Mensch und Künstler: Dirigent Thomas Sanderling im Interview

Für seine Verdienste um die klassische Musik in Deutschland und Russland wird der heutige Dirigent der Nowosibirsker Philharmonie mit dem Anna-German-Preis im Bereich Kultur des Wettbewerbs „Russlands herausragende Deutsche“ ausgezeichnet.

Thomas Sanderling
Thomas Sanderling ist seit 2017 Chefdirigent der Nowosibirsker Philharmoniker.

Herr Sanderling, zuerst: herz­lichen Glückwunsch zur Ehrung im Wettbewerb „Russlands herausragende Deutsche“. Sie erhielten im offenen Votum 85 Prozent der Stimmen, was bedeutet Ihnen dieser Anlass?

Ich muss ehrlich sein: Bis man auf mich zugekommen ist, wusste ich nicht von der Existenz dieses Wettbewerbs. Andererseits wurde mir mitgeteilt, dass ich, da alle Wähler in allen Kategorien abstimmen mussten, mit der höchsten Prozentzahl überhaupt geehrt wurde. Um Ihre Frage zu beantworten: Meine Eltern sind Berliner, ich bin in Nowosibirsk geboren, entsprechend hat das schon eine emotionale Bedeutung für mich.

Sie sprechen es schon an: Sie sind als Sohn jüdischer Geflohener 1942 in Nowosibirsk geboren, sind in Petersburg aufgewachsen, haben in Deutschland studiert und lange dort dirigiert. 2017 sind Sie als Chefdirigent nach Nowosibirsk, an die Philharmonie zurückgekehrt. Schließt sich da ein Kreis?

Ja und nein – inzwischen haben wir das Orchester auf einen hohen Standard entwickelt, worüber die wiederholten Einladungen aus Moskau und aus dem Ausland, zum Beispiel London und Edinburgh, Zeugnis ablegen. In diesem Sinne ja, da das Orchester jetzt wirklich auf hohem Niveau ist. Wie IMG [der Konzertveranstalter, Anm. d. Red.] in London konstatiert hat, ist es eines der besten russischen Orchester. Aber es ist eigentlich zufällig gekommen. Nach der Perestroika hatten einige russische Orchester mich auf der Liste. So bin ich mit der neunten Mahler [Symphonie, Anm. d. Red.] an das Tschaikowsky Symphonie Orchester, mit dem mich eine künstlerische Freundschaft verbindet, zurückgekommen. Davon hörte Arnold Katz [Gründer der Nowosibirsker Philharmonie, Anm. d. Red.] und hat darauf bestanden, dass das Goethe-Institut mich nach Nowosibirsk bringt. Ich wurde Principal Guest, und nun bin ich vom künstlerischen Rat der Musiker zum Chefdirigenten gewählt worden.

Haben Ihre erfolgreichen internationalen Tourneen mit der Nowosibirsker Philharmonie auch die Hierarchie zwischen den Moskauer und Petersburger Orchestern und Ihren Kollegen anderswo in Russland verändert?

Ich denke, das Bild in Russland hat sich geändert. Es gibt nicht nur in Moskau und Petersburg musikalisches Leben auf hohem Niveau, sondern die Moskauer und Petersburger Orchester reisen jetzt mehr durchs Land, genauso unseres, und die Orchester aus Kasan und Jekaterinburg. In so einem territorial großen Land ist es gut, dass diese Entwicklung, wie es sie im Ausland gibt, auch in Russland eingetreten ist.

Sie sind 2017 an die Nowosibirsker Philharmonie gekommen, 2019 hat an der Berliner Philharmonie der Russe Kirill Petrenko übernommen. Ist das Zufall, dass ein deutscher und ein russischer Kollege im jeweils anderen Land einen solchen Posten übernommen hat?

In der Musikkultur ist Russland jetzt auch in die internationalen Gepflogenheiten eingetreten – überall auf der Welt können Ausländer tätig sein. Man muss aber auch dazu sagen, dass Petrenko oder auch der Pianist Igor Levit ethnisch russische Juden sind, aber beide schon im Kindesalter in Deutschland und Österreich waren.

Was bei Ihnen ja ganz ähnlich ist.

Ja, und wenn jemand sich im frühen Alter kulturell emanzipiert, das merkt man auch bei Solisten wie Vadim Repin, dann spielen sie zum Beispiel Beethoven absolut adäquat und authentisch, im Sinne des Empfindens.

Auch Ihre Biografie hängt mit einer jüdischen Fluchtgeschichte zusammen. Später haben Sie immer wieder Erfolge mit der Musik jüdischer oder von jüdischer Musik beeinflusster Komponisten gefeiert, vor allem Mieczeslaw Weinberg und Schostakowitsch. Ist das auch ein wichtiges Thema in Ihrem Leben?

Ich habe viel Weinberg aufgeführt, zum Beispiel die weltweite Uraufführung seiner letzten Oper „Der Idiot“ in Mannheim, auch die russische Premiere am Mariinsky. Aber nicht deswegen, weil er Jude war, sondern weil er ein außerordent­licher Komponist war, der übrigens überall, nicht nur beim Orchester, sondern auch beim Publikum, großen Eindruck hinterlässt.

Vor zwei Jahren meinten Sie in einem Interview, kulturelle Kontakte könnten in schwierigen Zeiten das Verhältnis zwischen Ländern aufrechterhalten. Seitdem ist das Verhältnis Deutschlands und Russlands sicher nicht unkomplizierter geworden. Wie blicken Sie heute auf den deutsch-russischen Austausch?

Sie haben gleich mehrere Fragen gestellt. Die Erfahrung zeigt, das wissen Künstler, aber auch Politiker, dass die Kultur oft die stabilste Brücke zur Erhaltung der Beziehungen ist. Als ich in Leningrad in der Schule war, ist mir in frühen Jahren die besondere Verbindung Deutschlands und Russlands erst klar geworden. Nehmen Sie als Beispiel Tschaikowsky: Nachdem seine fünfte Symphonie unter der Leitung des Autors schrecklich durchgefallen ist, hat sich der russische Kritiker Kaschkin an den deutschen Dirigenten Arthur Nickisch gewandt. Nickisch hat das Stück in Russland aufgeführt und es wurde ein Triumph. Der deutsche Dirigent Nickisch hat also die fünfte Tschaikowsky erst in der weltweiten Musikkultur installiert. Ich glaube beide Länder haben historisch eine wichtige Beziehung, kulturell und praktisch. Dann kam es zu der schrecklichen schwarzen Seite in dieser Geschichte durch den Hitlerfaschismus und dem Überfall auf die Sowjetunion. Umso schöner ist, dass man sich in den letzten Jahrzehnten wieder auf diese alten und wichtigen Beziehungen besonnen hat.

Die Fragen stellte Thomas Fritz Maier.

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