Einmaleins des Osterfestes

Vom Osterhasen haben die Russen noch nichts gehört. Wie sie stattdessen Ostern feiern und was davon auch für Außenstehende zu besichtigen ist, lesen Sie hier.

Fester Bestandteil des Osterfestes in Russland: Segnung der Osterspeisen durch einen Priester, hier im Moskauer Stadtteil Samoskworetschje (Foto: Sergej Kisseljow/AGN Moskwa)

Kann Jesus das gewollt haben? Seine Auferstehung ist das freudigste Datum im Kirchenkalender – aber es ist verwirrenderweise jedes Jahr ein anderes Datum. Das hat mit dem Ersten Konzil von Nicäa im Jahre 325, mit der Tagundnachtgleiche, dem jüdischen Pessach-Fest und dem Mondkalender zu tun. Im Falle der Orthodoxen Kirche kommt dann noch der Julianische Kalender hinzu, der jedes Jahr um elf Minuten und 14 Sekunden länger ist als das astro­nomische Jahr. Die Differenz zum 1582 eingeführten Gregorianischen Kalender beträgt mittlerweile 13 Tage. Und so kommt es, dass nicht nur das Osterdatum fließend ist, sondern die Christen in Ost und West das höchste Kirchenfest auch nicht eben oft an ein und demselben Tag feiern: Das ist nur dreimal in 19 Jahren der Fall.

Wer die Berechnungsformeln einmal verstanden hat, der hat sie in der Regel bis zum nächsten Jahr wieder vergessen. Halten wir uns also an das Wesentliche: Ostern fällt in Russland diesmal auf den 24. April und wird damit eine Woche nach dem deutschen Ostern begangen, was bei all den Variablen immerhin der häufigste Fall ist.

Palmsonntag

Der letzte Sonntag der österlichen Fastenzeit markiert Jesus Ankunft in Jerusalem. Die Feierlichkeiten beginnen schon am Vorabend mit einem Gottesdienst. Besonderes Attribut des Palmsonntags (Werbnoje Woskressenje) sind wie in Deutschland Weidenkätzchen. Sie werden, vom Priester geweiht, zu Hause neben die Ikonen gestellt.

Ostersamstag

Der Ostersamstag steht ganz im Zeichen der Vorbereitung auf das große Fest. Am Nachmittag werden in den Kirchen oder – meist – davor Tischreihen aufgestellt, auf die Gläubige ihre mitgebrachten Osterspeisen drapieren. Die werden dann von einem Priester gegen einen Obolus mit Weihwasser bespritzt und somit gesegnet. Dieses Ritual kann auch überall in Moskau beobachtet werden. Die Lebensmittel wie etwa der Osterkuchen Kulitsch oder die Ostereier werden anschließend wieder eingepackt und am nächsten Tag oder in den darauffolgenden Tagen verzehrt.

Ostersonntag

Um Mitternacht beginnt in den Kirchen der längste und stimmungsvollste Gottesdienst des Jahres. Die Gemeindemitglieder kommen oft erst am frühen Morgen wieder nach Hause, schlafen sich aus und treffen sich später mit Verwandten und Freunden zu ausgiebiger Schlemmerei – nun, wo die Fastenzeit endlich vorbei ist. Aber auch, wer sich nicht an die Fastenregeln gehalten hat, hat natürlich gegen einen reichlich gedeckten Tisch nichts einzuwenden.

Helle Woche

Die Woche nach Ostern ist eine Zeit der Erholung und der Lebensfreude. Man besucht einander und ruft sich den Ostergruß „Christ ist auferstanden“ zu, auf Russisch „Christos woskress“, kurz XB, wie es an jedem Kirchengemäuer zu lesen ist. Der Gegenüber antwortet: „Er ist wahrlich auferstanden.“ Die Kirchen öffnen die ganze Woche ihre Glockentürme: Jeder, der einmal selbst die Glocken läuten möchte, darf das tun.

Radoniza

Am zweiten Dienstag nach Ostern wird der Toten in der Familie gedacht. Viele besuchen dann die Gräber ihrer Eltern und Großeltern auf den Friedhöfen. Sogenannte „Elterntage“ gibt es fünf im Jahr, drei davon stehen mit Ostern beziehungsweise der Großen Fastenzeit in Verbindung. Radoniza fällt dieses Jahr auf den 3. Mai.

Tino Künzel

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