Mülldeponie Schijes: Der große Sieg der kleinen Leute

Zweieinhalb Jahre hat die Bürgerinitiative „Sauberes Urdoma“ mit Hilfe von Unterstützern aus nah und fern gegen den Bau einer Deponie für Moskauer Müll in den Wäldern unweit des Ortes in Nordrussland gekämpft. Nun ist das Projekt vom Tisch. „Sauberes Urdoma“ hat den Protest dagegen unlängst für erfolgreich beendet erklärt. Was bleibt davon? Darüber sprach die MDZ mit Swetlana Babenko (64), der Vorsitzenden der Bürgerinitiative.

Ziviler Ungehorsam auf Russisch: Gesichter des Widerstands gegen Moskauer Müll an der Bahnstation Schijes (VK/Koalition Stop Schijes)

Erinnern Sie sich noch, wie Sie davon erfahren haben, dass in den Wäldern unweit Ihres Ortes eine Mülldeponie gebaut werden soll?

Das war im Juli 2018. Jäger haben damals Rodungen bei der Bahnstation Schijes bemerkt und im Internet davon berichtet. Das hat sich in Windeseile herumgesprochen. Urdoma ist ja ein kleiner Ort mit 4000 Einwohnern, bei uns kennt jeder jeden. So kam das alles ans Licht.

Schon einen Monat später fand hier eine Protestaktion mit 2000 Teilnehmern statt, zu der auch Leute aus anderen Orten angereist sind. Es war die erste Demo in der mehr als 90-jährigen Geschichte unseres Kreises.

Der Widerstand gegen die Deponie erfasste mit der Zeit die gesamte Region Archangelsk und die benachbarte Komi-Republik. Nichts dergleichen kannte man bis dahin in Russland. Was hat die Menschen so aufgebracht?

Was würden Sie denn sagen, wenn man mit schmutzigen Stiefeln zu Ihnen nach Hause kommt und auf den Tisch steigt? Wir leben hier in intakter Natur und zumindest zum Teil auch davon, was unsere Wälder und unsere Flüsse hergeben. Viele haben ihre Jagdreviere, die vom Vater an den Sohn übergehen. Das sind keine formalen Besitzverhältnisse, sondern ungeschriebene Gesetze, an die sich jeder hält. Man wildert nicht einfach in fremdem Revier, sondern spricht sich ab. Und dann will Moskau hier eine Deponie errichten, ohne uns zu fragen, ja überhaupt in Kenntnis zu setzen? Das hat die Leute empört und das haben sie sich nicht gefallen lassen.


Was war in Schijes geplant?

Moskau mit seinen offiziell 12,6 Millionen Einwohnern produziert so viel Müll, dass die herkömmlichen Müllhalden im Moskauer Umland, wo der Großteil davon abgeladen wird, den dortigen Einwohnern über den Kopf gewachsen sind. Das hat in den letzten Jahren für gehörig Unmut gesorgt. Deshalb wurde weiter im Landesinneren nach neuen Standorten für Deponien gesucht. Schijes, ein Flecken in der Region Archangelsk, an der Grenze zur Komi-Republik, 1000 Kilometer von Moskau entfernt, galt als ideal. Von einer ehemaligen Siedlung, in der zu Sowjetzeiten Forstwirtschaft betrieben wurde, war hier, mitten in der Taiga, nur eine Bahnstation übrig. Die nächsten Orte ein ganzes Stück weg: Madmas 20 Kilomter, Urdoma 30 Kilometer. Und so begann im Sommer 2018 der Bau eines „Ökotechnoparks“. Die Mülldeponie nach „europäischen Standards“ sollte 2021 in Betrieb genommen werden und 20 Jahre lang sechs Prozent des Moskauer Mülls aufnehmen, noch vor der Abfahrt verpresst und in Güterzügen nach Schijes transportiert. Investitionssumme: 10,5 Milliarden Rubel.

Die Bevölkerung war wie so oft nicht eingeweiht und bekam nur zufällig Wind von der Sache. Das Echo fiel umso heftiger aus: Bürgerinitiativen wurden gegründet, Zufahrtswege blockiert, Demos veranstaltet und unbefristete Mahnwachen in vielen Städten organisiert. Die Einwohner befürchteten Umweltschäden in großem Stil und für die gesamte Region durch Verschmutzungen des Grundwassers und der Luft. Auch die versprochenen Arbeitsplätze und soziale Boni den Einheimischen wurde unter anderem kostenlose medizinische Behadlungen in Moskauer Krankenhäusern in Aussicht gestellt konnten sie nicht besänftigen. Der Protest verhallte nicht ungehört. Im Sommer 2019 meldete der Kreml, Präsident Putin habe die Verantwortlichen in Moskau und der Region Archangelsk angewiesen, die Meinung der Bürger bei dem Vorhaben zu berücksichtigen. Im Frühjahr 2020 brachte der Volksaufstand hochrangige Politiker zu Fall: Die Gouverneure der Region Archangelsk und der Komi-Republik, Orlow und Gaplikow, traten am selben Tag zurück. Sie hatten das Projekt unterstützt und vor diesem Hintergrund kaum noch Rückhalt vor Ort. In der Folge wurden entsprechende Verträge aufgelöst und die Pläne ad acta gelegt.


Besondere Berühmtheit hat das Lager von Aktivisten direkt auf der Baustelle erlangt.

