Im Opern-Olymp: Bolschoi-Sängerin Alina Tschjertasch im Interview

Aus Omsk nach Moskau gekommen ist Alina Tschjertasch mittlerweile seit zwei Jahren Mezzosopranistin am Bolschoi-Theater. Im Interview mit MDZ-Autorin Antonina Tschjertasch, ihrer Schwester, erzählt sie von ihrem unwahrscheinlichen Werdegang.

Szene aus "Jewgenij Onegin" in der Inszenierung des Moskauer Bolschoi-Theaters
Alina Tschjertasch (l.) als Olga in „Jewgenij Onegin“ (Oleg Jusupow)

Du bist vor sechs Jahren aus Omsk nach Moskau gekommen. Könntest du etwas über diese Erfahrung erzählen?

Ich glaube nicht, dass ich einen Schock davon hatte, plötzlich in einer Metropole zu leben. Omsk ist selbst recht groß und modern. Die Standards bei der musikalischen Ausbildung sind dort zumindest auf Augenhöhe mit den Moskauern und übertreffen sie manchmal sogar. Das Milieu und das Bildungsniveau schienen mir auch nicht radikal anders. Wahrscheinlich kam der größte Schock davon, dass ich jetzt an einer Moskauer Hochschule studierte. Ich hatte nie gedacht, dass ich das schaffen würde. Ich dachte, da studieren nur irgendwelche himmlischen Wesen. Mein Professor an der Akademie war für mich eine überirdische Person, mich unterrichteten Menschen, die ich wirklich bewunderte. Und die Stadt selbst… Natürlich gibt es hier mehr Schönes als in Omsk, und das beeindruckt natürlich. Wahrscheinlich trug das auch dazu bei, dass ich heute am Bolschoi angekommen bin. Museen, Galerien, Theater – das alles hinterlässt etwas. Deshalb versuchte ich im ersten Jahr, so viel wie möglich aufzusaugen. Aber ich glaube, es ist wichtig, auch nach vielen Jahren in Moskau hin und wieder auf die Stadt zu schauen, als wäre es das erste Mal.

Wie hast du es ins Ensemble des Bolschoi-Theaters geschafft?

Die Geschichte mag ich gerne. Ich hätte nie den Mut und das Selbstvertrauen gehabt, mich zum Casting am Bolschoi anzumelden, ich hatte darüber überhaupt nicht nachgedacht. Aber im vierten Studienjahr nahm ich am landesweiten Casting-Wettbewerb für Absolventen der russischen Musikakademien teil. Der findet jährlich in Sankt Petersburg statt. Ich wäre fast nicht hingefahren, weil der Leiter unseres Lehrstuhls einfach vergessen hatte, dass ich im letzten Jahr bin. Genau an dem Tag, als er die Delegation unserer Uni melden musste, trafen wir uns zufällig in der Mensa. Er erinnerte sich plötzlich und schickte mich sofort nach Petersburg, wo ich nach meinem eigenen Gefühl nicht besonders gut sang. Im Publikum saß auch die Leiterin des Bolschoi-Ensembles. Sie kam auf mich zu, ließ sich meine Kontaktdaten geben und lud mich etwas später zum Vorsingen ein. Das war komplett surreal, ich dachte, die vertun sich. Ich rechnete überhaupt nicht mit einem Erfolg und machte mir deshalb keinen großen Kopf, genoss einfach den Moment auf der Bühne, nachdem ich als Studentin immer ganz oben im Balkon gesessen hatte. Sie riefen mich sofort zurück und binnen einer Woche war ich dabei.

War das ein Schock?

Ja, die Ensembleleiterin fragte mich damals: „Wie im Märchen, oder?“ Ich konnte das alles gar nicht begreifen und auch das Maß an Verantwortung, das ich spürte, hatte ich bis dahin überhaupt nicht gekannt. Das war schon wie im Märchen, aber eben mit ungewissem Ausgang! Dass es ein gutes Ende nehmen würde, verstand ich erst später.

