Leningrad: „Größte Stadtkatastrophe im Zweiten Weltkrieg“

Die meisten Leningrader bekamen im Zweiten Weltkrieg nicht einen einzigen deutschen Soldaten zu Gesicht. Dennoch starb zwischen 1941 und 1944 ungefähr jeder Dritte von ihnen, während die Wehrmacht draußen vor den Toren der Stadt stand. Ab dem 8. September vor 80 Jahren war Leningrad eingeschlossen. Über eines der traurigsten Kapitel des Krieges hat die MDZ mit dem deutschen Historiker Jörg Ganzenmüller von der Friedrich-Schiller-Universität Jena gesprochen, der auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Ettersberg in Weimar ist.

Auf dem Piskarjowo-Gedenkfriedhof in St. Petersburg sind etwa 500.000 Blockadeopfer begraben. (Foto: Alexander Galperin/RIA Novosti)

Nur zweieinhalb Monate brauchten die Deutschen, um nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion bis nach Leningrad vorzudringen und die Stadt – zusammen mit den Finnen – von der Außenwelt abzuschneiden. Wie war das möglich?

Die Wehrmacht hatte ja ein Jahr zuvor auch die französischen Streitkräfte in nur sechs Wochen besiegt. Aber nicht nur ihrer militärischen Schlagkraft waren die Anfangs­niederlagen der sowjetischen Seite geschuldet. Sie hatten auch mit Stalin zu tun.

Erstens war die Rote Armee durch ihre „Enthauptung“ im Zuge des stalinistischen Terrors geschwächt: 1937 und 1938 wurden von den rund 178.000 militä­rischen Führungskadern rund 35.000 verhaftet, darunter nicht zuletzt drei von fünf Marschällen, 13 von 15 Armeebefehlshabern oder 154 von 186 Divisionsgenerälen. Diesen Aderlass hatte die Armee 1941 noch nicht kompensiert. Zweitens hatte Stalin sämtliche Warnungen vor einem deutschen Angriff im Juni 1941 in den Wind geschlagen, so dass die Rote Armee schlechter auf den Angriff vorbereitet war, als sie es hätte sein können.

Welche Rolle spielte Leningrad in den Planungen von Hitler?

Hitler wollte Leningrad und auch Moskau dem Erdboden gleichmachen.

Diese Absicht resultierte aus der nationalsozialistischen Hungerpolitik. Diese sah vor, dass die landwirtschaftliche Produktion der Sowjetunion zur Ernährung der Wehrmacht und der deutschen Zivilbevölkerung herangezogen werden sollte. Die sowjetische Großstadtbevölkerung galt in diesem Kalkül als „überflüssiger Esser“.

Wie kam es zu dem Entschluss, Leningrad zu belagern, anstatt es einzunehmen?

Im September 1941 war der deutsche Blitzkrieg gescheitert. Die Wehrmacht musste ihre Kräfte bündeln und gab der Schlacht um Moskau eine höhere Priorität als der Eroberung Leningrads. Die Entscheidung zur Belagerung entsprach aber auch der bereits erwähnten Hungerpolitik. Sie wurde vorwiegend damit begründet, dass man die Leningrader nach einer Einnahme der Stadt nicht ernähren wolle und deshalb die Stadt besser abriegle, bis alle verhungert seien.

Kalkulierten die Deutschen eine Kapitulation der Stadt ein und wie wäre wohl darauf reagiert worden?

Es gab im Oktober 1941 eine Diskussion, wie mit einem Kapitula­tionsangebot umzugehen wäre, sollte dieses erfolgen. Hier entschied letztlich Hitler, dass eine Kapitulation nicht anzunehmen sei, weil man die Leningrader nicht ernähren könne und auch nicht ernähren wolle.

Besonders der erste Blockadewinter 1941-1942 war fürchterlich und kostete immense Opfer unter der Zivilbevölkerung. Was waren das für Szenen, die sich in der Stadt abspielten?

Im belagerten Leningrad spielte sich die größte Stadtkatastrophe des Zweiten Weltkriegs ab. Von drei Millionen Einwohnern fiel rund eine Million der Blockade zum Opfer. Die meisten starben an Hunger und Kälte.

Die Lebensmittelvorräte der Stadt waren bald nach Beginn der Belagerung aufgezehrt. Die Rationen mussten immer weiter gesenkt werden, bis sie im November 1941 ihren Tiefststand erreichten: Ein Leningrader Arbeiter erhielt pro Tag 250 Gramm Brot, seinen Familienangehörigen stand sogar nur die Hälfte zu.

Doch selbst diese Hungerration existierte lediglich auf dem Papier. Vielfach konnten die Menschen ihre Lebensmittelkarten nicht eintauschen, weil die Geschäfte leer waren. Und das Stückchen Brot, das sie unter Umständen bekamen, verdiente kaum seinen Namen. Es bestand zum großen Teil aus Zellulose oder Sägemehl und hatte nur einen geringen Nährwert.

Auf den Straßen sah man abgemagerte Menschen mit eingefallenen Gesichtern, links und rechts auf den Bürgersteigen lagen die Leichen derjenigen, die mitten auf der Straße zusammengebrochen waren. Den Menschen fehlte sogar die Kraft, ihren nächsten Verwandten ein anständiges Begräbnis zu bereiten. Auf einfachen Schlitten zogen sie die Verstorbenen mit letzter Energie zu zentralen Sammelstellen, an denen die Toten in anonymen Massengräbern verscharrt wurden. Noch heute zeugen Tagebücher und Erinnerungen, aber auch Fotos und Filmaufnahmen von diesen schaurigen Szenen.

