„Eine Wucht“: Die Gazprom Arena in St. Petersburg aus Fansicht

Das Champions-League-Finale 2021 wird in St. Petersburg ausgetragen, hat die UEFA, der europäische Fußballverband, kürzlich entschieden. Was muss man über die Gazprom Arena, Heimstätte des russischen Meisters Zenit St. Petersburg, wissen? Die MDZ hat dazu einen Kenner befragt: Der Fitnesstrainer und Zenit-Fan Igor Gerassimtschuk moderiert eine Gruppe rund um Russlands teuerstes Stadion im Sozialnetzwerk VKontakte.

Der Fußballtempel auf der Krestowskij-Insel ist schon äußerlich eine ziemlich runde Sache. © Tino Künzel

Herr Gerassimtschuk, wann waren Sie zuletzt bei einem Heimspiel von Zenit St. Petersburg?

Ich bin Dauerkarteninhaber und sehe alle Spiele.

Wo sitzen Sie in der Gazprom Arena?

Über der Fankurve, also hinterm Tor. Und zwar ganz oben. Von dort kann man am besten verfolgen, wie die Mannschaften positionell aufgestellt sind und wie sie taktisch agieren. Mein Platz befindet sich 43 Meter über dem Spielfeld, das entspricht dem 17. Stockwerk in einem Haus. Trotzdem hat man das Gefühl, nah am Geschehen zu sein. Das Stadion ist eine Wucht, das kann man nicht anders sagen.

Womit sticht es aus der Masse heraus?

Da wäre allen voran das Dach zu nennen, das bei Bedarf geschlossen werden kann, was in der kalten Jahreszeit durchgängig der Fall ist. Wir haben in St. Petersburg ein feuchtes Klima, so dass niedrige Temperaturen noch mal viel unangenehmer werden können als beispielsweise in Moskau. Insofern ist es natürlich eine Wohltat, wenn du ins Stadion gehst und dich dort im T-Shirt aufhalten kannst. Speziell Familien mit Kindern oder auch älteren Menschen kommt das schon sehr zugute, nicht 90 Minuten in der Kälte sitzen zu müssen. Natürlich ist Fußball bei geöffnetem und bei geschlossenem Dach nicht ganz dasselbe, aber diesen Kompromiss muss man eben eingehen.

Noch ein Riesenvorteil des Stadions ist seine Multifunktionalität. Vom Konzert bis zum Businessforum ist auch abseits des Fußballs ständig etwas los. Und weil der Rasen raus- und reingefahren werden kann und also nicht darunter leidet, wenn der Innenraum genutzt wird, lässt sich das alles wunderbar unter einen Hut bringen. Ein Beispiel: Am 2. August ist Rammstein in der Arena aufgetreten, am 3. August hat Zenit gespielt.

Etwas Besonderes ist auf jeden Fall auch die äußere Form des Stadions. Wie stehen Sie zu dieser Ästhetik?

Das futuristische Projekt unter dem Titel „Raumschiff“ hat mir von Anfang an gefallen, noch während der internationalen Ausschreibung von 2006, als fünf Bewerbungen in die Endauswahl kamen und dieser Entwurf des japanischen Stararchitekten Kisho Kurokawa gewann. Damit war mein Interesse so richtig geweckt. Für Architektur und Technik konnte ich mich schon als Kind begeistern. 2007 wurde eine Gruppe bei VKontakte über das Stadion eingerichtet (mit mittlerweile über 27.000 Abonnenten – die Red.), an der ich mich rege beteiligt habe und so auch mit den am Bau Beteiligten ins Gespräch gekommen bin. Später war ich oft auf der Baustelle, habe Fotos gemacht und war überhaupt so sehr involviert, wie man das als Außenstehender nur sein kann.

