Ein Mann für Recht und Ordnung

Moskau ist ein Magnet für Menschen aller Couleur, mit ungewöhnlichen Talenten, mit erstaunlicher Schaffenskraft. Die MDZ stellt sie vor - diesmal Andreas Knaul, Managing Partner bei Rödl & Partner.

 

Andreas Knaul ist ein gern gesehener Sprecher auf Konferenzen. /Foto: Gordon Welters.

Die Tür zum Chefzimmer sieht aus wie all die anderen auf dem Korridor. Glas mit mattierten Sichtblenden in durchschnittlicher Augenhöhe. Letzteres gilt nicht für ihn, Dr. jur. Andreas Knaul. Der Endfünfziger aus Bielefeld ist stolze zwei Meter groß. Gradlinig wie seine hochaufgeschossene Gestalt, ein energisch kantiges Gesicht, nur unterbrochen durch eine modische Brille. Darüber kurz und adrett gestutzt das an den Seiten schon ergraute Haupthaar. Der beinahe militärisch anmutende Auftritt wird wohltuend durch ein leichtes Lächeln aufgelockert.

Nein, er spielt nicht den Boss, er ist mitten unter seinen 170 Leuten, hier in Moskau, und bisweilen unter den 30 weiteren in der Zweigstelle St. Petersburg. Darunter sind zwar nur mehr acht Deutsche, aber Deutsch ist die allgemein gepflegte Sprache untereinander. Er stellt sie vor, hört zu, gibt Rat, lobt, scherzt und lacht auch gerne. Knaul ist als Managing Partner Statthalter in Russland und Kasachstan für die weltweit etablierte Familienfirma Rödl & Partner aus Nürnberg.

Umtriebiger Netzwerker

Das Büro von Andreas Knaul misst gerade mal zehn Quadratmeter – Schreibtisch mit Stuhl, zwei Sesselchen mit Tischchen, Schränkchen und Regal. Es wirkt schon ziemlich besetzt, wenn er drin ist. Immer im Blickfeld an der Wand eine große Landkarte der ehemaligen Sowjetunion. Die hat ihn seit fast 40 Jahren an alle Studien- und Arbeitsplätze begleitet, erklärt er schmunzelnd. Dutzende bunt bedruckter Namensschilder an Halsbändern knäulen sich an einer Regalecke. Sie zeugen von seiner Umtriebigkeit auf allen möglichen Konferenzen, Seminaren, Events, Verbandssitzungen, an mindestens drei Tagen pro Woche. Nicht immer ein Vergnügen, wie man meinen könnte. „Dienstleistung ist ein persönliches Geschäft – Kontakte generieren und halten, Vertrauen schaffen und aktuell informiert bleiben“, fasst Knaul seine regen gesellschaftlichen Aktivitäten zusammen.

Dem immer noch weiterverbreiteten Vorwurf einer gewissen „Rechtsunsicherheit“ im hiesigen Wirtschaftssystem begegnet er entschieden. „Die rechtlichen Grundlagen sind inzwischen durchaus vergleichbar mit unseren Standards, nach geschriebenen Gesetzen zu Teilen sogar besser. Ausbildung und Durchsetzung entwickeln sich positiv. Nicht vergessen, dass Russland gerade erst eine 1000-jährige Geschichte von Diktaturen überlebt hat“, beruhigt er.

Knaul ist aktives Mitglied von nicht weniger als 25 bis 30 Vereinen – von den Ehemaligen seiner Heimatschule bis zum Rotary Club in Moskau. Da bleibt für seine Leseleidenschaft wenig Zeit. Genauso wenig wie für Schwimmen und Fitness.

Rechtsgelehrter aus Leidenschaft

Dem Rechtsgelehrten aus dem Ostwestfälischen war von Hause aus zunächst eher eine handwerkliche Karriere vorausbestimmt. Wie für die Gegend so typisch machte sich sein Vater selbständig wie erfolgreich in Textilien und zwar mit der Fertigung massgeschneiderter Hemden – speziell auch für körperlich Behinderte. Doch das handwerklich Kaufmännische mochte Knaul nicht so recht von der Hand gehen, da fand er sich eher fixer im Kopf und der Jurisprudenz zugetan. So kam es dann.

Der Jurist arbeitet seit 2009 bei  der Familienfirma Rödl & Partner aus Nürnberg. /Foto: Rödl & Partner.

In seiner Karriere arbeitete er im Bundeswirtschaftsministerium, bei der Europäischen Kommission in Brüssel und Mitte der 2000er als Professor an der „Riga Graduate School of Law“. 2009 hat Andreas Knaul dann bei Rödl &Partner angeheuert.

Die Juristerei blieb dabei nicht nur sein Broterwerb, sondern auch sein Steckenpferd. Knaul findet immer noch die Zeit, Fachbeiträge und ganze Bücher zu veröffentlichen. Deutsch ist seine Muttersprache, Französisch wurde über Jahre seine Studiensprache, Englisch beherrscht er als global obligatorische Geschäftssprache, das Russische hat er in einem dreimonatigen ‚Russicum‘-Crashkurs an der Universität Bochum verinnerlicht und inzwischen natürlich verfeinert – ja, und auf Spanisch kommt er auch noch gut zurecht.

Jugendaustausch mit Leningrader Komsomolzen

Den russischen „Virus“ hat er sich vor langer Zeit eingefangen. Bereits früh hatte Knaul den Wunsch, die anerzogenen Vorurteile mal vor Ort in Augenschein nehmen zu wollen. Ende Dezember 1980 war er mit einer Jugendgruppe der Einladung Leningrader Komsomolzen zur gemeinsamen Silvesterfeier gefolgt. In jenen zehn Tagen hatte er gesehen und gespürt, dass vieles doch ein bisschen anders war. Nun gut, ein rasanter Troika-Ausflug bei Minus 20 Grad und das süffige „Wodka-Flaschen-vom-Baum-Pflücken“-Spiel haben damals sicher zur Annäherung beigetragen. Die deftigen traditionellen Suppen und üppigen Vorspeisenplatten schmecken ihm noch heute. Wenn inzwischen auch begleitet von trockenem Weißwein – aus russischem Anbau wohlgemerkt.

Bei aller Liebe zu seinem Gastland ist er ein Deutscher mit entsprechenden Prinzipien geblieben. Das ist eben gut für’s Geschäft. Denn was Russen am deutschen Stereotyp lieben, sind ja so Eigenheiten wie Verlässlichkeit, Perfektionismus, Pünktlichkeit.

Von seiner persönlichen Zukunft weiß er nur, dass er die irgendwann nicht hierzulande verleben wird. Moskau hält er zu ‚geschäftsmässig-dynamisch‘ im Ruhestand. Es lockt ihn nach Berlin. Das ist zwar auch ganz schön wuselig, hat aber immerhin ein beschauliches Umland. Und dort ist auch seine zweieinhalb Monate alte Tochter Frederike. Die will er nicht nur auf Bildern aufwachsen sehen.

Frank Ebbecke

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