Hunderte Kirchen für Moskau

Jeder Moskauer soll das nächstgelegene Haus Gottes zu Fuß erreichen. Das war vor zehn Jahren die Vision von Patriarch Kyrill und Bürgermeister Jurij Luschkow, die zur Geburt eines riesigen Kirchenbauprogramms führte.

Kirchen für Moskau
Erbaut 2008–2016: die Kirche der Gottesmutter-Ikone „Unvergängliche Blüte“ in Rubljowo (Foto: fedmp.ru)

Kurz nach seiner Inthronisierung traf sich Patriarch Kyrill von Moskau und der ganzen Rus im Februar 2009 mit dem damaligen Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow. Dem frisch gebackenen Kirchenoberhaupt lag ein Thema besonders auf der Seele, der akute Mangel an Gotteshäusern in der russischen Metropole. Im gesamtrussischen Vergleich lag das Verhältnis von Gläubigen und Kirchen in der Hauptstadt an letzter Stelle. Eine angemessene Dichte an Kirchen gab es historisch bedingt nur in der Innenstadt, wohin viele Gläubige sonntags pendelten.

Beim Bau der zahlreichen Stadtviertel in Sowjetzeiten waren Kulturpaläste entstanden, keine Kirchen. Doch mit der Renaissance der Russisch-Orthodoxen Kirche nach dem Zerfall der Sowjetunion war auch wieder Bedarf an neuen Räumlichkeiten für den Gottesdienst da. Bürgermeister Jurij Luschkow versprach alsbald, das Anliegen zu unterstützen, sodass es in Moskau keine Orte mehr gebe, von denen das Haus Gottes nicht zu Fuß erreichbar sei.

Kostenlose Grundstücke von der Stadt

Es war die Geburtsstunde des „Programms 200“, dessen Ziel es war, 200 neue Kirchen in Moskau zu bauen. Außer dem zentralen Stadtbezirk wurde für alle Bezirke ein Bedarf erörtert. Finanziert werden sollte das Bauprogramm ausschließlich aus Spendengeldern. Dazu wurde im April 2010 ein Fonds eingerichtet, der die Gelder verwaltet. Die durchschnittlichen Kosten für den Bau einer Kirche für 500 Gemeindemitglieder wurden damals mit 300 Millionen Rubel (etwa 3,3 Millionen Euro) angegeben. Die Stadtverwaltung unterstützte das Vorhaben jedoch, indem es Baugrund unentgeltlich zur Verfügung stellt und für die Anschlüsse an das Wasser-, Gas- und Stromnetz sorgt.

Kirchen für Moskau
Viele der Kirchen entstanden auf städtischen Grünflächen (Foto: AGN Moskwa)

Zum Schirmherr des Projekts wurde im Januar 2012 der Staatsduma-Abgeordnete Wladimir Resin. Der Moskauer war lange Jahre Erster stellvertretender Bürgermeister der Hauptstadt und nach Luschkows Entlassung 2010 kurzzeitig Interimsstadtoberhaupt. Lange Zeit stand er der Abteilung für Architektur, Bau und Stadtentwicklung vor. In dieser Rolle wird er – gemeinsam mit dem entlassenen Bürgermeister – gerne mit der Flut an postmodernen Bauten in Moskau in Verbindung gebracht, für die sich die Bezeichnung „Luschkow-Stil“ eingebürgert hat.

Die erste Kirche des Programms entstand 2015

Resin sagte damals in einem Interview mit der Rossijskaja Gaseta: „Leider werden 200 Kirchen für Moskau das Problem nicht lösen. Um den russischen Durchschnitt zu erreichen, brauchen wir weitere 591 zusätzlich zu den 316 existierenden Kirchen.“ Gemeint war der Durchschnittswert von Gläubigen pro Kirche. Er ging damals davon aus, dass der Bau der 200 angedachten Kirchen mindestens zehn Jahre dauern werde.

Das erste fertiggestellte Gotteshaus im Rahmen des Projekts war im Jahr 2015 die Kyrill-und-Method-Kirche im Stadtteil Dubrowka zum Gedenken an die Opfer des dortigen Terroranschlags. Bei einer Geiselnahme im Jahr 2002 im Dubrowka-Theater waren 130 Menschen ums Leben gekommen.

Kirchen statt Parks

Doch das Programm stieß nicht überall auf Begeisterung. Oft sahen die Pläne vor, die Kirchen in Park­anlagen zu bauen. An zahlreichen Orten führte dies zu Konflikten. So zum Beispiel in Nowogirejewo. Dort gibt es einen Park zu Ehren der Veteranen des Afghanistankriegs. In eben diesen sollte nun die neue Kirche gestellt werden. Anwohner veranstalteten Kundgebungen, wandten sich an den Verband der Moskauer Architekten sowie an das Amt für Stadtentwicklung.

Von den Architekten bekamen sie Unterstützung. Wie das Magazin „Daily Storm“ berichtete, hatte die Vereinigung ähnliche Pläne auch in anderen Bezirken festgestellt. Solche Bauvorhaben in Parks würden auch dem Ruf der Institution Kirche schaden, wurde die Vereinigung zitiert. Der Streit in Nowogirejewo zieht sich bis heute hin. In 27 Fällen haben es die Anwohner geschafft, die Bauvorhaben zu stoppen.

Eher konstervative Architektur

Ende vergangenen Jahres konnte Wladimir Resin dennoch vermelden, dass die 100. Kirche des Programms fertiggestellt wurde. Zum Anlass des zehnjährigen Jubiläums des Fonds gab Resin in diesem Jahr zusammen mit dem Vorsitzenden der Finanz- und Wirtschaftsabteilung der Russisch-Orthodoxen Kirche, Metropolit Ignatius von Wologda, ein Buch über das Projekt heraus.

Wer durch den reich bebilderten Band mit dem Titel „Das orthodoxe Moskau im 21. Jahrhundert“ blättert, sieht eine Fülle an Kirchenbauten, von schlicht und sparsam bis opulent und prachtvoll. Doch was auffällt, ist dass sie allesamt histo­rischen Stilen folgen. Nirgends hatte jemand den Mut, architektonisch neue Wege zu gehen. Verglichen mit den teils geradezu futu­ristischen Kirchen, die in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, wirkt das alles doch recht rückwärtsgewandt.

Jiří Hönes

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