Ein Deutscher über Corona in Russland: Vieles nur auf dem Papier

Es ist dreieinhalb Monate her, dass in Russland erste Ausgangssperren eingeführt wurden. Inzwischen kehrt allmählich wieder Normalität ein. Wie ist das Land durch die Pandemie gekommen? Die MDZ hat den in St. Petersburg lebenden Deutschen Thomas Röper (48), Autor des Blogs „Anti-Spiegel“ über die deutsche Russlandberichterstattung, nach seinen Erfahrungen und Ein­drücken gefragt.

Der Badeort Anapa am Schwarzen Meer Ende Juni: Am 21. Juni wurden die Quarantänebestimmungen für Russlands populärste Urlaubsregion Krasnodar aufgehoben. So langsam füllen sich die Strände. (Foto: Tino Künzel)

Ich möchte mit Ihnen über Ihr persönliches Fazit der Corona-Wochen sprechen.

Zu dem Thema werde ich wohl nicht viel beisteuern können. Ich arbeite zu Hause, für mich hat sich in der Zeit herzlich wenig geändert. Nur die Kneipe, in der ich mit Freunden ab und zu ein Bier trinken gehe, war zu.

Aber man merkt ja, was um einen herum passiert, was die Leute sagen, wie die Stimmung ist.

Es meckern alle. Meckern ist Volkssport in Russland. Da ist man sehr deutsch.

Wo haben Sie die letzten Monate verbracht?

In meiner Eigentumswohnung in einem Stalinbau unweit des Zentrums von St.  Petersburg, wie immer. Nur dass ich während der Pandemie mit zwei Freundinnen eine Corona-WG bei mir gegründet habe, weil wir alle nicht allein sein wollten.

Wie gerät man als Deutscher an eine Wohnung in St. Petersburg?

Ich bin von Haus aus Bank- und Versicherungskaufmann, stamme aus Kiel. Durch Zufall habe ich russische Freunde gefunden, war ein erstes Mal in St. Petersburg und habe für mich beschlossen: Hier willst du leben. Seitdem ist das mein Wohnsitz. Mit Unterbrechung schon 22 Jahre.

Das haben Sie auch nie bereut?

Keine Minute. Ich liebe diese Stadt. Auch in Moskau habe ich mal drei Jahre gewohnt. Das war eine schöne Zeit. Aber es ist schon so, wie die Russen sagen: In Moskau lebt man, um zu arbeiten, in St. Petersburg arbeitet man, um zu leben. Hier geht es viel entspannter zu, es herrscht eine ganz andere, eigene Atmo­­sphäre. Allein schon die Altstadt. Wenn ich in St. Petersburg über den Newski-Prospekt laufe, das ist mit Moskau nicht zu vergleichen.

Viele Deutsche haben es vorgezogen, die Pandemie in Deutschland auszusitzen, und sind mit Sonderflügen aus Russland ausgereist, unter anderem, weil sie im Falle des Falles dem deutschen Gesundheitssystem mehr zutrauen als dem russischen. War das auch für Sie eine Überlegung wert?

Überhaupt nicht. Nach Deutschland, wo ich zwar nicht mehr gemeldet bin, aber noch Verwandte und Freunde habe, fliege ich ein paar Mal im Jahr, wenn es nötig ist. Jetzt fand ich es nicht nötig. Dass die medizinische Versorgung in Deutschland nennenswert besser als in Moskau oder St. Petersburg ist, glaube ich nicht. Vielleicht sind die Krankenhäuser hübscher, aber ansonsten denke ich, dass der Unterschied nicht so groß ist.

Ist man in Russland anders mit der Virusgefahr umgegangen als in Deutschland?

Mir scheint, dass sich das sehr ähnelte. Die Ausgangsbeschränkungen waren auf jeden Fall vergleichbar. Wobei die Maßnahmen in Russland ja praktisch nur auf dem Papier existierten. Ein befreundeter Anwalt hat mir gesagt, dass Ausgangsverbote nach der russischen Verfassung nur dann erlassen werden können, wenn vorher der Ausnahmezustand verhängt wurde. Wer Ordnungsstrafen bei Verstößen zahlen musste, kann also vor Gericht gehen und bekommt Recht. Insofern hat man sich wahrscheinlich von Anfang an gesagt: Man kündigt das an und lässt es dann laufen.

Hat sich die Bevölkerung in St.  Petersburg an die Sicherheitsregeln gehalten?

Am Anfang ja, dann nicht mehr. Eine gewisse Zeit waren die Leute vorsichtig und die Straßen leer. Das hörte dann irgendwann auf. So hat man es mir zumindest erzählt, ich selbst war kaum unterwegs. Im Gegensatz dazu, was ich über Moskau gehört habe, wurde bei uns auch nicht kontrolliert. Eine meiner Mitbewohnerinnen arbeitet am Flughafen, die musste also auf ihrem Arbeitsweg durch die gesamte Stadt. Von ihr wollte nicht ein einziges Mal jemand eine Bescheinigung sehen, dass sie sich frei bewegen darf. Ich kenne auch keinen Fußgänger, der von einer Kontrolle berichtet hätte. Elektronische Passierscheine gab es zwar in Moskau, nicht aber in St. Petersburg.

Hat Russland mit dem Lockdown vielleicht zu lange gewartet, wo man doch den Verlauf der Pandemie in Europa vor Augen hatte?

Was die offiziellen Infiziertenzahlen betrifft, so waren die in Deutschland höher als in Russland, als jeweils der Lockdown in Kraft getreten ist. (Anm. d. Red.: Das war in Deutschland am 23.  März bei 4183 Neuinfektionen an diesem Tag und in Russland am 30. März bei 500 der Fall.) Von daher nein. Die spannende Frage ist für mich nicht, ob der Lockdown zu spät kam, sondern ob man ihn überhaupt braucht. Ich habe dazu keine Meinung, dafür verstehe ich das Virus viel zu wenig. Aber ich gehe davon aus, dass wir eine zweite Welle erleben. Und dann werden wir ja sehen, ob man wieder einen Lockdown macht.

Eine EU-Task-Force sammelt Beispiele, die eine „Desinformationskampagne“ russischer staatlicher Auslandsmedien belegen sollen, darauf gerichtet, in diesen schweren Zeiten die Bürger noch weiter zu verunsichern und damit westliche Gesellschaften zu unterminieren. Was sagen Sie dazu?

Der Vorwurf ist für mich völlig aus der Luft gegriffen. Ich habe mir einige dieser Beispiele angeschaut und nichts gefunden, was in die besagte Richtung geht. Im Gegenteil habe ich in meinem Blog mit den Quellen der EU-Task-Force aufgezeigt, dass dort unsauber gearbeitet wird, um es diplomatisch auszudrücken.

Vielleicht sprengt das jetzt etwas den Rahmen, aber es sind die westlichen Medien, die spalten. Sie teilen die Gesellschaft in Einzelgruppen auf, die dann aufeinander gehetzt werden: Alte und Junge, Frauen und Männer, Schwule/Lesben und Heteros.

Das Interview führte Tino Künzel.

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