Ein Komiker macht ernst

Er wurde mit einer Serie über den ukrainischen Staatschef bekannt und dementierte lange seine politischen Ambitionen: Der Comedian Wolodimir Selenskij tritt bei der ukrainischen Präsidentschaftswahl an. Beobachter räumen ihm gute Chancen auf das Amt ein.

Wolodimir Selenskij setzt mit seiner Kandidatur die politische Konkurrenz massiv unter Druck./Foto: fastpic.ru

Politiker, die nur an sich denken, Wähler, denen mittlerweile alles egal ist und Korruption, wohin man schaut: Der Kiewer Geschichtslehrer Wassilij Goloborodko hat die Nase vom chaotischen Alltag in der Ukraine gestrichen voll. Als dann auch noch der Hausmeister in seinen Unterricht poltert, um die Schüler zum Kleben von Wahlplakaten zu verdonnern, platzt dem sonst eher unauffälligen Durchschnittsukrainer der Kragen. In einer atemlosen Wutrede, gespickt mit zahlreichen Mutterflüchen und Kraftausdrücken, entlädt sich sein seit Jahren angestauter Frust. „Wenn man mich auch nur eine Woche machen ließe, gäbe es keine Villen und keine Vergünstigungen mehr“, gipfelt die Tirade des Mannes, der zu wenig verdient, um endlich bei seinen Eltern auszuziehen. „Dann würde ein einfacher Lehrer wie der Präsident leben – und der Präsident wie ein Lehrer!“

Karriere als Serienheld

Nur kurze Zeit später geschieht das Undenkbare, Goloborodko wird tatsächlich zum Chef des zweitgrößten Landes Europas. Denn ein Schüler hat die Brandrede heimlich mit dem Smartphone gefilmt, ins Internet gestellt und mit seinen Klassenkameraden kurzerhand eine Crowdfunding-Kampagne organisiert, die den verdatterten Pauker völlig überraschend ins Präsidentenamt brachte. Fortan kämpft er mit viel Idealismus und Sinn für Gerechtigkeit gegen Oligarchen, Schmiergelder und politische Intrigen.

Goloborodko ist der Held der ukrainischen Fernsehserie „Diener des Volkes“. Verkörpert wird er von dem in Russlands Nachbarland äußerst erfolgreichen Comedian, Schauspieler und Showmoderator Wolodimir Selenskij. Bei den Zuschauern ist die Reihe über den ehrlichen Staatenlenker aus dem einfachen Volk so beliebt, dass immer wieder gemunkelt wurde, Selenskij könnte selbst das Präsidentenamt anstreben. Am letzten Tag des vergangenen Jahres sind aus den Gerüchten nun handfeste Tatsachen geworden.

Kandidatur in Unterhaltungsshow

„Liebe Ukrainer, ich verspreche Ihnen, als Präsident zu kandidieren“, verkündete Selenskij in feierlichem Tonfall in der Silvesterausgabe seiner Unterhaltungsshow „Abendzeit“. Leere Versprechen wolle er für den Urnengang am 31. März 2019 im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern nicht abgeben, erklärte der 40-Jährige mit der Reibeisenstimme. Es gehe ihm um den Versuch, selbst etwas im Staat zu verändern.

Die Ankündigung des Newcomers dürfte für reichlich Aufregung bei der politischen Konkurrenz gesorgt haben. Denn trotz seiner fehlenden politischen Erfahrung gilt Selenskij keineswegs als Lachnummer. Umfragen zufolge rangiert er unter den über 20 registrierten Präsidentschaftskandidaten bereits nach kurzer Zeit an erster Stelle. Nach Zahlen der soziologischen Forschungsgruppe Rating von Ende Januar würden ihm 19 Prozent der Wähler ihre Stimme geben. Dicht auf den Fersen ist ihm mit 18,2 Prozent Ex-Premierministerin Julia Timoschenko. Der amtierende Präsident Petro Poroschenko würde demnach 15,1 Prozent der Stimmen erreichen.

Fehlende Praxis als Vorteil

Die größte Stärke des Quereinsteigers ist paradoxerweise seine fehlende politische Erfahrung. Viele Ukrainer haben die Nase voll von den immer gleichen Politikern, die seit Jahren die Macht unter sich verteilen und sich um lukrative Posten im Land balgen. Der Groll gegen das Establishment sitzt tief. Das Bedürfnis nach neuen und unverbrauchten Gesichtern ist mittlerweile groß. Darüber hinaus kommt Selenskij auch bei vielen russischsprachigen Ukrainern gut an. Denn der Mann aus dem südukrainischen Kriwoj Rog kommuniziert vor allem auf Russisch, deutet eine distanzierte Haltung gegenüber dem Westen an und steuert gegenüber Moskau einen vergleichsweise milden Kurs an. So verurteilt er zwar Russlands Rolle in der Krim-Krise und im Donbass, erteilt militärischen Lösungen aber eine klare Absage. Frieden sei nur durch eine Verständigung mit Moskau zu erreichen. Bei vielen kriegsmüden Ukrainern trifft diese Haltung auf Zustimmung.

Zwielichtige Unterstützung

Allerdings hat Selenskij auch ein Glaubwürdigkeitsproblem: Kritiker werfen ihm eine zu große Nähe zu dem undurchsichtigen ukrainischen Oligarchen Igor Kolomojskij vor. Dessen beliebter Fernsehkanal „1+1“ strahlt die meisten Sendungen des Entertainers aus. Für die Ankündigung Selenskijs verschob der einflussreiche Multimilliardär extra die Neujahrsansprache des amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko. Viele sehen Selenskij daher als Marionette Kolomojskijs.

Um die wirklichen Chancen Selenskijs im Kampf um die Präsidentschaft zu beurteilen, ist es aber noch zu früh. Viele Wähler sind unentschlossen, trauen keinem Kandidaten über den Weg oder entscheiden sich erst im letzten Moment, wo sie ihr Kreuz machen. Journalisten und Experten trauen Selenskij zu, bis in die Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten am 21. April zu kommen. Es bleibt spannend.

Birger Schütz

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