Mit einer Prothese zum Internet-Ruhm

Erst hielt er seine Krankheit geheim, dann suchte er die Öffentlichkeit – und wurde zum Star im Internet: Dmitrij Koschetschkin ist nach der Amputation eines Unterarmes auf eine bionische Prothese angewiesen. Warum er sich nicht mehr verstecken wollte, hat er der MDZ erzählt.

Dmitrij Koschetschkin. /Foto: Ljubow Trawkina

Als bei Dmitrij Koschetschkin ein bösartiger Knochentumor festgestellt wurde, befand er sich noch ganz am Anfang seines Studiums an der Russischen Universität für Erdöl und Gas. Er war aktiv, engagierte sich im Studienrat, trat bei internationalen Konferenzen auf. Seine Krankheit nahm er stoisch hin. „Das sollte mein ganz persönliches Abenteuer werden“, erinnert sich der 23-Jährige. Er habe die Diagnose daher zunächst geheim gehalten, ein Praktikum in einer anderen Stadt gemacht und sich zurückgezogen. Doch dann schlug die Chemotherapie nicht an und Dmitrij dämmerte, dass er Unterstützung brauchte.

Der Student ging ins Internet und begann, unter dem Titel „Krieger des Lichts“ ein Online-Tagebuch zu führen. Außerdem schrieb er in sozialen Medien über sein Leben mit der Krankheit und gab Leidensgenossen Tipps zum Umgang mit der Krankheit. Wo bekommt man Hilfe? Was tut man gegen die Verzweiflung? Schon bald bekam Dmitrij Nachrichten und Geldspenden von wildfremden Menschen und wurde zu einem Internetstar.

Tapfer trotz Tumor

Doch der Tumor ließ sich von der Unterstützung nicht aufhalten. Dmitrij musste der Unterarm amputiert werden, was er tapfer ertrug. Schon Monate vor der Operation hatte er mit der Suche nach einer Prothese begonnen und war dabei auf die Firma „Motorika“ gestoßen. Das Unternehmen produziert hochwertig ausgestattete bionische Prothesen für Arme und Beine. „Ich wollte nicht deshalb eine Prothese haben, weil es mir peinlich gewesen wäre, nur noch einen Unterarm zu haben“, erklärt Dmitrij. „Es ist einfach ein praktisches Gadget, das ich benutze, wenn ich ganz auf mich allein gestellt bin.“

An den künstlichen Unterarm gewöhnte sich Dmitrij schnell. Nur einen Monat benötigte er, um einfache Tätigkeiten wie das Ergreifen von Gegenständen und das Binden von Schnürsenkeln zu meistern. Mittlerweile kann er mit der Prothese auch kochen und Auto fahren. Die bionische Prothese wird mit einer langlebigen Batterie betrieben. Eine Ladung reicht für bis zu 50 Stunden. Außerdem hat die Arm-Prothese einen Stand-by-Modus wie ein Computer. Um Energie zu sparen, muss Dmitrij einfach nur einen speziellen Knopf drücken. Zudem ist die Prothese leicht und einfach zu tragen.

Mit der Prothese in der Metro

Es gibt aber auch ein Minus. Im abgenommenen Zustand lässt sich das Gerät wegen seiner Länge nur umständlich transportieren „Ich habe die Prothese mal in den Rucksack getan“, lacht Dmitrij. „Stellen Sie sich mal vor, Sie fahren Metro und bei so einem Typ ragt aus dem Rucksack eine Hand heraus!“

Dabei sind die Reaktionen der Moskauer nicht immer zum Lachen. Es passiere häufig, dass ihn Unbekannte ansprächen und sich erkundigten, was er mit seinem Arm gemacht habe – und wozu? Um diese Einstellungen zu ändern, trat Dmitrij dem Verein für Cyber-Athletik bei, in dem sich Prothesen-Träger organisieren, um miteinander Sport zu treiben und sich auszutauschen. „Wir versuchen, das Bild weg vom Invaliden hin zum Cyborg zu verändern“, erklärt Dmitrij. „Also einem Menschen mit einer ungewöhnlichen technischen Ausrüstung.“ Dies sei besonders wichtig für Kinder mit Prothesen, damit diese nicht das Gefühl entwickelten, mit ihnen stimme etwas nicht. „Wir erzählen ihnen, sie seien Superhelden!“

Cyber-Sport gegen Vorurteile

Außerdem führt die Organisation Infoveranstaltungen zum Leben mit Prothesen durch und lädt Zuschauer zu sogenannten Cyborg-Wettkämpfen ein. Bei diesen müssen die Sportler Aufgaben erfüllen, die für einen Menschen mit zwei Händen und Füßen kein Problem darstellen. So küren die Cyborg-Sportler beispielsweise die Besten in Disziplinen wie Nagel-Einschlagen, Wäsche-Aufhängen und Tee-Eingießen.

Sogar eine Erklärung mit den Grundrechten von Menschen, die Prothesen tragen, haben die Cyborg-Athleten in diesem Sommer ausgearbeitet. „Das ist notwendig, damit Leute, die neue technische Apparate in ihren Körper integrieren, ausreichend soziale Unterstützung und Hilfe bekommen.“ Die Erklärung sei im Moment juristisch zwar noch wirkungslos. Es ist aber geplant, das Dokument der Duma zu einer Überprüfung vorzulegen.

Ljubawa Winokurowa

Kommentare

Kommentare

Newsletter




Wir bitten um Ihre E-Mail: