Moskau, Mussolini und alte Meister

Die wechselvollen Jahre der Zwischenkriegszeit prägten italienische und sowjetische Künstler. Eine Schau in der Moskauer Galerie Heritage widmet sich dieser heute weitgehend unbekannten Verbindung der Malerei beider Staaten, die sich auch von der Renaissance inspirieren ließ.

Surreal: In der „Unfall“ verarbeitete Alexej Sernow die Verhaftung seines Bruders in der Stalinzeit. Foto: heritage-gallery.ru

Nachkriegszeit in Europa, 1922, die Welt ist im Umbruch. Die Bolschewiki setzen sich im russischen Bürgerkrieg endgültig durch und gründen die Sowjetunion. In Italien marschiert der zukünftige Diktator Benito Mussolini auf Rom zu und übernimmt die Macht in der Ewigen Stadt. Die Menschen hoffen auf eine neue Ära. Beeinflusst davon werden nicht nur Gesellschaft und Politik, sondern auch Kunst und Kultur.

Ein Neues Jahrhundert und Mussolinis Geliebte

Die Moskauer Galerie Heritage zeigt die Gemeinsamkeiten italienischer und sowjetischer Gemälde dieser Zeit. Die Ausstellung mit dem Namen „Spielart des Novecento. Nichtsowjetische sowjetische Kunst 1920 – 1930“ verbindet mehr als 70 Bilder. Darunter auch sieben Leihgaben aus dem Puschkin-Museum. Das spricht für die Ausstellung. Nur sehr selten vergibt das staatliche Puschkin-Museum seine Gemälde an private Galerien.
Novecento, übersetzt das „neue Jahrhundert“, ist der Name der Kunstbewegung rund um die Geliebte Mussolinis, Margherita Sarfatti.

Die Gruppe wollte modern sein. Zeitgenössische Themen sollten unter Rückbezug auf die großen Maler der Renaissance, wie Sandro Botticelli und Michelangelo, in Farbe gebracht werden. Abstrakte und avantgardistische Elemente wurden weitestgehend abgelehnt. Genau wie in der  Sowjetunion besannen sich Künstler zurück auf Ikonenmalerei, Renaissance und Antike.

Auf der Suche nach Parallelen

Die Kuratorin der Ausstellung Anastassija Dokutschajewa erklärt gegenüber der MDZ: „Novecento war eine Kunstbewegung. Die sowjetischen Künstler, die hier gezeigt werden, können nicht als Kunstbewegung bezeichnet werden. Nein, wir sind es die Parallelen suchen“. In beiden Staaten, der Sowjetunion und dem faschistischen Italien, wurde die Malerei von den historischen Gegebenheiten einer totalitären Diktatur beeinflusst.

Schlendert man durch die Heritage-Galerie werden diese Parallelen unmittelbar deutlich: „Die Art und Weise zu malen ist sehr ähnlich, da in beiden Fällen Tradition und klassische Ideen verbunden werden“.

Zugerichteter Teddybär steht für tragisches Schicksal

Beispielhaft für die Ausstellung ist der weitestgehend unbekannte, sowjetische Künstler Alexej Sernow. Sein Gemälde „Unfall“ zeigt ein Spielzeugauto und den abgetrennten Kopf eines Teddybären. Die surreale Szenerie ist mit dem persönlichen Schicksal des Malers verknüpft. Im Jahr 1937, als sich der sowjetische Terror auf dem Höhepunkt befand, wurde sein Bruder ohne Grund verhaftet und ermordet.

Anastassija Dokutschajewa verdeutlicht: „In all den Werken findet sich ein Schatten und das Gefühl einer kommenden Katastrophe – des Zweiten Weltkriegs“. Trotz der historischen und künstlerischen Ähnlichkeiten: Ein reger Austausch zwischen der Novecento-Bewegung und sowjetischen Künstlern fand nicht statt. Nur selten stellten ausländische Künstler ihre Bilder in der Sowjetunion aus. Trotzdem verbindet die Geschichte Maler beider Länder.

Gerade dieser Zusammenhang macht „Spielart des Novecento. Nichtsowjetische sowjetische Kunst 1920 – 1930“ interessant. Mussolini und Stalin prägten, wie in der Ausstellung zu sehen, die italienische und sowjetische Künstlergeneration der Zwischenkriegszeit.

Nikolaus Michelson

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