Schijes und die Partisanen von heute

Der Moskauer Wahlprotest ist wieder verebbt. Doch in Nordrussland mobilisiert ein Müllvorhaben inzwischen seit anderthalb Jahren die Massen. Die MDZ hat die „Gallier“ von Russland besucht.

Der Posten „Lagerfeuer“ ist das Erste, was ankommende Freiwillige vom Protest gegen den Moskauer Müll in der Taiga sehen. „Hände weg von Schijes“ steht auf dem Spruchband. (Foto: Tino Künzel)

Der mausgraue Kleintransporter aus Sowjetzeiten hat eine volle Ladung Ökoaktivisten an Bord. Die meisten von ihnen waren wochenlang in Schijes gewesen, einer ehemaligen Siedlung in der nordrussische Taiga, wo bis vor Kurzem zumindest noch eine Bahnstation existierte. In naher Zukunft will die Moskauer Regierung dort Müll aus der Hauptstadt abladen, was auf breiten Widerstand nicht nur in den nächstgelegenen Orten stößt, sondern in der gesamten Region und darüber hinaus. Auf der Baustelle und um sie herum wurden sogar mehrere Lager errichtet, wo Freiwillige aushalten, den Fortgang der Arbeiten überwachen und behindern. Nun fahren einige von ihnen nach Hause, wenigstens für ein paar Tage. Batterien aufladen, Familie und Freunde wiedersehen, die eine oder andere Erledigung machen. Die Wachablösung aus der Gegenrichtung ist schon unterwegs.

Eine andere Zukunft für Schijes

In dem rustikalen Fahrzeug, wegen seiner klobigen Form im Volksmund „Brotlaib“ genannt, hockt man teils neben-, teils aufeinander. Die Stimmung ist gelöst. „Stellt euch vor“, ergreift Irina das Wort, „wir treffen uns in zehn Jahren wieder, alle ein bisschen grauer geworden. In Schijes sind die Erdhügel eingeebnet, keine Spur mehr von den Bauarbeiten. Und du kannst dir sagen, dieses Bäumchen hier, das habe damals ich gepflanzt.“ Für einen Moment ist es still in dem Wägelchen, das über Waldwege kurvt. „Tja, jetzt ist mein Vorstellungsvermögen glatt an seine Grenzen gestoßen“, seufzt Irina und lacht schon wieder.

Nastja greift das siegreiche Zukunftsszenario auf und spinnt es weiter: „Die Wachmänner wollen ihre Stellung nicht räumen, klammern sich verzweifelt aneinander. Aber die Polizei ist auf unserer Seite und sorgt für Recht und Ordnung. Da machen sich die Wachmänner in den sozialen Netzwerken Luft. Sie appellieren an ihre Kollegen in aller Welt. Und gründen eine Gruppe unter dem Namen ,Die weinenden Wachmänner‘.“

Mülltransporte über 1200 Kilometer

Die Umweltschützer prusten los. Und der Geländewagen hüpft über die Bodenwellen, als würde auch er sich vor Lachen schütteln. Deshalb, sagt jemand, können uns die Wachleute nicht leiden: Wir verströmen kilometerweit gute Laune und verstehen Spaß.

Protest in Schijes
Dmitri aus der Wolgastadt Tscheboksary ist schon seit drei Monaten im Lager. „Schijes hat mir den Glauben an mein Volk zurückgegeben. Ich dachte schon, wir hätten unsere Zukunft verloren. Aber seit ich die Menschen hier gesehen habe, weiß ich: Alles wird gut.“ (Foto: Tino Künzel)

Hier oben an der Grenze der Region Archangelsk und der Komi-Republik soll „Europas größte Mülldeponie“ entstehen, sagen Kritiker. Vielleicht ist das übertrieben, vielleicht auch nicht. Die Gegenseite macht kaum Angaben. Ein Unternehmen namens Technopark, das der Stadt Moskau gehört, hat ein paar Flyer erstellt. Demnach soll Moskauer Hausmüll zunächst sortiert, zu Briketts verpresst und dann 1200 Kilometer nach Schijes transportiert werden.

