In der Sowjetunion wurde Ostern als Fest der Auferstehung im Stillen gefeiert. Staatlicherseits war es zwar nicht verboten, aber verpönt. Die Gläubigen mussten deshalb hart im Nehmen sein.
Von Daria Boll-Palievskaya
Nikita Chruschtschow war fest davon überzeugt, den Tag der völligen Ausrottung des christlichen Glaubens in der Sowjetunion persönlich zu erleben. Und er tat alles dafür, diesen Tag näherrücken zu lassen. Das proklamierte Ziel des Nachfolgers von Stalin als Parteichef war die „Überwindung der Religion als Überbleibsel des Kapitalismus im Bewusstsein der Menschen“. Darin unterschied er sich nicht von den Staatsführern vor und nach ihm.

Eine Osterprozession im Jahr 1987, schon zu Zeiten von Gorbatschows Perestrojka. / RIA Novosti
Was das hieß, bekamen Gläubige zu Sowjetzeiten gerade an Ostern zu spüren, dem wichtigsten Kirchenfest der Orthodoxen. Die Machthaber entwickelten allerlei Eifer, damit speziell Jugendliche nicht auf „falsche Gedanken“ kamen. Mal wurden in den Schulen am Ostersonntag Pflichtveranstaltungen angesetzt, mal sogenannte Subbotniks veranstaltet, „freiwillige“ Arbeitseinsätze der Bevölkerung. Am Ostersamstag liefen im Spätabendprogramm des Staatsfernsehens amerikanische Blockbuster oder Konzerte mit westlicher Popmusik, das sollte die Menschen davon abhalten, in die Kirche zu gehen.
Wer trotzdem am Gottesdienst teilnehmen wollte, wurde dort von Miliz, Parteigängern und Komsomolzen empfangen. „Das ging bis zu Handgreiflichkeiten“, erinnert sich Sinaida Klimowa, heute 70 Jahre alt, die in einem religiösen Elternhaus aufwuchs. Ihre Kindheit im Gebiet Wladimir fiel in die letzten Stalin- und ersten Chruschtschow-Jahre. Als kleines Mädchen lief sie mit ihrer großen Schwester immer zu Ostern fast eine Stunde durch die dunkle Nacht in ein Nachbardorf. „Bei uns war die Kirche verfallen und längst zum Dorfklub umfunktioniert worden. Aber in der Nähe, in Sakolpje, gab es die Geburtskirche, ein schönes, stattliches Gotteshaus. An Ostern versammelten sich dort die Leute aus allen umliegenden Dörfern. Beim Gottesdienst war die Kirche überfüllt.“ Eine Weile hätten die Staatsdiener und Provokateure dem Treiben noch zugesehen und sich dann getrollt. „Die sind in den Klub abgezogen und haben sich dort vergnügt.“
Im Nachgang seien die Gläubigen vielfach vorgeladen und getadelt worden, auch sie selbst habe sich solche Gardinenpredigten in ihrer Schule anhören müssen, ohne sich jedoch einschüchtern zu lassen, so Klimowa. Schließlich sei sie einiges gewohnt gewesen: Ihre Mitschüler hätten sie oft als „Fromme“ gehänselt. Aber bei der Mutter, einer „weisen Frau“, habe sie immer wieder Trost gefunden.
Und der Ostergottesdienst sei ohnehin die Entschädigung für alle Erniedrigungen gewesen. Abgehalten wurde er von Pjotr Welikodworskij, einem Priester, den die Orthodoxe Kirche im Jahr 2000 heiliggesprochen hat. Von 1922 bis 1949 war er sechsmal festgenommen worden, hatte 15 Jahre im Lager verbracht, unter anderem auf den Solowezkij-Inseln – das typische Schicksal eines Geistlichen unter Stalin. 1955 hatte man Welikodworskij dann aus gesundheitlichen Gründen freigelassen, daraufhin predigte er bis an sein Lebensende 1972 im Gebiet Wladimir.
Ein anderer Lagerhäftling, Alexander Solschenizyn, hat das Bild einer Osternacht im Moskau der 60er Jahre beschrieben. Offenbar war der Sowjetmacht bis dahin nichts Neues eingefallen – alles wie gehabt. In Solschenizyns dokumentarischem Essay „Ostern in meinem Leben“ heißt es: „Die Glocke tönt und kündet die Prozession an. Nun ein Gedränge! Doch nicht die Gläubigen sind´s, nein, wieder ist´s die grölende Schar. Doppelt und dreifach stürmen sie in den Hof, laufen, drängen, wissen selbst nicht, was sie suchen, welchen Platz sie erkämpfen sollen, um die Prozession besser zu sehen. Sie zünden die roten Osterkerzen an und daran ihre Zigaretten, so sieht das aus! Sie stoßen einander, wie in Erwartung eines Foxtrotts. Fehlt nur der Bierstand.“ Solschenizyn spricht von einer Kreuzprozession „in Mützen, mit Zigaretten, mit Transistoren vor der Brust“.
