Mit Maulkorb durch das Riesenreich

Auf Einladung der russischen Regierung erkundete Alexander von Humboldt vor 190 Jahren die Weiten des Zarenreiches. Welche Erkenntnisse die achtmonatige Expedition dem Universalgelehrten bescherte und was er auf der 18.000 Kilometer langen Strecke erlebte, beschreibt Oliver Lubrich in seinem Buch „Die Russland-Expedition. Von der Newa bis zum Altai“. Die MDZ hat mit dem Literaturwissenschaftler gesprochen.

Alexander von Humboldt reiste im Jahr 1829 für acht Monate durch Russland. /Foto: itd2.mycdn.me

Vor genau 190 Jahren, im April 1829, brach der Universalgelehrte Alexander von Humboldt zu einer mehrmonatigen Expedition durch Russland auf. Wie kam es dazu?

Es gab eine Anfrage des russischen Finanzministers Georg von Cancrin, der Alexander von Humboldt in Währungsfragen konsultierte. Im Verlauf des Briefwechsels deutete Cancrin an, dass die bodenschatzreichen Regionen in Russland es wert wären, von einem bedeutenden Naturforscher bereist zu werden. Humboldt nahm diese Andeutung auf, und es erfolgte eine Einladung durch die russische Regierung. Im Gegensatz zu seiner ersten großen Reise in Amerika, die er selbst bezahlt hatte, wurde Humboldt bei der Reise nach Russland von der russischen Regierung finanziert. Die Regierung versprach sich neben dem Prestigegewinn insbesondere Rat über die Ausbeutung von Rohstoffen.

Wo begann die Reise und welche Regionen besuchte der Forscher?

Humboldt reiste über das Baltikum an, dann ging es über St. Petersburg, Moskau, quer durch das russische Reich über den Ural und das Altai-Gebirge, bis nach Sibirien. Am äußersten Punkt begegnete er sogar chinesischen Grenzwächtern. Zurück ging es an der Südflanke des Zarenreiches, entlang der heutigen russisch-kasachischen Grenze. Er unternahm eine Ausfahrt auf das Kaspische Meer. Die Reise endete in St. Petersburg, wo Humboldt in einer Rede an der Akademie der Wissenschaften seine Beobachtungen zusammenfasste und seine Idee international vernetzter Forschungsstationen vorstellte.

Humboldt durfte über seine Beobachtungen in Russland nicht sprechen. Wie frei war er in seinen Forschungen im Zarenreich?

Es ist besonders wichtig, sich dies bewusst zu machen. Humboldt wird viel gefeiert und zu Recht bewundert als fortschrittlicher und liberaler Wissenschaftler. Die russische Reise zeigt aber auch einen problematischen Humboldt, der Kompromisse eingehen musste. Zu diesen Kompromissen gehörte, dass er dem Finanzminister versprach, kein Wort über die sozialen Verhältnisse in Russland zu veröffentlichen. Das bedeutet, dass er keinen Reisebericht herausbringen konnte. Anhand seiner Reiseaufzeichnungen können wir jedoch nachvollziehen, was er sah und worüber er schweigen musste, etwa die Deportation von Verbannten nach Sibi­rien oder die Verfolgung polnischer Dissidenten. Politische Beobachtungen konnte er privat aufzeichnen oder seinem Bruder mitteilen, aber nicht öffentlich machen.

Oliver Lubrich hat die Expedition von Alexander von Humboldt erforscht. /Foto: Oliver Lubrich

Humboldt legte während seiner achtmonatigen Tour mehr als  18.000 Kilometer quer durch das russische Riesenreich zurück. Wie mühsam war die Reise für den immerhin schon 60-Jährigen?

Im Vergleich zur Reise durch Amerika, wo er fünf Jahre unterwegs war und zu Fuß die Anden überquerte, ging die Russland-Expedition sehr viel schneller, große Strecken wurden mit der Kutsche zurückgelegt. Schwierigere Passagen gab es im Gebirge und auf einer Strecke, welche die Reisenden in Quarantäne passieren mussten, da es eine ansteckende Krankheit zu vermeiden galt. Insgesamt war es aber wohl nicht so strapaziös wie etwa die Fahrt im Einbaum auf dem Orinoco in Südamerika.

Warum ist die Russland-Expedition heute weit weniger bekannt als Humboldts fünfjährige Forschungsreise durch Amerika?

Das mag einerseits daran liegen, dass die amerikanische Reise 30 Jahre vorher Humboldts Weltruhm begründete und alles Folgende überschattete. Ein anderer Grund ist die Zeugnislage: Durch die politischen Umstände, unter denen Humboldt reiste, konnte er eben keinen Reisebericht und keine ethnographischen oder sozialwissenschaftlichen Studien veröffentlichen, wie er es über Amerika tat. Sein Hauptwerk über die andere Reise, „Zentral-Asien“, ist eine multidisziplinäre Darstellung eines geografischen Großraums, also ein ganz anderes Konzept als die Reiseberichte zu Amerika, die ein größeres Publikum erreichten. Hinzu kommt, dass einfacher zugängliche Texte, wie die Briefe und sein Tagebuch, lange Zeit unveröffentlicht blieben. Eine Wiederentdeckung der russischen Reise begann 2009 mit der vollständigen deutschen Ausgabe des Buches „Zentral-Asien“ und der Edition der russischen Reisebriefe.

Was waren die Resultate der Russland-Expedition?

Die Ergebnisse sind vielfältig. Einerseits naturwissenschaftlich: Humboldt entwickelte die Idee eines menschengemachten Klimawandels. Die Energiegewinnung in Russland war ineffizient, wie Humboldt erkannte: Man verfeuerte großflächig Wälder, Emissionen wurden in die Luft geblasen, die Niederschlagsmenge sank, die Temperatur stieg, das Klima veränderte sich – nicht nur punktuell und kurzzeitig, sondern großflächig und langfristig. Ein anderes Ergebnis ist literarisch: Humboldt berichtete von seinen Reisen zunehmend abstrakter. Erst führte er Reisetagebücher, dann schrieb er Reiseberichte und er führte Studien zu verschiedenen Ländern durch, zu Kuba und Mexiko. Mit „Zentral-Asien“ verfasste er ein Werk über einen ganzen Kontinent. Er beschrieb einen Großraum mit allen wissenschaftlichen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Der nächste Schritt, sein letztes Werk ist dann der „Kosmos“: die ganze Welt in einem Buch, eine Reise durch das Universum.

Das Gespräch führte Fiete Lembeck.

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