Versprechungen ziehen nicht

Die Rede ist von mehreren Zügen am Tag. Moskau weiß nämlich schon lange nicht mehr, wohin mit dem eigenen Müll. Im Moskauer Umland stinken die Halden zum Himmel, was wiederholt für Proteste durch Anwohner gesorgt hat. Mit Schijes dagegen schien nach langer Suche in nah und fern ein fast schon idealer Standort gefunden zu sein: ringsum nichts als Wald, die nächsten Orte 20 bis 30 Kilometer entfernt. Und „europäische Technologie“ mache das Ganze sowieso unbedenklich, heißt es bei Technopark. Dem Müll würden vor der Lagerung alle organischen Inhaltsstoffe entzogen. Und wo nichts Organisches mehr übrig ist, kann auch nichts faulen, stinken und die Umwelt vergiften.

Nur: Die Menschen in der Region glauben den Deponie-Verfechtern aus der fernen Hauptstadt kein Wort. Sie haben überhaupt nur zufällig von den Plänen erfahren, als die Bauarbeiten schon liefen. Man hat ihnen von Anfang an nicht die Wahrheit gesagt oder gar eine öffentliche Diskussion geführt. Nun können auch in Aussicht gestellte soziale Leistungen, wie etwa kostenlose Behandlungen in „45 führenden Krankenhäusern“ Moskaus, sie nicht milde stimmen. Anders als die Regierung der Region Archangelsk übrigens, die das Vorhaben unterstützt und sich davon einen Geldsegen für den Haushalt verspricht.

95 Prozent sind dagegen

Laut Technopark sind inzwischen die „Vorbereitungsarbeiten“ abgeschlossen, die Technik wurde noch im Sommer abgezogen. Jetzt erst soll ein Projekt erstellt werden. Präsident Putin hat die Behörden angewiesen, die Meinung der Bürger in ihre Überlegungen einzubeziehen. Wenn es danach geht, ist das Projekt am Ende. In einer Lewada-Umfrage haben sich 95 Prozent der Einwohner der Region Archangelsk dagegen ausgesprochen.

Es geht durch den verschneiten Wald über eine Piste, die Gazprom anlegen lassen hat, um seine Gaspipeline zu warten, die hier verläuft. In einer halben Stunde ist Madmas erreicht, ein 800-Seelen-Ort mit Bahnstation, von wo aus mit dem Zug die Städte in der näheren und ferneren Umgebung zu erreichen sind. Urdoma, Kotlas, Syktywkar. Wer die Ereignisse um Schijes verfolgt, und das scheint in der Gegend so gut wie jeder zu sein, für den müssen die Ortsbezeichnungen klingen wie aus einer Kriegs­chronik. Kein Tag vergeht, in dem sie nicht im News Feed auftauchen.

Das neue Selbstverständnis des Nordens

In Madmas haben Einwohner die Durchgangsstraße blockiert, um Lkw nach Schijes auszubremsen. In Kotlas und in 29 anderen Orten wurden unbefristete „Mahnwachen“ eingerichtet, um sich zu zeigen, um zu informieren und Spenden für die die Leute in Schijes entgegenzunehmen. In Syktywkar sind erst vor einem Monat wieder mehrere tausend Menschen aus Protest auf die Straße gegangen.

Olga stammt aus Archangelsk. Sie sagt: „Selbst wenn man das Lager gewaltsam auflöst, schlagen wir es eben an anderer Stelle wieder auf. Die Leute sind zu allem entschlossen, wir gehen hier nicht weg. Das ist unsere Heimat, wir können nicht zurückweichen. Wofür sollte man sonst überhaupt leben?“ (Foto: Tino Künzel)

Schijes, Schijes, Schijes. Seit anderthalb Jahren geht das nun schon so. Der Name ist zum Inbegriff für einen Aufruhr geworden, wie ihn der russische Staat in dieser Breite noch nicht erlebt hat. Es brodelt im gesamten Norden, der, so hat man den Eindruck, plötzlich zu einem eigenen Subjekt geworden ist. „Der Norden ist keine Müllkippe“, steht auf immer neuen Transparenten. Im Sozialnetzwerk VK schreibt einer, er fühle sich immer weniger als Bürger Russlands und immer mehr als Bürger des Nordens.

