, dass mich viele gern zur Strecke bringen würden und dass mein Konterfei in allerhand Amtsstuben hängt, wo man mit Dartpfeilen darauf zielt.

Aber die Wahl der Methode engt den Personenkreis stark ein. Kann man „Nowitschok“ im Supermarkt kaufen? Nein. Kann man es in einem Chemielabor kaufen? Nein. Es gibt auch keinen Schwarzmarkt dafür.

„Nowitschok“ ist nicht einfach ein Gift, es ist eine Chemiewaffe. Und mit Chemiewaffen können nur speziell dafür ausgebildete Leute umgehen, die sich dabei nicht selbst töten. Deshalb kann nicht ein außer Kontrolle geratener Oligarch oder ein korrupter Beamter ein paar Killer angeheuert haben. Die Kombination aus „Nowitschok“ und Leuten, die Zugang dazu haben und sich damit auskennen, weist klar in eine Richtung.

Natürlich existiert kein Video, auf dem zu sehen ist, wie Putin mit den Füßen stampft und schreit: „Tötet ihn!“ Das sind alles Vermutungen. Man zählt eins und eins zusammen und zieht seine Schlüsse.

Vielleicht ging es auch gar nicht in erster Linie darum, mich umzubringen, sondern Angst und Schrecken zu verbreiten. Es ist eine Sache, im Gefängnis zu landen, und eine andere, wenn es gefährlich sein kann, wenn dir jemand auf die Schulter klopft oder wenn du dich ins Auto setzt.

Darüber, ob er wirklich glaubt, für Putin ein so gefährlicher Gegner zu sein, dass der ihn beseitigen lassen wollte

Ja. Das kannst du Größenwahn nennen, aber seit zwei Jahren sind all unsere Strukturen einem beispiellosen Druck ausgesetzt. Hausdurchsuchungen, Verhöre, eingefrorene Konten, Geldstrafen – das hat nie dagewesene Ausmaße angenommen. Und trotzdem arbeiten wir nicht einfach nur weiter, sondern werden auch noch stärker. Bei den Wahlen haben wir „Einiges Russland“ nass gemacht (gemeint sind die jüngsten Kommunalwahlen in Nowosibirsk und Tomsk – d. Red.). Die wissen, dass ihnen bei den Wahlen zur Staatsduma große Probleme drohen. Ich glaube, dass wir in gewissem Sinne Opfer unseres eigenen Erfolges geworden sind.

Zusammengestellt und übersetzt von Tino Künzel

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