Zunächst einmal haben wir 22 Briefe an alle möglichen Instanzen geschrieben. Aber ziemlich schnell wurde klar, dass wir uns nur selbst helfen können. Im Winter 2019 wurden die ersten Posten an Zufahrtsstraßen errichtet. Einheimische haben die Tanklastzüge gestoppt, die über ungesicherte Bahnübergänge nach Schijes fuhren, was verboten ist. Von der Baustelle selbst haben zunächst ein paar Wenige rund um die Uhr berichtet, was sich dort tut. Daraus hat sich dann das Lager entwickelt. Denn wie konnten die Bauarbeiten am besten unterbunden werden? Indem sich dort möglichst viele Leute aufhalten, im Übrigen nach Recht und Gesetz. Laut Vertrag zwischen Moskau und der Region Archangelsk umfasste das Projekt eine Fläche von 15 Hektar Forst. Und Wald ist für jeden zugänglich, jeder kann dort Zelte aufschlagen. Genau das haben wir getan.

Wie haben Sie das selbst vor Ort erlebt?

Anfangs hatten wir die Hoffnung, dass wir uns wenigstens in der Re­gion Archangelsk Gehör verschaffen können. Aber letztlich kamen die Unterstützer aus ganz Russland und sogar aus dem Ausland. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, die Entschlossenheit – das ging mir schon sehr nahe.

Swetlana Babenko lebt seit über 40 Jahren in Urdoma. Früher war die heutige Rentnerin als Abteilungsleiterin bei einer Gazprom-Tochter tätig. (Foto: Privat)

2019 war die aktivste Phase des Protestes. Und die härteste. Demos und Mahnwachen in vielen Städten, Zusammenstöße mit der Polizei, den Wachen und sogar mit OMON, Verhaftungen und Repressionen, mehrere Treffen mit dem Menschenrechtsrat. Im Juni versammelten sich 800 Menschen in Schijes, um mit dem Präsidenten im Rahmen der TV-Sendung „Direkter Draht“ zu sprechen, aber man hat uns nicht zugeschaltet, obwohl beim Fernsehen 23.000 entsprechende Anfragen eingegangen waren. Im August wurden 63.000 Unterschriften von Bürgern der Region gegen die Deponiepläne bei der Präsidialadministration in Moskau abgeliefert. Aber immer wieder hat man uns hingehalten, bis wir im Oktober 2020 über einen Abgeordneten der Moskauer Duma, der aus unserer Region stammt, erfahren haben, dass das Projekt definitiv eingestellt wurde. In Schijes wird derzeit das Gelände rekultiviert. Unser Protest hat sein Ziel erreicht.

Wie hat sich in diesen zweieinhalb Jahren das Leben in Urdoma und Ihr eigenes Leben verändert?

Das teilt sich in ein „Vorher“ und „Nachher“.

Früher hat man bei uns dem Fernseher geglaubt und dem Präsidenten. 90 Prozent der Leute standen hinter ihm. Heute sind die Verhältnisse umgekehrt. Denn die Menschen haben die andere Seite der Medaille kennengelernt. Was in und um Schijes passiert ist, hat ihnen die Augen geöffnet.

Nehmen wir unseren Ort: Die Menschen wussten doch aus eigener Anschauung, was läuft, und haben gemerkt, dass im Fernsehen, in den überregionalen und regionalen staatlichen Zeitungen entweder die Wahrheit verschwiegen oder verzerrt berichtet wird. Eine Demo hat zum Beispiel 10.000 Teilnehmer, aber die Presse schreibt: 3000. Man hat diese ganzen Lügen selbst erlebt und sich davon überzeugen können, dass der „Buschfunk“ viel besser funktioniert und man sich lieber im Internet informiert.

Man muss dem Präsidenten und unserem damaligen Gouverneur fast schon dankbar sein, denn ohne Schijes wären die Leute wohl kaum aufgewacht. Was mich betrifft: Ich bin Rentnerin und habe mich bis zu dieser ganzen Geschichte vor allem um meine Blumen gekümmert. In unserer Bürgerinitiative war ich dann für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, bin nicht zuletzt bei Demos aufgetreten, darunter auch in Moskau. Das war anfangs natürlich ungewohnt, aber wer hätte es denn sonst machen sollen, wenn nicht ich als Vorsitzende? Und man muss es auch mal so sehen: Was hatte ich als Rentnerin schon zu verlieren?

Machen Sie sich keine Sorgen, dass nach dem Ende des Protests nun alles wieder so wird wie früher?

Nein. Die Leute haben ihre Lektion gelernt.

Ohne den Massenprotest wäre das Deponieprojekt niemals aufgegeben worden. Dazu hat nur der Druck von unten geführt. Die Menschen haben begriffen, dass sie ja doch etwas bewirken können und dass keiner ihre Probleme löst, sondern sie schon selbst aktiv werden müssen, wenn sie ein gutes Leben für sich und ihre Kinder wollen.

Das heißt auch, Kandidaten in die lokalen und regionalen Parlamente zu wählen, die tatsächlich die Interessen des Volkes vertreten.

Braucht Russland mehr Selbstverwaltung?

Unbedingt. Vor Ort weiß man doch viel besser, wo den Menschen der Schuh drückt, als jemand in Moskau. Aber dafür müssten auch die Gelder anders verteilt werden, so dass mehr in den Regionen bleibt. Heute haben viele Orte einen sehr kargen Haushalt und damit kaum finanziellen Spielraum, um etwas zu verändern.

Die Mülldeponie vor der Haustür haben Sie erfolgreich verhindert. Doch damit ist der Müll nicht aus der Welt. Was soll damit passieren?

Jeder muss bei sich anfangen und weniger davon produzieren. Auf Verpackungen im Laden verzichten, beim Einkaufen keine Wegwerfbeutel verwenden. Und natürlich den Müll trennen. In unserem kleinen Ort besteht dazu dank einer Privatinitiative schon seit Jahren die Möglichkeit.

Das Interview führte Tino Künzel.

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