Landstrich voller Tragik und Natur

Man hat in dieser Gegend, in die zu Sowjetzeiten erst die „Kulaken“ verbannt und dann tausende Gulag-Häftlinge beim Bau der Eisenbahn zu den Kohlerevieren in der Tundra verheizt wurden, nie groß seine Stimme erhoben. Auch wenn man fand, dass man von den vielen Bodenschätzen hier oben in der Region Archangelsk und der Komi-Republik eigentlich zu wenig hat. Man tröstete sich nicht zuletzt mit intakter Natur, mit Jagd und Fischfang, mit Pilzen und Beeren. Doch nun, wo ihre Luft, ihre Wälder und Gewässer in Gefahr sind, ist es mit dem Opportunismus vorbei.

Die Menschen in diesem Landstrich halten mehr zusammen als anderswo. Und sie sind zäher, nicht so leicht kleinzukriegen. Das lässt sich in Schijes beobachten, wo Aktivisten schon vor einem Jahr ihr Lager aufgeschlagen haben, um mit zivilem Ungehorsam die Bauarbeiten zu stören. Sie selbst sprechen von einer „Kommune“. Ringsum ist eine Mondlandschaft entstanden. Wald wurde gerodet, Muttererde aufgeschüttet, um den Boden zu bereiten für ein Nebengleis zu einer Entladestation. Und das alles auf sumpfigem Untergrund, wo man überhaupt nichts bauen dürfe, schütteln Kritiker den Kopf.

Seit Wochen herrscht nun schon Ruhe im Karton. Die Staatsmacht ist nur noch mit einem Moskauer Wachdienst vertreten. Man belauert sich gegenseitig.

Spenden aus ganz Russland

Im Sommer waren es teilweise Hunderte, die hier campierten. Im Moment sind es eher Dutzende. Keine Bildungsbürger, die grünes Denken schon mit der Muttermilch aufgesogen haben. Eher Leute, denen man auch in der Datschensiedlung begegnen könnte und die bis vor Kurzem sicher nicht geglaubt hätten, dass sie sich heute brennend für Mülltrennung interessieren.

Protest in Schijes
Konstantin saß drei Tage im Zug, um von der Region Rostow am Don nach Schijes zu gelangen und zwei Wochen zu bleiben. Die einfachen Bedingungen schrecken ihn nicht. „Ich habe im zweiten Tschetsche­nien-Krieg gedient.“ (Foto: Tino Künzel)

In einer Art Gewächshaus lagern die Vorräte. Das Meiste davon kommt von Unterstützern aus ganz Russland. Nebst Begleitschreiben. „Ihr seid die Helden unserer Zeit“, schreibt Jelena aus Moskau. Und Dmitri aus Tjumen, der warme Sachen und Lebensmittel geschickt hat, versichert: „Wir halten euch den Rücken frei. Wenn ihr etwas braucht, dann meldet euch einfach.“

„Geht nach Hause“

Mahnwache in Uchta, Komi-Republik (Foto: VK/Objediniwschijesja)

Wie lange sie hier wohl noch aushalten wollen? „Bis zum Sieg“, antwortet Ilona. „Viele hatten ja erwartet, dass diese Bewegung nach und nach einschläft. Dass wir uns den Hintern abfrieren und das Weite suchen. Aber wir sind immer noch hier.“

Auf dem Weg zum Außenposten „Lagerfeuer“, wo der Jeep auf sie wartete, ist Irina am Mittag einer Gruppe Wachleute in schwarzen Wollmasken begegnet. Da hat sie spontan eine kleine Rede gehalten. Sie seien doch „normale Jungs“, das spüre sie. Dass sie ihre Gesichter hinter den Masken versteckten, spreche für sich. „Ihr wisst, dass ihr das Falsche tut. Geht nach Hause, sucht euch eine richtige Arbeit und bewacht nicht diesen Dreckspark. Was wollt ihr sonst später mal euern Kindern sagen?“

Die Wachleute sagen keinen Ton. Auch der Staat ist bisher nicht auf Empfang gestellt. Er scheint die Tragweite dessen, was sich in der Gesellschaft gerade ändert, noch nicht begriffen zu haben.

Tino Künzel

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