Wie reagierten deine Freunde und Verwandten zu Hause, als du ins Bolschoi aufgenommen wurdest?

Natürlich freuten sich alle dort, die mir nah sind, und tun das auch immer noch. Aber sie machten sich auch Sorgen, denn eine Gesangskarriere kann auch schiefgehen, und das aus Gründen, die man selbst nicht in der Hand hat. Eine meine Lehrerinnen aus Omsk meinte noch als ich ursprünglich nach Moskau gezogen bin: „Geh ins Bolschoi, sieh dir die Aufführungen an, denn dort wirst du singen“. Das sagte sie, als noch in keiner Weise absehbar war, dass es tatsächlich so kommen würde. Zur Premiere von „Jewgenij Onegin“, die auf ihren Geburtstag fiel, kam sie extra aus Omsk angeflogen.

Wie verhielten sich deine Erwartungen an die Arbeit im Bolschoi zur Realität?

Noch mal, ich hatte nie damit gerechnet, irgendwann am Bolschoi-Theater zu singen. Das war vielleicht so etwas wie eine Traumvorstellung, aber konkrete Gedanken darüber hatte ich mir nie gemacht. Und klar, es gibt viele Stereotype und sogar Vorurteile über die Arbeit an so einem Theater. Dass dort Intrigen herrschen, die Arbeit oft unangenehm werden kann. Das bewahrheite sich für mich aber nicht. Wir haben wirklich ein tolles Ensemble, die Atmosphäre ist richtiggehend freundschaftlich.

Alina Tschjertasch, Mezzosopranistin des Moskauer Bolschoi-Theaters
Seit 2019 im Ensemble des Bolschoi: Alina Tschjertasch (Kristina Kalinina)

Hat die Pandemie die Arbeit am Theater stark verändert?

Das halbe Jahr ohne Zuschauer zu Beginn der Pandemie war ein schwerer Schlag für das ganze Theater. Man muss raus auf die Bühne und vor Menschen singen, um wirklich in Form zu bleiben. Diese Erfahrung kann man einfach mit nichts ersetzen. Für uns war es ein echter Feiertag, als wir im vorigen Jahr die Saison mit Pjotr Tschaj­kowskijs Oper „Pique Dame“ eröffnen konnten. Die eingeschränkte Zuschauerkapazität im Haus war aber auch eine seltsame Erfahrung für uns. Es ist einfach seltsam, vor einem nur halb gefüllten Saal zu singen. Das fühlt sich ein wenig an, als wäre man bei einer Probe. Mittlerweile können wir das Theater zum Glück wieder zu 75 Prozent füllen. Langsam haben wir wieder richtige Opernabende.

Welche Partie aus dem aktuellen Programm ist dir die liebste?

Ich antworte eigentlich immer, dass „Jewgenij Onegin“ meine Lieblingsoper und die Olga, die ich darin gerade singe, meine liebste Partie ist. Mit dieser Rolle begann ich meine Karriere und an ihr hatte ich auch am härtesten gearbeitet. Dank ihr schaffte ich es überhaupt ans Bolschoi, denn dorthin holten sie mich extra für die Rolle der Olga. Das fügte sich nur deshalb so, weil ich das Material hervorragend kannte und am Bolschoi genau in diesem Moment eine neue Inszenierung von „Jewgenij Onegin“ geplant war. Unglaublich eigentlich.

Und welche sind die besten Momente als Opernsängerin?

Das ist der Moment am Ende des Stücks, wenn man seinen letzten Ton singt und von der Bühne geht. Dieses Gefühl, dass man seine Arbeit getan hat. Sogar wenn ich den Eindruck habe, nicht ideal gesungen zu haben, denke ich dann trotzdem: Du hast wieder eine Aufführung im Bolschoi geschafft. Besonders großartig ist das, wenn wir auf der historischen Bühne spielen. Das ist einfach ein Gefühl, dass ich mit nichts anderem vergleichen kann.

Das Gespräch führte Antonina Tschjer­tasch.

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