Moskaus neue Schnaps-Liebe

Einst waren Rjumotschnajas Lokale für schnelles und billiges Trinken und Essen. Im neuen Russland galten sie lange Zeit als Überbleibsel der Sowjetunion. Jetzt hat Moskau eine neue Welle erfasst, die zeigt, wie vielfältig Schnaps-Shots sein können.

Rjumotschnajas
Neu-Wirt Alexander hat sich mit seiner Rjumotschaja einen Traum erfüllt. (Foto: Anton Schurawkow)

Alexander bekommt sofort leuchtende Augen, als er merkt, dass sich ein deutscher Journalist für seine Rjumotschnaja interessiert. Seit vier Monaten betreibt er am Rand des Moskauer Stadtzentrums die „Rjumotschnaja Iljitscha“. Für ihn ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen. Bevor er hier gelandet ist, hat Alexander, Jahrgang 1976, viel erlebt. Sechs Ausbildungen hat er abgeschlossen, hat in Deutschland gelebt und einen Rennstall geleitet. Als Taxifahrer hat Alexander Besserverdiener durch die Gegend gefahren und in Gesprächen mitbekommen, was ihnen in Moskau fehlt. Ein Ort, an dem man gemütlich Zeit verbringen kann und nicht zu viel Geld ausgibt, war die häufige Antwort. Da war für Alexander klar, dass er eine Rjumotschnaja eröffnen will.

Nach langen Querelen und der Corona-Pause war es vor vier Monaten endlich soweit. Die „Rjumotschnaja Iljitscha“ konnte ihre ersten Gäste empfangen. Und das in einem Raum, der mit der sowjetischen Vergangenheit spielt. Das wollen die Gäste, ist Alexander überzeugt. Der sowjetische Touch weckt in vielen die guten Erinnerungen an ihre Jugend, meint er.

Große Getränkeauswahl für wenig Geld

Bei den Getränken geht Alexander, der selbst nicht trinkt, indes neue Wege. Seine Schnapskarte umfasst 50 verschiedene Schnäpse und Liköre (nastojka im Russischen), alle selbst im Keller angesetzt. Die Rezepte sind teils klassisch, teils sehr alt aus ganz Osteuropa. Gefunden hat sie Alexander in Bibliotheken. Die große Auswahl erklärt er mit dem „sportlichen Interesse“ seiner Kunden. Die haben die „Rjumotschnaja Iljitscha“ gut angenommen. Es gibt ein paar Leute, die nach der Arbeit öfter mal vorbeischauen, sagt Alexander. Und solche, die gezielt kommen. Wie vier ältere Herren, die es sich an einem Mittwochnachmittag gutgehen lassen. Sie sind extra hergefahren, weil sie im Internet so viel Gutes über die Bar gelesen haben, erklärt einer von ihnen.

Anton Schurawkow kennt solche Leute wie Alexander gut. In seiner Freizeit bloggt der 35-jährige Journalist über Moskauer Kneipen und beobachtet die neue Rjumotschnaja-Welle. Viele spielen gerne aus Nostalgiegründen mit dem Sowjetischen, meint er. Das verwundert nicht, galten Rjumotschnajas damals doch als demokratische Orte der Sozialisation. Alle Schichten kamen zusammen, um sich ein Getränk zu gönnen und dazu einen Happen. Essen ist ein wichtiger Bestandteil von Rjumotschnajas, wird man so doch nicht allzu schnell betrunken. Im Endeffekt sind Rjumotschnajas dasselbe wie etwa Tapas-Bars, nur halt mit russischem Kolorit, meint Anton.

