Drei Tage des Herrn Kummer in Russland

Nach Krasnodar 2017 und Düren 2019 nun Kaluga: In der Regio­nalhauptstadt fand Ende Juni die 16. Deutsch-Russische Städtepartnerkonferenz statt. Es ging um die Stärkung kommunaler und regionaler Verbindungen. Da war Martin Kummer richtig. Von 1990 bis 2006 Oberbürgermeister von Kalugas Partnerstadt Suhl, kennt er sich mit deutsch-rus­sischen Verbindungen aus.

Stimme im deutsch-russischen Bürgerdialog: Martin Kummer, früherer Oberbürgermeister von Suhl (Foto: Igor Beresin)

Martin Kummer war schon angereist, da hatten sich andere noch gar nicht auf den Weg gemacht. Drei Tage vor Beginn der Städtepartnerkonferenz landeten er und seine Frau in Moskau. Man wollte die Zeit nutzen, um Freunde zu treffen und sich in Kaluga umzuschauen, das beide seit drei Jahrzehnten kennen. Wie hat es sich wohl seit ihrem letzten Besuch verändert?

Kummer ist 67. Er war 16 Jahre Oberbürgermeister der thürin­gischen Stadt Suhl, bevor er 2006 nicht wiedergewählt wurde. Heute ist der CDU-Mann Vorsitzender der Deutsch-Russischen Freundschaftsgesellschaft in Thüringen und Vorstandsmitglied der Berliner Stiftung West-Östliche Begegnungen.

Es sind Leute wie er, denen die Städtepartnerkonferenz als Plattform dient, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und Projekte im Kontext von Städtepartnerschaften voranzutreiben. Die Konferenz, organisiert vom Deutsch-Russischen Forum, wird alle zwei Jahre veranstaltet, abwechselnd in Deutschland und in Russland. Das Spektrum der Teilnehmer reicht vom Lehrer, der sich um den Schüleraustausch kümmert, bis zum Bürgermeister, der mit Kollegen infrastrukturelle Veränderungen in Städten diskutiert.

Diesmal ist freilich nichts wie sonst. Viele gemeinsame Projekte blieben wegen der Pandemie zuletzt auf der Strecke. Es ist schon ein Glück, sich überhaupt wieder begegnen und in den Arm nehmen zu können (in Maske und Handschuhen).

Dass Russland zwischenzeitlich in die deutsche Liste von Virusvariantengebieten aufgenommen worden war, was bei der Einreise nach Deutschland eine 14-tägige Quarantäne nach sich zog, erfuhren die Kummers bereits in Moskau. Andere Deutsche verzichteten angesichts dieser Entwicklung in letzter Minute auf ihre Reise nach Kaluga und waren bei der Konferenz nur virtuell anwesend. Auch Martin Kummer und seine Frau überlegten hin und her. „Wir haben zwei Enkel im Alter von neun und elf Jahren, die wir aus der Schule abholen und die ihre Wochenenden bei uns verbringen“, so der Ex-OB. „In der Quarantäne geht das alles nicht.“

Am Ende fiel schweren Herzens der Entschluss, dass seine Frau zurückreist. „Sie ist stärker als ich, sie hat entschieden“, erzählt Kummer. Er fuhr allein weiter zur Konferenz nach Kaluga, die Regionalhaupstadt 160 Kilometer südwestlich von Moskau. Gerhard Schröder kam nicht, Matthias Platzeck kam nicht, Martin Kummer kam. Er wollte sich durch nichts davon abhalten lassen, seine rus­sischen Freunde zu umarmen.

Der erste Tag

Die Konferenzteilnehmer legen Blumen am Grabmal des Unbekannten Soldaten in einem zentral gelegenen Park in Kaluga ab. Die Stadt wurde im Herbst 1941 von den Deutschen besetzt, doch schon zweieinhalb Monate später von der Sowjetarmee zurückerobert, als Teil der Kriegswende in der Schlacht um Moskau.

Der Vater von Martin Kummer war 18, als es ihn an die Front verschlug. Nach Hause kehrte er erst mit 30 zurück, hatte unter anderem sechs Jahre in sowjetischer Haft verbracht. „Vom Krieg hat er nie gesprochen“, sagt Kummer. Als er Oberbürgermeister war, wurde auf seine Initiative hin im Waffenmuseum Suhl eine Gedenktafel für die Ostarbeiter installiert. In den Rüstungsbetrieben der Stadt hatten während des Krieges Menschen aus Frankreich, Belgien, Polen und der Sowjetunion Zwangsarbeit leisten müssen.