Der Frontverlauf um Leningrad im Jahr 1942. Die Stadt und ihr unmittelbares Umland waren von den Finnen und den Deutschen (grüne Farbe) in die Zange genommen worden. Der einzige, ständig von Beschuss bedrohte Versorgungsweg zwischen Leningrad den sowjetisch kontrollierten Gebieten führte ab Ende 1941 über den Ladogasee, ab Anfang 1943 auch an dessen Südufer entlang. (Foto: Wikimedia Commons/Memnon335bc)

Welche Gründe sehen Sie dafür, dass der Widerstand nicht gänzlich zusammenbrach und die Leningrader sich nicht aufgaben?

Es war inzwischen klar, dass die Wehrmacht in der Sowjetunion einen Vernichtungskrieg führte und Kapitulation deshalb gar keine Option war. Zugleich gab es auch Hoffnung. Denn über den Ladogasee konnte die Stadt zumindest teilweise aus dem Hinterland versorgt und umgekehrt rund eine Million Menschen evakuiert werden.

Im Januar 1943 gelang es der Roten Armee zudem, einen kleinen Korridor am südlichen Ufer des Ladogasees freizukämpfen. So hatte der Belagerungsring eine Lücke. Die Lebensmittelrationen stiegen schon bald auf das Niveau anderer sowjetischer Großstädte und der Alltag der Leningrader normalisierte sich bis zu einem gewissen Grad.

Anfang 1944 wurde die Blockade nach 872 Tagen gesprengt. Die Niederlage der Deutschen kann damals eigentlich nur noch eine Frage der Zeit gewesen sein – welche Bedeutung hatte sie für den Kriegsverlauf insgesamt?

Strategisch befand sich die Wehrmacht längst in der Defensive. Die Belagerer beschränkten sich darauf, durch regelmäßigen Artilleriebeschuss die Bevölkerung zu terrorisieren, an eine Eroberung der Stadt war nicht mehr zu denken. Als die Rote Armee schließlich ihren insgesamt sechsten Entsatzungsversuch unternahm, da brachen die deutschen Stellungen auch innerhalb weniger Tage zusammen. Am 27. Januar 1944 feierte ganz Leningrad das endgültige Ende der Belagerung. Für den Kriegsverlauf bedeutete dies, dass die Wehrmacht sich nun auch im Norden auf dem Rückzug befand, im Süden war sie das ja bereits seit der Niederlage von Stalingrad.

Ist die Leningrader Blockade als Kriegsverbrechen zu bewerten oder war das aus damaliger Sicht eine relativ gebräuchliche Methode der Kriegsführung?

Die Belagerung Leningrads war keine gewöhnliche Belagerung, weil sie das Ziel verfolgte, die gesamte Leningrader Bevölkerung dem Hungertod preiszugeben und die Stadt anschließend völlig zu zerstören. Damit war sie Bestandteil der deutschen Vernichtungspolitik in der Sowjetunion und zweifellos ein Kriegsverbrechen, genauso wie der Hungertod, den drei von fünf Millionen sowjetischer Kriegsgefangener starben, weil man sie nicht ernähren wollte.

Welche Rolle spielt die Blockade in der deutschen Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur?

In der Bundesrepublik geriet die Blockade Leningrads nach Kriegsende schnell in Vergessenheit. Bis heute gelten hierzulande Stalingrad, Dresden oder Hiroshima als die größten Stadtkatastrophen des Zweiten Weltkrieges. Anders war es in der DDR: Dort gehörte die Belagerung Leningrads zum Schulbuchwissen. In Ostdeutschland ist das Ereignis bis heute bekannter als im Westen.

Immerhin hat die Blockade Leningrads in den vergangenen 20 Jahren eine stärkere Berücksichtigung im deutschen Gedenken an den Zweiten Weltkrieg gefunden. Im Jahr 2014 gedachte der Deutsche Bundestag am 27. Januar, dem „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“, ausdrücklich den Opfern der Belagerung Leningrads. Der Schriftsteller Daniil Granin sprach im Bundestag und die Medien berichteten in einem bis dahin nie dagewesenen Umfang über die Geschichte der Blockade.

Dennoch muss man festhalten, dass die Blockade als eines der Großverbrechen im Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen Erfahrungen der Leningrader noch nicht den Stellenwert im deutschen Gedächtnis haben, den sie eigentlich haben sollten.

Und wie verhält es sich damit in Russland?

Natürlich ganz anders. Die Blockade Leningrads ist seit den 1960er Jahren Bestandteil des staatlichen Gedenkens. Da es aber praktisch in jeder Leningrader Familie Opfer gab, ist die Erinnerung auch in der Gesellschaft verwurzelt. Während das sowjetische Gedenken in heroischen, monumentalen Formen stattfand und auch bestimmte Tabus kannte, hat man sich in den 1990er Jahren dieser „weißen Flecken“ angenommen und ist zu einem Gedenken gekommen, in dem das Leid der Zivilbevölkerung im Vordergrund steht.

Die Fragen stellte Tino Künzel.

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