Eine Röhre mit vielen Vätern

Die Finanzierung von Nord ­Stream 2 steht, die Bauarbeiten sind angelaufen. Doch allzu oft wird die umstrittene Ostsee-Pipeline nur als deutsch-russisches Vorhaben wahrgenommen. Dabei beteiligen sich Konzerne aus mehreren europäischen Ländern an dem Projekt. Um welche Unternehmen handelt es sich?

Fünf Unternehmen aus ganz Europa finanzieren den Bau der umstrittenen Erdgas-Pipeline Nord Stream 2. /Foto: angi.ru

Ende April unterzeichneten die Konzerne ENGIE, OMV, Shell, Uniper und Wintershall einen Vertrag, in dem sie sich zu einer langfristigen Mitfinanzierung von Nord Stream 2 verpflichteten. Die Unternehmen würden die Hälfte der für den Bau veranschlagten 9,5 Milliarden Euro stemmen, heißt es in einer Mitteilung der Projektgesellschaft Nord Stream 2. Demnach stelle jede der fünf Firmen bis zu 950 Millionen Euro bereit.

Doch Nord Stream 2 ist politisch hoch umstritten. Vor allem in Osteuropa ist der Widerstand groß. Die baltischen Staaten, die Ukraine und Polen mobilisieren gegen das Projekt, in dem sie eine Bedrohung nationaler Interessen sehen. So legte Polens Wettbewerbsbehörde bereits im Sommer 2016 Einspruch gegen den Zusammenschluss der Unternehmen zu einem Joint Venture mit Gazprom ein. Zudem hat der US-Präsident Donald Trump Strafmaßnahmen gegen die Röhre angekündigt. Und auch die Genehmigung Dänemarks, durch dessen Hoheitsgebiet die Gaspipeline verlaufen soll, steht gegenwärtig noch aus.

Angesichts des scharfen politischen Gegenwinds haben sich die Unternehmen mittlerweile auf die Rolle von Kapitalgebern zurückgezogen. An den direkten Baumaßnahmen sind sie somit nicht mehr beteiligt. Verlegung und Montage der Pipeline werden nun zu hundert Prozent von Gazprom gestemmt. An der grundsätzlichen Beteiligung halten bisher aber fast alle Investoren fest. Ein Überblick.

WINTERSHALL

Der Energiekonzern ist eine Tochter des Chemiegiganten BASF und der größte deutsche Erdöl- und Erdgasproduzent. „Russland ist für Wintershall die wichtigste Region!“, betonte Vorstandschef Mario Mehren auf der Jahres-Pressekonferenz des Unternehmens Anfang des Jahres. „Und Russland bleibt für Wintershall die wichtigste Region!“ Im Land setzt Wintershall auf eine enge Kooperation mit dem russischen Energieriesen Gazprom, dem Mehrheitsaktionär von Nord Stream 2. Allein im vergangenen Jahr förderten beide Unternehmen in Sibirien zusammen rund 30 Milliarden Kubikmeter Gas. Dies entspricht mehr als einem Drittel des jährlichen deutschen Gasverbrauchs. Mit der Beteiligung an Nord Stream 2 solle die „erfolgreiche wirtschaftliche Zusammenarbeit“ noch weiter intensiviert werden, so Mehren. Für das Jahr 2018 investierte das Unternehmen daher 324 Millionen Euro in Nord Stream 2.

OMV

Wettbewerbsfähig bleiben und günstige Preise für die Kunden: Mit diesen Motiven begründete OMV-Chef Rainer Seele auf der Handelsblatt-Tagung Energiewirtschaft in Wien Anfang November die Beteiligung des größten Industrieunternehmens Österreichs an Nord Stream 2. Zudem erweitere die neue Erdgas-Röhre das Netz der bereits bestehenden Pipelines. Und verschiedene Möglichkeiten für den Gas-Transport seien für OMV wichtig, um auch weiterhin mit der Konkurrenz mithalten zu können, begründet Seele. Außerdem erhoffe sich das Unternehmen „attraktive Zinsen“, deutete ein Konzernsprecher auf Anfrage der Rechercheplattform ­Addendum an. OMV, das sich auf die Förderung und Vermarktung von Öl und Gas spezialisiert hat, arbeitet bereits seit mehreren Jahrzehnten mit Gazprom bei der Lieferung von Erdgas zusammen.

UNIPER

Die frühere E.On-Kraftwerkstochter erzeugt, handelt und vermarktet weltweit Energie. Auch für das Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf ist die enge wirtschaftliche Kooperation mit Gazprom ein ausschlaggebendes Motiv. Seit 2010 fördert der Konzern gemeinsam mit den Russen Erdgas vom westsibirischen Gasfeld „Juschno-Russkoje“ nach Deutschland und ins europäische Ausland. Die Erweiterung des Netzes durch die zweite Ostsee-Pipeline sollte diese Korporation nun eigentlich weiter intensivieren – und dem Konzern zusätzlich Gewinne einbringen. Doch die weitere Beteiligung des Unternehmens steht gegenwärtig auf der Kippe. Der Grund dafür sind Sanktionsdrohungen gegen Nord Stream 2 aus Washington. Käme es wirklich dazu, erwäge man einen Ausstieg aus dem Projekt, erklärte Finanzvorstand Christopher Delbrück Ende August vor Journalisten in Frankfurt.

ENGIE

Mit Engie beteiligt sich auch ein französisches Unternehmen an dem Röhren-Projekt. Der Energie-Lieferant mit Sitz in Paris hat sich auf die kohlenstoffarme Erzeugung von Strom spezialisiert. Dabei setzt das weltweit tätige Unternehmen auf einen Mix aus erneuerbaren Energien und Erdgas. Mit dem Engagement an Nord Stream 2 möchte der Konzern seine Investitionen in Russland absichern und seine Position auf dem Markt der Erdgas-Produzenten stärken. Engie hat bereits knapp die Hälfte der zugesagten Investitionen getätigt. Auch die noch ausstehenden 500 Millionen Euro würden demnächst gezahlt, kündigte Pierre Chareyre, der Vize des Unternehmens Ende, September an.

SHELL

Der britisch-niederländische Öl-Gigant Shell interessiert sich vor allem für die Gaslieferung an Deutschlands Nachbarn im Westen, Süden und Osten. Mit dem Bau von Nord Stream 2 würde zukünftig mehr Erdgas den europäischen Markt erreichen. Diese zusätzlichen Spitzen könnte der Konzern gewinnbringend an Länder wie die Niederlande, Italien oder Tschechien verkaufen. Zudem ließen sich mit den zusätzlichen Lieferungen bereits bestehende Anschlussleitungen besser befüllen und auslasten. Das Unternehmen, das zu einem der stärksten Akteure auf dem umkämpften Markt für Flüssiggas zählt, möchte seine Position mit der Beteiligung weiter stärken.

Julian Stegemann

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