Wo Kriegsgefangene zu Antifaschisten wurden

Ein Museum erinnert an die Antifaschistische Schule in Krasnogorsk. Die MDZ hat mit der Leiterin Margarita Iwaschtschenko über die Geschichte dieses Orts gesprochen.

Margarita Iwaschtschenko leitetet das Museum der deutschen Antifaschisten.
Margarita Iwaschtschenko leitetet das Museum in Krasnogorsk. (Foto: Museum der deutschen Antifaschisten)

Am 5. Mai jährte sich zum 35. Mal die Gründung der Krasnogorsker Filiale des Siegesmuseums, besser bekannt als Museum der deutschen Antifaschisten. Während des Krieges befand sich hier die Zentrale Antifaschistische Schule, in der Kriegsgefangene umgeschult wurden. Die meisten von ihnen waren Deutsche. Im MDZ-Interview erklärt die Direktorin des Museums, Margarita Iwaschtschenko, was es mit diesem Ort auf sich hat.

Wie kam es dazu, dass in Krasnogorsk, so nahe der russischen Hauptstadt, die Zentrale Antifaschistische Schule entstanden ist?

Seit Sommer 1942 gab es in Krasnogorsk das Kriegsgefangenenlager Nr. 27. Im Lauf der Jahre waren hier zwischen 400 und 1500 Personen untergebracht. Aufgrund der Nähe zu Moskau gab es keine Probleme mit der Versorgung. Außerdem war es einfach, die Lagerleitung und das Personal zu überwachen. Ursprünglich befand sich die antifaschistische Schule im Dorf Oranki in der Region Gorki, aber im Februar 1943 wurde sie hierher vor die Tore der Hauptstadt verlegt. Das beste deutschsprachige Personal mit philosophischer und historischer Ausbildung konzentrierte sich damals in Moskau.

Und wie entstand die Idee, die Faschisten umzuerziehen?

Die Idee der antifaschistischen Schule lag schon zu Beginn des Kriegs in der Luft. Die politische Hauptverwaltung der Roten Armee, die sich mit der Propaganda bei den Truppen des Feindes beschäftigte, brauchte Leute – gute Deutschsprecher, die die Situation in den Wehrmachttruppen verstanden, also Überläufer mit ausgeprägter antifaschistischer Haltung. Es gab viele antifaschistische Schulen, vor allem in den Frontgebieten. Aber es war hier in Krasnogorsk, wo die Bildungsprogramme ausgefeilt und dann weitergegeben wurden.

Wie wurden die Schüler ausgewählt?

Die Schulen nahmen prinzipiell jeden auf, aber die Auswahl ergab sich von selbst. Einen SS-Offizier fand man hier sicher nicht. Viele waren Kommunisten oder Menschen aus Arbeiterfamilien. Als aus der antifaschistischen Idee eine Massenbewegung wurde, schlossen sich auch diejenigen an, die zuvor noch erbitterte Nazi-Anhänger gewesen waren. Das berühmteste Beispiel hierfür war der Urenkel Otto von Bismarcks, der Kampfpilot Heinrich von Einzidel. Er wurde später Vize-Präsident des Nationalkomitees Freies Deutschland.

Der Unterricht fand in der Muttersprache der Schüler statt. Die russische Sprache war freiwillig, aber diejenigen, die sie in ihrer Freizeit erlernten, hatten einen besseren Draht zur sowjetischen Führung vor Ort. Gelehrt wurde die Geschichte der UdSSR, die Grundlagen des Kommunismus und des Marxismus. Der Kurs dauerte drei Monate. Nach der Ausbildung gingen die Schüler in andere Kriegsgefangenenlager, rekrutierten dort antifaschistische Aktivisten, druckten antifaschistische Flugblätter, erstellten Zeitungen. Einige gingen in Sondereinsätzen hinter die Frontlinie und führten dort Propagandaarbeit durch.

Es gibt Legenden über warme Kleidung und verhältnismäßig gute Nahrung. War das so? Warum?

Es war sozusagen ein Elitelager, die höchsten Offiziersränge kamen hierher. Nach der Schlacht von Stalingrad lebte für einige Zeit Feldmarschall Paulus in Krasnogorsk. Die Sowjetunion wollte sich von ihrer besten Seite zeigen. Und hier wurde weniger gestohlen als anderswo – das Lager wurde von Lawrenti Beria persönlich beaufsichtigt. So wurden alle Spesenabrechnungen und sogar die Beschwerden der „Gäste“ direkt an ihn geschickt.

Ich habe gelesen, dass im Lager sowjetischen Spione ausgebildet wurden.

Sie meinen wahrscheinlich Nikolaj Kusnezow. Bevor er in die Ukraine geschickt wurde, hatte er hier ein „Praktikum“ in der Uniform eines deutschen Luftwaffenoffiziers. Er verbrachte mehrere Wochen in einer Kriegsgefangenen-Kaserne. Man muss bedenken: Das war 1942. Deutschland hatte seine Position noch nicht aufgegeben. Und die Kriegsgefangenen, um es milde auszudrücken, hatten noch keine antifaschistischen Ideen aufgenommen. Hätten seine Kameraden in der Kaserne herausgefunden, dass er nicht der ist, für den er sich ausgibt, hätten sie ihn dort stillschweigend getötet. Aber es lief gut.

Hatten Krasnogorsker Bürger in irgendeiner Weise mit Kriegsgefangenen Kontakt?

Das Servicepersonal war von hier. Viele Kriegsgefangene arbeiteten nach 1945 in Brigaden in der Krasnogorsker Mechanikfabrik, beim Bau des Stadions und der Schule. Krasnogorsk hatte Glück – es lag zwar nahe der Front, wurde aber nicht besetzt. Daher war die Haltung gegenüber den Deutschen recht freundlich. Mein Großvater arbeitete als Monteur in der Mechanikfabrik, zwei Kriegsgefangene arbeiteten in seiner Brigade. Er gab ihnen selbstgemachte Suppe zu essen, während zwei Brüder und eine Schwester an der Front starben.

Wie ist die Idee zur Eröffnung des Museums der deutschen Antifaschisten entstanden? Und warum erst in den 1980er Jahren?

Der Vorschlag kam von deutscher Seite. Mitglieder des deutschen Widerstands wollten ihren Beitrag zur Bewegung beleuchten. Das Museum wurde anlässlich des 40. Jahrestages des Sieges in dem Gebäude eröffnet, in dem sich früher die Zentrale Antifaschistische Schule befand. Wahrscheinlich wäre es nicht ganz richtig gewesen, sich gleich nach dem Krieg an alles zu erinnern. Es waren noch Veteranen am Leben, mit nicht verheilten seelischen Wunden. Später, 40 Jahre nach dem Sieg wuchs eine ganze Generation ohne Krieg auf, die den Deutschen anders gegenüberstand.

Die Fragen stellte Ljubawa Winokurowa

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