„Zum Glück sind wir keine Diplomaten“

Die Voraussetzungen hätten deutlich besser sein können. Trotzdem ist es deutschen und russischen Forschern gelungen, eine Buchreihe über die konfliktreiche Beziehungsgeschichte der beiden Länder zu vollenden. Im Interview sprechen die Historiker Horst Möller und Helmut Altrichter über die Herausforderung, gemeinsam zu erzählen.

Wenn man alle drei erschienenen Bände von „Deutschland – Russland“ aufeinanderstapelt, kommt einiges zusammen: Das gesamte Werk umfasst 1160 Seiten mit über 300 Abbildungen und etwa 85 Texten zu den Schlüsselereignissen der gemeinsamen Geschichte. Wie ist dieses Forschungsprojekt entstanden?

Die Historiker Helmut Altrichter (links) und Horst Möller
(Foto: Lilia Antipow)

Möller: Es handelt sich um ein Projekt der Deutsch-Russischen Historikerkommission. Die ist 1997 auf Anregung unseres damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl entstanden, der das mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin vereinbart hat. Man hat sich dann selbst die Zielsetzung gegeben, sich auf die deutsch-sowjetische Geschichte des 20. Jahrhunderts zu konzentrieren. Es ging dabei für die deutsche Seite auch darum, den Zugang zu den Archiven in Russland zu erleichtern. Die Kommission besteht aus den Chef-Archivaren beider Länder, russischen Deutschlandhistorikern und Repräsentanten der russischen Geschichtswissenschaft sowie je neun Fachhistorikern aus beiden Ländern.

Die Autoren der Texte in den Bänden entstammen also dieser Historikerkommission?

Möller: Nur zum Teil. Viele haben wir von außerhalb dazugeholt, ansonsten hätte eine solche Fülle an Beiträgen überhaupt nicht erreicht werden können.

Altrichter: Es ist ein Werk für ein generell historisch interessiertes Publikum und richtet sich weniger an eine Fachleserschaft als an die Allgemeinheit. Deshalb haben wir uns bei den einzelnen Texten für die Essayform entschieden.

Das Projekt scheint sich auch in anderen Punkten von geschichtswissenschaftlichen Büchern und Monographien zu unterscheiden. Im Inhaltsverzeichnis wurden bei fast allen Texten jeweils zwei Autorennamen notiert.

Altrichter: Die Besonderheit der Artikel ist es, dass sie jeweils von einem russischen und einem deutschen Historiker verfasst wurden. Dabei hat einer der beiden zuerst einen Aufschlag geliefert und der andere seine Kommentare hinzugefügt. Das Ziel war dann, aus dieser Konstellation einen gemeinsamen, lesbaren Text zu erstellen. Es waren Hunderte von Mails, die da hin- und hergeschickt wurden.

Möller: Es kam aber auch vor, dass sich die beiden nicht einigen konnten. In diesem Fall haben wir parallele Texte nebeneinandergestellt, aus denen die unterschiedlichen Interpretationen ersichtlich sind. Wir haben beschlossen, uns da auf die Mündigkeit des Lesers zu verlassen. Zum Glück sind wir keine Diplomaten und brauchen deshalb auch keine Formelkompromisse einzugehen.

Dennoch scheint die Buchreihe auf politischer Ebene durchaus für Aufsehen zu sorgen. Bei der Vorstellung des neuesten Bandes waren Sie auch im russischen Außenministerium zu Gast.

Altrichter: Das stimmt. In Moskau wurden Grußadressen von Präsident Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel verlesen. Fast 200 Leute waren anwesend. Es ist also nicht so, dass wir nur in akademischen Kreisen Aufmerksamkeit bekommen.

Wie weit liegen die deutsche und die russische Geschichtsschreibung auseinander?

Altrichter: Wenn Begriffe ins Tänzeln gekommen sind, haben wir einen dritten, neuen Begriff eingeführt. Was das Inhaltliche angeht, musste die Lösung, bei der ein separater Artikel geschrieben wurde, etwa für ein Fünftel aller Artikel herhalten. Die größten Unterschiede hatten wir – nicht unbedingt überraschend – bei dem Band zum 20. Jahrhundert. Da ging es natürlich um die Revolution, um Stalingrad, die Perestroika und so weiter.

