„Es wurde viel Potential verschleudert“

Mehr als 2,7 Millionen Menschen aus der früheren Sowjetunion leben in Deutschland. Warum sie oft unsichtbar bleiben, hat Migrationsforscher Jannis Panagiotidis in der ersten umfassenden Untersuchung der Zuwanderergruppe erforscht.

Jannis Panagiotidis ist Migra­tionsforscher und Vize-Leiter des „Forschungszentrums für die Geschichte von Transformationen“ an der Universität Wien. MIt seinem Buch will er die Unsichtbarkeit postsowjetischer Migranten in Deutschland durchbrechen. (Foto: Jannis Panagiotidis)

Vor drei Jahrzehnten begann die Einwanderung russlanddeutscher Spätaussiedler und jüdischer Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Warum kommt eine großangelegte Untersuchung dieser Migrationsbewegung so spät?

Gute Frage! In den 1990er Jahren, als jährlich über 200 000 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, wurde viel darüber geforscht. Allerdings schaute man dabei meist auf die unterschiedlichen Gruppen. Es gab Forschung zu russlanddeutschen Spätaussiedlern, separat wurde die Migration der jüdischen Kontingentflüchtlinge untersucht, die als etwas ganz anderes gesehen wurde, obwohl sie zum Teil aus denselben Ländern kam. Die Gesamtperspektive auf die postsowjetische Migration, welche Menschen verschiedener Hintergründe zusammen in den Blick nimmt, hat sich eigentlich erst in jüngster Zeit herausgebildet.

Postsowjetische Migranten bilden die größte Zuwanderergruppe in Deutschland. Trotzdem ist das öffentliche Interesse an ihnen gering. Für viele sind sie „die Russen“ geblieben. Warum?

Dass sie pauschal als Russen wahrgenommen wurden, lag einerseits daran, dass sie bei ihrer Ankunft zu Beginn der 1990er Jahre sich primär der russischen Sprache bedienten. In der deutschen Öffentlichkeit wurde das fälschlicherweise so wahrgenommen, dass sie daher Russen sein mussten. Den Leuten war nicht bekannt, dass Russisch im Vielvölkerstaat Sowjetunion zwar die Lingua franca war, die Leute sich in vielen Fällen aber weiterhin in ihren ethnonationalen Kategorien identifizierten. Zudem gerieten „die Russen“ im Migrationsdiskurs recht schnell in Vergessenheit. Noch in den 1990er Jahren wurden insbesondere den Spätaussiedlern viele Probleme zugeschrieben. Sie galten häufig als delinquent, arbeitslos und drogensüchtig. Seit der Jahrtausendwende sind sie aber aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Zum Teil, weil sich die Probleme lösten. Zum Teil, weil kein Interesse mehr daran bestand. Zudem wurde im Zusammenhang mit der Migration das Thema Islam so übermächtig. Die postsowjetischen Migranten wurden relativ unsichtbar. Dies wurde auch dadurch befördert, dass diese Zuwanderer phänotypisch oft nur wenig auffielen und gerade bei den Spätaussiedlern ein ausgeprägter Wille zur Assimilation da war.

In Ihrem Buch beschreiben Sie enttäuschte Erwartungen der deutschen Gesellschaft an die Migranten aus der früheren Sowjetunion. Sie hätten den Ansprüchen der Deutschen nie gerecht werden können. Was waren das für Vorstellungen?

Für beide Gruppen wurden von vornherein Zerrbilder gezeichnet, die wenig realistisch waren. So gab es zum Beispiel bei den Spätaussiedlern von Regierungsseite die Erwartung, dass gewissermaßen vorbildliche Deutsche kommen, die deutscher sind als die Deutschen in Deutschland selbst. Also fleißige, gläubige Familien mit vielen Kindern, die sich ihre Traditionen vorbildlich bewahrt haben. Das war so ein Diskurs mit völ­kischen Untertönen. Die dann real kamen, waren in der Wahrnehmung vieler Menschen Russen, die oft große Startschwierigkeiten hatten, was in nicht so wenigen Fällen zu Phänomenen wie Alkoholismus führte. Da schlug das positive Zerrbild um in ein negatives Gegenbild vom saufenden, prügelnden Russen. Bei den Juden war das Stereotyp ein bisschen anders. Der Anspruch war, dass besonders intelligente und gebildete Kulturmenschen kommen, die das deutsch-jüdische Geistesleben wiederbeleben könnten. Das entsprach insofern der Realität, als tatsächlich viele hochgebildete Migranten zuwanderten. Doch viele konnten in ihren intellektuellen Berufen gar nicht arbeiten, weil ihre Diplome nicht anerkannt wurden. Und so schlugen die überzogenen Erwartungen dann teilweise in Verdächtigungen um, dass es sich eigentlich um gar keine richtigen Juden handele. Viele hätten einfach ihre Papiere gekauft und seien tatsächlich Russen. Die unrealistischen Vorstellungen über beide Gruppen wurden von Zerrbildern ersetzt, die ebenso wenig der Realität entsprachen. In beiden Fällen fielen die realen Menschen in der Wahrnehmung hinten runter.