Doch die Sowjetunion scheint nicht sehr erfolgreich dabei gewesen zu sein, den Russen das Osterfest abzugewöhnen. „So sehr sie sich auch bemüht haben, unser Glaube ist nicht totzukriegen“, sagt Sinaida Klimowa. Heute wird Ostern in Russland wieder in großem Stil begangen. Für 25 Prozent der Russen ist es das wichtigste Fest des Jahres, ergab kürzlich eine Umfrage des Lewada-Zentrums. Damit steht Ostern in der Beliebtheit nur dem Siegestag am 9. Mai nach (38 Prozent) und kommt noch vor dem Frauentag am 8. März (19 Prozent). Die Kirchen sind in der Osternacht – in diesem Jahr ist es die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai – voll. Und es gilt wieder, was der orthodoxe Erzbischof Nikon 1911, vor der Machtübernahme der Sowjets, schrieb: „Nirgendwo auf der Welt wird Ostern so heiter gefeiert wie in der Orthodoxen Kirche und nirgendwo wird die Freude des Festes so poetisch und rührend zum Ausdruck gebracht wie in Russland.“
Eine jede Liturgie ist ergreifend, doch der Ostergottesdienst in seiner Schönheit einmalig. Die gesamte Kirche und vor allem die Ikonenwand werden mit frischen Blumen geschmückt. Um zu demonstrieren, dass Ostern das Fest der Feste ist, wechseln die Geistlichen ihre Gewänder.
Allerdings ist Ostern für die meisten Russen vor allem mit Bräuchen verbunden und erst in zweiter Linie mit der Kirche. Man isst den Osterkuchen Kulitsch, bemalt fleißig Eier – alles Traditionen, die auch in den 70 Jahren Sowjetunion fortlebten.
Sogar die Parteispitzen nahmen damals Anleihen beim Osterfest. Der vom russischen Künstler Dmitrij Wrubel auf der Berliner Mauer verewigte „Bruderkuss“ zwischen Breschnew und Honecker ist nichts anderes als ein Osterkuss. In der Osternacht gibt man seinem Nächsten drei Küsse auf die Wange und ruft aus: „Christus ist auferstanden!“ Die kommunistischen Staatsmänner dürften davon allerdings keine Ahnung gehabt haben.
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Kirchtürme besteigen und Glocken läuten
Wie, wann und von wem die Kirchenglocken geläutet werden, ist normalerweise auch bei den orthodoxen Christen streng reglementiert. Allerdings gönnt man sich in der Woche nach Ostern aus freudigem Anlass einige Freiheiten: Die Gottesdienste sind dann kürzer, die Regeln werden großzügiger ausgelegt. Beginnend mit dem Ostersonntag, stehen die Kirchtürme all denen offen, die selbst einmal die Glocken läuten möchten. Meist geschieht das unter Anleitung, manchmal auch ohne. Je nach Kirche kann es zeitliche Einschränkungen geben. „Aber grundsätzlich ist das Besteigen der Türme und Läuten der Glocken überall möglich“, sagt Jekaterina Sacharowa vom Moskauer Patriarchat der Orthodoxen Kirche. Bei manchen Gotteshäusern muss man sich eventuell in eine Warteschlange einreihen. Vor allem gilt das für die Christ-Erlöser-Kathedrale.
Friedhöfe „richtig“ und „falsch“ besuchen
Auch dem Gedenken an die Verstorbenen ist im orthodoxen Kirchenkalender ein Tag gewidmet: Radoniza, im Volksmund „Tag der Eltern“ genannt. Es ist der neunte Tag nach Ostern, also ein Dienstag. Viele Russen finden das unpraktisch, sie begeben sich lieber am Ostersonntag auf die Friedhöfe, um dort die Gräber ihrer Angehörigen in Ordnung zu bringen, in Familie beisammenzusitzen und quasi ein Picknick zu veranstalten. Das ist nicht zuletzt aus der Not geboren: Weil es in der Sowjetzeit nicht opportun war, Ostern in der Kirche zu feiern, tat man das eben in dieser Form, gern auch feucht-fröhlich. Und damit die teuren Toten nicht leer ausgingen, ließ man ein Stück Brot, Ostereier und ein Gläschen Wodka für sie zurück.
Diese Osterfolklore wird auch heute gepflegt. Der Ansturm auf die Friedhöfe ist so groß, dass unter dem früheren Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow sogar kostenlose Busse bereitgestellt wurden, sehr zum Verdruss der Kirche allerdings. Sie schimpft jedes Jahr aufs Neue über dieses Relikt aus dunklen Tagen: Wo der Glaube unterdrückt werde, blühe eben der Aberglaube, wie bei den Lebensmittelgaben auf Gräbern, was an heidnische Traditionen anknüpfe. Dabei sei den Toten nicht mit Wodka gedient, sondern mit Gebeten. Und Ostern gehöre der Christ in den Gottesdienst, nicht auf den Friedhof.
Tino Künzel