Dieses Kolorit scheint sich nun zu wandeln. Eigentlich begann die Wiedergeburt bereits vor ein paar Jahren nach der Craft-Beer-Revolution und hat in der Pandemie noch einmal an Fahrt gewonnen. Mittlerweile sind es vor allem junge Menschen, darunter erstaunlich viele Frauen, die sich für die Schnäpse und Liköre begeistern können. Einfach nur Wodka zu trinken ist schwer, man braucht immer etwas zu Essen dazu. Bei den nastojki ist das einfacher, meint Anton. Und die Jugend will nicht mehr an die Sowjetunion erinnert werden. Vor allem an die stinkenden Orte voller besoffener Menschen, wie sie die Rjumotschnajas damals waren.

Mehr als nur Sowjetnostalgie

Viele neue Rjumotschnajas gleichen deshalb eher Cocktailbars. Wie das „Wischnjowyj sad“ (Kirschgarten) in einem Hinterhof an den Patriarchenteichen. Hier, in der teuersten Gegend Moskaus, hat im Februar der neueste Laden von Dmitrij Izkowitsch aufgemacht. Der Herausgeber und Produzent Izkowitsch steht mit Rjumotschnajas wie dem Sinsiwer oder Juschnaja am Anfang der neuen Welle. Er schuf Orte, an denen vor allem junge Menschen für wenig Geld trinken und sich sozialisieren können. Genau das will das „Wischnjowyj sad“ auch, wie Barmann Michail erklärt. Eben weil die Patriarchenteiche so teuer sind, braucht es einen Laden, an dem man schon für 150 Rubel (1,70 Euro) ein Getränk bekommt. Schnell wird klar, dass es hier vor allem Studenten hinzieht.

Dass Rjumotschnajas immer beliebter werden, weil die Menschen weniger Geld haben, will Anton nicht so stehen lassen. Sicher sei das auch ein Grund, doch vielmehr erlebt Moskau gerade eine Ausdifferenzierung der Szene, ist er überzeugt. Der Rjumotschnaja-Boom ist eine Folge der Craft-Beer-Revolution. Das zeigt sich bei den nastojki. Klassisch tranken und trinken die Russen vor allem Schnäpse mit Meerrettich und Beeren, „das, was die Großeltern auf der Datscha zubereitet haben“, wie Anton erklärt. Doch Barmänner wie Alexander experimentieren immer häufiger. In den Rjumotschnajas wird viel ausprobiert und so letztendlich die Geschmackswelt der Moskauer erweitert. Diese Vielfalt zeigt sich auch in den Preisen, denn nicht alle Rjumotschnajas schenken ihre Schnäpse für nicht einmal zwei Euro aus.

Mini-Cocktails im Shot-Glas

Diese andere Welt kann man in der „Rjumotschnaja Metschty“ (Traum-Rjumotschnaja) erleben, das sich selbst als Luxus-Rjumotschnaja bezeichnet. Tatsächlich zahlt man hier mehr für die nastojki, doch das sind sie wert. Schließlich ist Chef-Mixer Semjon Karpow mit seinen Kreationen schon bei internationalen Wettbewerben angetreten. Was hier ins Glas kommt, erinnert eher an Cocktails, als an Shots und muss auch so getrunken werden. Wie etwa der „Geschmack der Kindheit“ mit Buchweizen, Erdbeere und Roselle.

Auf die Frage, wie man auf die Idee kommt, aus Buchweizen Schnaps zu machen, entgegnet Semjon, dass seine Frau das Pseudogetreide halt möge. Sich neue Kreationen auszudenken, macht ihm Spaß, sagt Semjon. Immer wieder gehen ihm neue Rezepte durch den Kopf. Wie lange er braucht, einen neuen Drink zu kreieren? Kommt darauf an, wie schnell die Zutaten da sind, meint er selbstbewusst.

Zum Abschied schenkt Semjon seine neueste Kreation, einen Steinpilz-Kaki-Shot, ein. Für Anton ist damit jedoch nicht Schluss. Er will auch weiter schauen, wie sich Moskaus Rjumotschnajas entwickeln. Und später vielleicht eine eigene Bar aufmachen.

Daniel Säwert

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