Spätestens seit dem Fall des angeblich vergewaltigten Mädchens Lisa (2016) wird der postsowjetischen Community eine besondere Vorliebe für die AfD nachgesagt. Stimmt das?

Nur zum Teil. Umfragen zeigen, dass es in dieser Gruppe einen überdurchschnittlichen Zuspruch zur AfD gibt. Bei der Gesamtbevölkerung lag der Wert bei der letzten Bundestagswahl bei 12,6 Prozent. In einer von mir und einem Kollegen durchgeführten Studie haben allerdings bis zu 17 Prozent der postsowjetischen Migranten zumindest die Absicht geäußert, die AfD zu wählen. Und die Werte steigen, verstärkt seit der Flüchtlingskrise 2015. Das ist ein Prozess, der sich innerhalb des konservativen Teils der postsowjetischen Wählerschaft vollzieht. Die lange sehr dominante Stellung der CDU bröckelt. Sie hat in hohem Maße Stimmen und Wähler an die AfD verloren. Jedoch ist sie nach wie vor stärker als die AfD. Das ist der wahre Kern. Allerdings hat die Community diesen starken Rechtsschwung nicht insgesamt vollzogen. Umfragen bestätigen, dass es seit Jahren einen konstanten Anteil von Wählern gibt, der Parteien links der Mitte wählt. SPD, Grüne und Linkspartei. Dieser Wert liegt knapp über 40 Prozent. Aber über diese Wähler redet nie jemand. Es wird immer nur auf die andere Seite geschaut. Insgesamt haben wir es mit einer Wählerschaft zu tun, die sich stark ausdifferenziert hat.

Jannis Panagiotidis: Postsowjetische Migration in Deutschland. Eine Einführung. Mit einem Vorwort von Sergey Lagodinsky. Beltz Juventa, Weinheim November 2020, 246 Seiten,
19,95 Euro. (Foto: Beltz-Verlag)

Russlanddeutsche und rus­sische Juden wurden von anderen Zuwanderern lange als privilegierte Migrantengruppe wahrgenommen. Wie kam es dazu?

Zunächst einmal waren beide Gruppen mit sicheren und unbefristeten Aufenthaltstiteln ausgestattet. Die Spätaussiedler sogar mit der deutschen Staatsbürgerschaft. Der zweite Aspekt war, dass beide Gruppierungen zu einem Zeitpunkt Integrationshilfen und Sprachkurse bekamen, als das in Deutschland kein Standard war. Deutschland begriff sich nicht als Einwanderungsland und die postsowjetischen Zuwanderer nicht als Migranten. Die Spätaussiedler wurden als deutsche Heimkehrer betrachtet. Die jüdische Zuwanderung begriff man als bestimmte Form von Wiedergutmachungsmigration. Anfang der 1990er kamen aber auch viele Kriegsflüchtlinge und Asylsuchende nach Deutschland. Obendrein lebten bereits mehrere Millionen sogenannter Gastarbeiter seit Jahrzehnten ohne einen Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft im Land. Wegen der Gleichzeitigkeit dieser Prozesse war die Wahrnehmung dieser Privilegierung stark ausgeprägt.

Sie schreiben aber auch von Opfern und einem hohen Preis, den Migranten aus der früheren Sowjetunion für die Integration erbringen mussten. Was ist damit gemeint?

Die postsowjetischen Migranten erlitten einen sozialen Statusverlust, der mit Migration häufig einhergeht. Zwar hatten Spätaussiedler das Recht, ihre Studien- und Berufsabschlüsse auf Gleichwertigkeit überprüfen zu lassen. Doch diese Überprüfungen gingen oft nicht positiv aus. Noch schlimmer war es bei den Kontingentflüchtlingen, welche oft über hohe Bildungsabschlüsse verfügten. Diese wurden in Deutschland nicht anerkannt, weil die Kontingentflüchtlinge keinen Anspruch auf diese Prüfung hatten. Da wurde viel Potential verschleudert. Beide Gruppen konnten in beruflicher Hinsicht lange gar nicht oder nur sehr schwer Fuß fassen. Gerade bei den Kontingentflüchtlingen lag die Arbeitslosenquote über Jahre im zweistelligen Bereich. Viele stehen im Rentenalter nun vor der Altersarmut, weil ihre Arbeitsjahre aus der ehemaligen Sowjetunion nicht anerkannt werden und sie in Deutschland nicht viel in die Kassen einzahlen konnten. Bei den Spätaussiedlern werden die Arbeitsjahre in der Sowjetunion immerhin zum Teil anerkannt, inzwischen ist ihre Arbeitslosenquote niedrig. Aber auch bei ihnen ist die Altersarmut auf dem Vormarsch. Viele haben gebrochene Erwerbsbiografien, weil die Arbeitsmarktintegration nicht so reibungslos klappte. Das ist der Preis, den die Menschen letztendlich bezahlt haben.

Die Fragen stellte Birger Schütz.

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