Möller: Probleme hatten wir ab und zu auch bei den anderen Bänden. Das lag aber meist nicht an großen interpretatorischen Differenzen. Es ging eher darum, dass einer der beiden lieber einen anderen Aspekt stärker hervorheben wollte.

Altrichter: Wir wollten keine zwei unterschiedlichen Bücher mit unterschiedlicher Akzentsetzung. Es war uns wichtig, dass sowohl die russische als auch die deutsche Ausgabe völlig identisch sind: in Text, Bild und sogar im Layout.

Es gibt noch eine weitere Eigenheit: Der dritte Band über das so umstrittene 20. Jahrhundert wurde als Erstes veröffentlicht. Erst dann folgten Band eins und zwei.

Möller: Das haben wir ganz bewusst so gemacht. Als die Kommission ihre Arbeit Ende der 1990er Jahre aufnahm, herrschte bei den Sitzungen noch eine relativ angespannte Stimmung. Das waren regelrechte Delegationen, die sich da gegenübersaßen. Im Laufe von zwei, drei Jahren hat sich das aber immer weiter verbessert. Und als dann 2008 die Planung für das Geschichtsbuch begann, war uns klar, dass wir mit dem schwierigen 20. Jahrhundert anfangen wollen.

Der Band ist 2014 erschienen, jenem Jahr, als der Konflikt um die Krim Fahrt aufnahm. Hat sich die angespannte politische Lage zwischen Deutschland und Russland auf die Arbeit am Buch ausgewirkt?

Möller: Natürlich haben wir uns mit den Kollegen immer wieder über die politischen Entwicklungen unterhalten. Aber bei den Sitzungen der Kommission selbst war das nie ein Thema. Es hat da auch keine Anweisungen gegeben: von deutscher Seite ohnehin nicht und von russischer Seite, soweit ich das beurteilen kann, auch nicht. Man muss sowieso sehen: Auch Historiker in westlichen Ländern sind sich ja  nicht in allem einig, was Russland angeht.

Altrichter: Man kann aber schon sagen, dass wir froh darüber waren, bereits vor der Krimkrise mit der Arbeit an dem Band zum 20. Jahrhundert begonnen zu haben (lacht).

Möller: Ja, das wäre heute vielleicht etwas schwieriger.

Sie beide haben viel Zeit und Arbeit in das Projekt investiert. Was nehmen Sie aus der deutsch-russischen Zusammenarbeit mit?

Möller: Für mich war das ein großer Gewinn. Die Europäer müssen sich über die Grenzen hinweg über essenzielle Dinge verständigen. Dazu wollten wir beitragen.

Altrichter: Ich bin der Meinung, dass dieser Austausch zwischen Fachkollegen extrem wichtig ist. Wenn wir noch einen Wunsch frei hätten, dann wäre es der, dass man sowohl die deutsche als auch die russische Fassung frei über das Internet lesen kann.

Das Interview führte Patrick Volknant.

Stationen gemeinsamer Geschichte

Über ein Jahrzehnt hat es gedauert, doch nun ist es vollbracht. Zwölf Jahre lang haben sich deutsche und russische Wissenschaftler für „Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte. Orte der Erinnerung“ auf die Suche nach einer gemeinsamen Geschichtsschreibung begeben. Von der Zusammenarbeit sollen beide Seiten gleichermaßen profitieren: Die drei Bände des Werks sind sowohl auf Deutsch als auch auf Russisch erschienen. Der Historiker Horst Möller hat – zusammen mit seinem russischen Pendant Alexander Tschubarjan – die Buchreihe herausgegeben. Der 77-Jährige war lange Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Helmut Altrichter, einstiger Inhaber des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat seinerseits beim dritten Teil als Herausgeber mitgewirkt. Auch den nun erschienenen, zweiten Band hat Altrichter betreut. Die deutsche Version des Buches, das sich mit dem deutsch-russischen Verhältnis im 19. Jahrhundert beschäftigt, wurde Anfang Juli im Münchner Haus des Deutschen Ostens vorgestellt.

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