Lokomotive Moskau: Ein Deutscher stellt die Weichen

Lokomotive Moskau ist im russischen Fußball die Mannschaft der Stunde. Der Klub, zuletzt 2004 Meister, führt die Liga mit großem Vorsprung an, steht im Achtelfinale der Europa League, ist amtierender Pokalsieger. Als Vater des Erfolgs gilt der zurückgekehrte Meistertrainer Jurij Sjomin. Doch aufwärts ging es just, seit der Deutsche Erik Stoffelshaus vor einem Jahr als Sportdirektor angeheuert wurde. Wie hat er das gemacht?

Jefferson Farfan kennt man in Deutschland noch von seiner Zeit beim FC Schalke. Doch nie war er besser als diese Saison. Hier entwischt der Offensivmann beim 3:0-Auswärtssieg von Lokomotive Moskau gegen den Meisterschafts-Rivalen Zenit St. Petersburg dem Verteidiger Emanuel Mammana und bereitet das dritte Tor vor. Die beiden anderen erzielte er selbst. © Alexander Pogrebnjak, Pressedienst Lokomotive Moskau

Der Arbeitsplatz von Erik Stoffelshaus bietet vielleicht die schönste Aussicht, die man sich überhaupt vorstellen kann, jedenfalls aus Sicht eines Fans von Lokomotive Moskau. Das Büro befindet sich direkt im Stadion, der RZD Arena (benannt nach dem Hauptsponsor, der Russischen Bahn), und ist nur durch eine Glastür von den Rängen getrennt, wo bei Heimspielen die Anhänger der Grün-Roten ihre Mannschaft bejubeln. „Spieltage sind Festtage“, sagt Loks Sportdirektor. Er genießt sie von hier oben in vollen Zügen. Denkwürdige Spiele gab es gerade in dieser Saison schon so einige, zum Beispiel den 4:3-Auswärtssieg beim amtierenden Meister Spartak Moskau nach 0:2-Rückstand. „Ein überragendes Derby“, gerät Stoffelshaus ins Schwärmen.

Der gebürtige Mülheimer ist seit Januar 2017 in Moskau. Seine prägendste Zeit hat er bei Schalke 04 erlebt und erinnert sich gern zurück. In Gelsenkirchen zog er zunächst in der Jugendakademie die Strippen. Unter seiner Leitung wurden heutige Weltmeister wie Manuel Neuer, Mesut Özil, Julian Draxler oder Benedikt Höwedes ausgebildet. Mit Letzterem hält er bis heute Kontakt. Später wurde Stoffelshaus von Manager Andreas Müller dann als Teammanager mit in die Schalker Führungsetage geholt. In der neuen Position widmete er dem Fußballnachwuchs weiterhin die größte Aufmerksamkeit, knüpfte aber auch internationale Kontakte. Dass die gesamte sportliche Führung nach einer erfolglosen Saison 2009 gehen musste, war damals für ihn eine große Enttäuschung. Bei Lokomotive scheint der 47-Jährige nun Parallelen zu seiner Schalker Zeit gefunden zu haben: „die Arbeitervergangenheit, die Jugendakademie direkt am Stadion und natürlich die Tradition“.

Gasprom und alte Netzwerke

Hat gut lachen: Erik Stoffelshaus. © Pressedienst Lokomotive Moskau

Obwohl Stoffelshaus einer der wenigen Top-Funktionäre bei Schalke war, der im Rahmen der Gasprom-Partnerschaft nie nach Russland reiste, kam die Verbindung über den Konzern zustande. Als Ilja Gerkus, ehemaliger Geschäftsführer von Zenit St. Petersburg, das ebenfalls von Gasprom gesponsort wird, Präsident bei Lokomotive Moskau wurde und nach einem Sportdirektor suchte, fiel seine Wahl auf den Deutschen, den Gerkus aus seinen früheren Netzwerken kannte.

