
Stadt im Digitalmodus
Seit dem 1. März sind Vorschriften in Kraft getreten, die es Betreibern ermöglichen, die Kommunikation auf Anforderung der Sicherheitsbehörden einzuschränken. Solche Maßnahmen kommen in mehreren Regionen bereits seit über einem halben Jahr zum Einsatz, doch in der Hauptstadt löste die Situation eine deutlich breitere Reaktion aus: Schließlich gilt Moskau als eine der technologisch fortschrittlichsten und lebenswertesten Städte – zumindest in Russland. Hier sind das Niveau digitaler Services und die Geschwindigkeit ihrer Bereitstellung außergewöhnlich hoch. Warenlieferung innerhalb einer Stunde, Taxi in wenigen Minuten, Bezahlung durch Auflegen des Smartphones ans Terminal oder gar per Biometrie – das war bislang Normalität. Der Ausfall des mobilen Internets stellt ein ernstes Problem für den Handel dar – insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen – sowie für die Kunden.
Navigation im Blindflug
Nach verschiedenen Schätzungen könnte der Gesamtschaden für die Moskauer Unternehmen in den ersten Tagen der Einschränkungen zwischen drei und fünf Milliarden Rubel betragen haben. Wie die Analystin Alla Startschenko bemerkt: „Kunden können Verkäufer nicht mehr über Messenger und Chatbots erreichen, die Bearbeitung von Bestellungen und Anfragen erfolgt mit erheblichen Verzögerungen.“ Ihrer Aussage nach „können Lieferdienste und Kuriere Aufträge weder erhalten noch bestätigen, kommen zu spät und verirren sich, da Online-Navigatoren nicht funktionieren oder Routen durcheinanderbringen“, zudem sei das System der Online-Terminvereinbarung außer Betrieb.
Teleportation ins Nirgendwo
Natürlich betraf das Problem auch das einst mustergültig funktionierende Moskauer Taxi-System. Schwierigkeiten gab es zwar schon früher: Der Navigator, auf dem heute alle Taxis basieren, konnte unvermittelt vom Moskauer Stadtzentrum an den Stadtrand von Dmitrow „springen“. Aktuell hat sich das Problem verschärft. Laut Andrej Popkow, Vorsitzender der Gewerkschaft „Taxifahrer“, können Fahrer wegen der aktuellen Beschränkungen „nicht mehr zu Aufträgen gelangen“.
Unter diesen Bedingungen suchen die Dienste nach Ausweichlösungen. Wie der Autojurist Alexander Schumski berichtete, hat „Yandex Taxi“ für Fahrer ein neues Bestellsystem eingeführt: Sie können den „Offline-Modus“ aktivieren und den Dispatcher telefonisch kontaktieren. Anschließend sucht der Dienst selbst nach einem Fahrgast und ruft den Fahrer zurück, um die Adresse zu übermitteln. „So sieht unsere digitale Realität nun aus“, fasste Schumski zusammen.
Smartphone als Ziegelstein
Die vorherrschende Stimmung ist, nach sozialen Netzwerken und Presse zu urteilen, ausgesprochen schlecht. Kommentatoren merken an, dass ohne Internet und Verbindung nicht einmal grundlegende Alltagsaufgaben zu bewältigen seien. Bürger rufen ihre Mobilfunkanbieter an und fordern ihr Geld für das nicht funktionierende Internet zurück. Die Unternehmen antworten jedoch, das Problem liege nicht bei ihnen, die Einschränkungen würden von der Regierung aus Sicherheitsgründen verhängt.
Doch es gibt auch jene, die in dieser Situation zu scherzen versuchen, um die Spannung zu reduzieren, die aus der Erkenntnis entsteht, dass „das Smartphone zum Ziegelstein geworden ist“. Manche finden darin sogar Vorteile: „Wenn ich mich konzentrieren möchte, fahre ich ins Zentrum – denn hier gibt es kein Internet, und ich werde nicht abgelenkt“, schreiben Nutzer. Laut Buchhandlungen ist zudem die Nachfrage nach gedruckten Stadt- und U-Bahn-Plänen gestiegen. Auf Online-Marktplätzen finden Funkgeräte und Pager reißenden Absatz.