Suhl und Kaluga sind schon seit 1969 Städtepartner. In dieser Zeit wurden Hunderte Projekte im Jugendaustausch, im Sport oder auch in der Kultur realisiert. Von einer der längsten und engsten deutsch-russischen Städtepartnerschaften zeugen auch das Drei-Sterne-Hotel „Suhl“ und das gleichnamige Karaoke-Restaurant in Kaluga, während in Suhl die „Kaluga Pizza“ (mit Hackfleisch) serviert wird.

Momentaufnahme von der Städtepartnerkonferenz (Foto: Igor Beresin)

Am Abend – die feierliche Eröffnung der Konferenz. In der Philharmonie von Kaluga werden Grußbotschaften von Russlands Präsident Wladimir Putin sowie den beiden Außenministern Sergej Lawrow und Heiko Maas verlesen. Höflicher Applaus im Saal.

Für Furore sorgt die Rede von Barbara Lachhein. Die Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsch-Russische Begegnung Essen ruft dazu auf, die partnerschaftlichen Beziehungen zu Städten auf der Krim wiederaufzunehmen und den Boykott der Halbinsel zu beenden. Martin Kummer geht da in vielem mit. „Gut, für Deutschland ist es eine Annexion, was auf der Krim passiert ist, für Russland ein Beitritt. Aber wir müssen ja irgendwie weiterkommen und etwas tun.“

Der zweite Tag

Fünf Arbeitsgruppen machen sich ans Werk. Ihre Themen sind der Jugendaustausch, die Erinnerungskultur, Gesundheit, Inklusion sowie die Zusammenarbeit der Regionen, Städte und Gemeinden. Während Martin Kummer die Arbeitsgruppe zur Erinnerungskultur moderiert, ist im Saal nebenan zu hören, wie Volkswagen das System der Berufsschulausbildung in Kaluga verändert hat. Der Autogigant eröffnete 2007 sein Werk in der Stadt und merkte, dass es an qualifiziertem Personal mangelte. Er wandte sich an die örtliche Technische Fachschule und schlug eine duale Ausbildung vor. Deren praktischer Teil wird im Werk absolviert. Die Studenten werden nach deutschen Standards zu Mechatronikern ausgebildet, doch so ein Berufsbild existiert in Russland überhaupt nicht. Laut Diplom sind sie deshalb Techniker – die AHK bescheinigt ihnen zusätzlich ihre Kenntnisse in der Mechatronik. Von diesem System profitieren alle: Junge Leute wandern nicht aus Kaluga ab, während das Unternehmen die nötigen Fachkräfte bekommt.

Auch der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr sprach zu den Teilnehmern der Städtepartnerkonferenz in Kaluga. (Foto: Igor Beresin)

Am Abend muss Martin Kummer im Café mit ansehen, wie Deutschland im Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft gegen England ausscheidet. Er nimmt es philosophisch: Nein, man sollte sich diese deutsche Nationalmannschaft nicht zum Vorbild nehmen, sollte keine Angst haben, einen Schritt nach vorn zu machen, auch wenn dort Ungewissheiten lauern.

Der dritte Tag

Martin Kummer sitzt wieder auf der Bühne und bittet die Leiter der Arbeitsgruppen, Bilanz zu ziehen. Tenor: Ein Tag war zu wenig für die Diskussion, die nun wohl auch nach der Konferenz weitergehen wird. Ein weiteres Mal betonen alle Teilnehmer, wie wichtig Frieden und Freundschaft für sie sind, wie sehr sie den Abbau von Visahürden wünschen und wie gut es ist, hier in Russland zu sein und einander die Hand zu schütteln. Im Geiste dieser Stimmung verkündet Martin Hoffmann, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums, dass Essen der nächste Austragungsort der Städtepartnerkonferenz wird. Vielleicht kommt die ja dann ohne Masken und PCR-Tests aus.

Für Martin Kummer geht es nach Hause. Seine Enkel wird er noch zwei Wochen nicht sehen können. Einer davon möchte übrigens Russisch als zweite Fremdsprache in der Schule lernen.

Ljubawa Winokurowa

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