Zum Zeitpunkt des Anrufs war Stoffelshaus noch in Kanada, einem, wie er sagt, „fußballerischen Entwicklungsland“, tätig. Eigentlich wollte er mit seiner Familie dort bleiben, doch das Angebot aus Russland war zu verlockend. Anschließend begann für seinen neuen Klub eine Erfolgsgeschichte. Aus dem grauen Mittelfeld der Liga kletterte Lok (oder „Loko“, wie man in Russland sagt) immer weiter nach oben und ließ Konkurrenten mit weitaus größeren finanziellen Mitteln hinter sich. Angeblich sollen inzwischen schon englische Premier-League-Klubs ihre Fühler nach Stoffelshaus ausgestreckt haben. Doch welchen Anteil hat der Deutsche überhaupt am Höhenflug?

Namhafte Spieler für kleines Geld

Ohne Stoffelshaus und seine alten Kontakte  wäre ein Spieler wie Jefferson Farfan wohl nicht nach Moskau gewechselt. Als sich die Möglichkeit bot, fragte Stoffelshaus an und musste nicht lang auf die Zusage des Spielers warten. Der Peruaner kickte von 2008 bis 2015 in Gelsenkirchen, wechselte dann zum al-Jazira Club nach Abu Dhabi in die Vereinigten Arabischen Emirate und in der Winterpause der vergangenen Spielzeit zu Lokomotive. Mit heute 33 Jahren erlebt er diese Saison seinen zweiten Frühling, hat in 15 Spielen bereits acht Mal getroffen und drei Torvorlagen gegeben.

Im Sommer 2017 tätigte Stoffelshaus dann weitere Transfers. Dabei setzte er vor allem auf Leihgeschäfte, schon weil kein üppiges Budget für Spielerkäufe zur Verfügung stand. Trotzdem gelang es ihm, den polnischen Nationalspieler Rybus oder den portugiesischen Europameister Eder nach Moskau zu holen. Unterstützt wird er in seiner Arbeit inzwischen vom deutschen Chefscout Willi Kronhart, der Stoffelshaus nach Moskau folgte.

Nachwuchsförderung großgeschrieben

Lokomotive Moskau hat in Stoffelshaus auch jemanden gefunden, der sich voll für die Jugendarbeit einsetzt. Zu seinen Aufgaben gehört neben der Zusammenstellung des Profikaders die Verwaltung der U23 „Lokomotiv Kasanka“ und der Jugendakademie. Die Entwicklung, dass immer mehr Vereine in Deutschland ihre U23 abmelden, kann er überhaupt nicht nachvollziehen. „Das ist in Russland zum Glück ein wenig anders. Die U23 hat hier sogar eine eigene Identität, spielt in Rot-Schwarz und hat ein eigenes Logo.“ Stoffelshaus ist überzeugt, dass viele Kasanka-Spieler in Zukunft noch für Furore sorgen werden. Die Mannschaft spielt derzeit um den Aufstieg in die zweite russische Liga (FNL) mit.

Ob ein Spieler aus dem „eigenen Stall“ den Sprung in die Profi­mannschaft schafft, entscheidet allerdings nicht Stoffelshaus allein. Es ist offizielle Klubstrategie, junge Spieler zu fördern. Das tut auch Klublegende und Erfolgstrainer Jurij Sjomin. Der wünschte sich zuletzt trotzdem weitere Neuzugänge und klagte im Interview mit der „Rossijskaja Gaseta“, er und Stoffelshaus hätten „unterschiedliche Vorstellungen“ über die weitere Entwicklung und redeten nicht miteinander. Der Sportdirektor verweist darauf, dass das Budget keine großen Sprünge zulasse und der Klub weiterhin auf den Nachwuchs setzen müsse. Die Tatsache, dass bei Lokomotive  bisher schon vier Talente aus der eigenen Jugend absolute Stammspieler sind, dürfte sowohl Stoffelshaus als auch Sjomin stolz machen.

Nur nicht den Meistertitel verspielen

Der russische Winter ist lang und hart, dementsprechend pausierte die Premier-Liga von Mitte Dezember bis Anfang März. In der Frühjahrsrunde hat Lokomotive Moskau nun die Chance auf den ersten Meistertitel seit 14  Jahren. Ein Szenario, über das Stoffelshaus jedoch noch nicht reden möchte,  zu schmerzlich war seine Erfahrung 2007 mit Schalke, als man einen ähnlich komfortablen Punktevorsprung noch verspielte. Um in Moskau warnend den Finger zu heben, muss der Deutsche noch nicht mal die russische Sprache bemühen.

Nico Tielke

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