Kein Signal – trotzdem ruhig bleiben
Angesichts wachsender Unzufriedenheit bei Nutzern und Unternehmen begründen die Behörden die eingeführten Einschränkungen mit den Sicherheitsanforderungen. Im Kreml betont man den erzwungenen Charakter dieser Maßnahmen. Dmitri Peskow, Pressesprecher des Präsidenten, erklärte zur Situation, die Handlungen der Kommunikationsbetreiber entsprächen vollständig der Gesetzgebung. Er fügte jedoch hinzu, dass auch die Probleme für das Unternehmertum gelöst würden: „Was die Probleme betrifft, die dies für das Geschäft mit sich bringt, so ist dies natürlich Gegenstand zusätzlicher Analysen.“
Niemand hat die Abschaltung des mobilen Internets und die mögliche vollständige Blockierung populärer Messenger so häufig und scharf kommentiert wie der Staatsduma-Abgeordnete Andrej Swinzow. Er bezog eine eindeutige Position: „Die Sicherheit der Menschen ist wichtiger als ein funktionierendes Internet.“ Seiner Aussage nach werde das Land verwundbar, wenn der Staat die Fähigkeit verliere, die Kommunikation operativ zu blockieren. Angesichts der Bedrohung zeigte er sich bereit, auf digitale Güter zu verzichten.
Retro-Kommunikation
Unter den gegenwärtigen Realitäten kann das, was als Meme oder Scherz entsteht, sehr bald Wirklichkeit werden. Zumindest ist dies beim Vorschlag geschehen, zu bewährten Kommunikationskanälen wie Festnetztelefonen zurückzukehren. „Man muss vergessene Dinge wiederentdecken, zum Beispiel die Stadttelefonie. Viele haben noch Telefone zu Hause. Wir kehren dazu zurück. Man muss zu Bürotelefonen zurückkehren. Es gibt nicht nur Mobiltelefone, sondern auch die kabelgebundene Verbindung“, merkte Andrej Swinzow an. „Das Thema der Wiederbelebung von Straßen-Telefonzellen ist dringend geworden, jedoch mit Internetzugang. Dies wird es den Bürgern ermöglichen, auch während einer Abschaltung in Verbindung zu bleiben und ein angemessenes Sicherheitsniveau zu gewährleisten“, erklärte der Staatsduma-Abgeordnete Igor Antropenko.
Parallel sprechen die Behörden über die Notwendigkeit, ein neues System des Zugangs zu Kommunikationsdiensten aufzubauen. Insbesondere wird ein Mechanismus sogenannter weißer Listen diskutiert – eine Liste von Diensten, denen der Betrieb auch während der Einschränkungen garantiert wird.
Die Liste der Erlaubten
Voraussichtlich werden in die „weißen Listen“ wichtige digitale Dienste aufgenommen – Bankanwendungen, Taxi, Lieferdienste und andere Plattformen, ohne die ein normaler Betrieb der Stadt nicht aufrechterhalten werden kann. Für Unternehmen wird dies zur Überlebensfrage: Firmen stellen bereits Anträge auf Aufnahme.
Parallel versuchen sie, Ausweichlösungen zu finden. Die Verleihdienste für Elektroroller begannen, den Betrieb ohne mobiles Internet per SMS zu testen. Die Dienste merken jedoch an, dass die SMS-Technologie das Problem nicht vollständig löst und ein stabiler Betrieb dennoch nur bei Netzwerkzugang möglich ist. Daher bleibt die Aufnahme in die „weißen Listen“ für ihre Arbeit entscheidend.
Stabilität als Lotterie
Derzeit normalisiert sich die Situation allmählich, aber von einer vollständigen Wiederherstellung kann noch keine Rede sein. In einigen Stadtteilen gibt es Internet, in anderen verschwindet es, und oft ähnelt dies eher einer Lotterie als einem stabilen System.
Moskau war Trendsetter in Sachen elektronischer Dienste. Man möchte nicht, dass jemand – wer auch immer – diese Erfahrung der russischen Hauptstadt nimmt.
Glafira Baturina