Als das Stadion dann 2017 eröffnet wurde, habe ich die eine oder andere Träne verdrückt. Denn ich wusste, was dahintersteht, dass noch ein, zwei Jahre zuvor dort, wo nun der Ball rollte, nur Beton und Metall gewesen waren. Das ist auch der Grund dafür, dass ich heute mit Fug und Recht sagen kann: Die Arena ist mir ein Zuhause geworden. Gerade, weil ich ihre Geschichte von A bis Z kenne.

Das neue Stadion fasst 62.000 Zuschauer und bietet alle möglichen Annehmlichkeiten. Das alte war mit einer Kapazität von 21.000 Zuschauern vergleichsweise klein und nicht überdacht. Trauern die Zenit-Fans dem Petrowskij-Stadion in mancher Hinsicht trotzdem nach?

Ich bin selbst seit 1996 Zenit-Fan und habe die alten Zeiten ja miterlebt. Was ich oft höre, ist, dass die Leute nach wie vor von der Atmos­phäre im Petrowskij schwärmen. Dort war das gesamte Stadionrund in die Zenit-Farben getaucht und alle haben Stimmung gemacht. In der Arena hat man dann doch viel Publikum nach dem Motto „Sehen und gesehen werden“, das schwerer mitzureißen ist und in Sprechchöre, die von der Fantribüne ausgehen, nicht so einfach einstimmt.

Und dann sind mit unserem alten Stadion natürlich auch viele glorreiche Erinnerungen verbunden: der erste russische Meistertitel 2007, in der darauffolgenden Saison der Uefa-Cup-Sieg, eine Mannschaft, deren Gesicht Arschawin, Kerscha­kow, Denissow geprägt haben – unsere Petersburger Jungs.

Hätten Sie jemals gedacht, dass sich in der Arena der Zuschauerschnitt verdoppeln bis verdreifachen würde?

Sogar gegen weniger namhafte Gegner wie hier Arsenal Tula sind die Ränge gut gefüllt. © Tino Künzel

In der Meisterschaft liegt er diese Saison bisher bei 47.000. Nein, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich bin von 30.000 bis 35.000 ausgegangen und positiv überrascht, dass sich die Zahlen so entwickelt haben.

Damit liegt Zenit weit vor der russischen Konkurrenz. Vor diesem Hintergrund: Heißt das, dass man sich als Besucher auf lange Schlangen vor den Einlasskontrollen einstellen muss?

Das hängt von jedem selbst ab. Wer rechtzeitig kommt, also eine Stunde oder wenigstens eine halbe Stunde vor Spielbeginn, der ist binnen weniger Minuten im Stadion. Wer erst unmittelbar vorm Anpfiff eintrifft, der schafft es unter Umständen erst zur Mitte der ersten Halbzeit auf seinen Platz.

Und nach dem Spiel? Im russischen Fußball war es traditionell so, dass die Zuschauer je nach Block nur in einer bestimmten Reihenfolge nach draußen gelassen wurden, damit es nicht zu Staus kam. Das führte zu teils langen Wartezeiten.

Bei uns leert sich das Stadion innerhalb von zehn Minuten. Und alle können es gleichzeitig verlassen. In der näheren Umgebung befinden sich drei Metrostationen, die innerhalb von 10 bis 20 Minuten zu Fuß zu erreichen sind. So fließen die Besucherströme in unterschiedliche Richtungen ab. Da staut sich nichts.

Gibt es denn auch etwas, was nicht so toll ist an diesem Stadion?

Die Akustik könnte besser sein. Das wird viel in unserer Gruppe diskutiert und überhaupt in interessierten Kreisen. Weil das Dach so aufwendig ist, brauchte es dafür eine riesige Metallkonstruktion. Daher die Probleme, die sich von Platz zu Platz unterschiedlich auswirken: Teils hört man alles ganz deutlich, teils kommt von der gegenüberliegenden Tribüne nur ein einziger Geräusche­brei an. Da besteht also noch Raum für Verbesserungen.

Bei seinem letzten Heimspiel in der Gazprom Arena fertigte Zenit Tabellenführer Rostow am Don mit 6:1 ab.

Der Bau der Gazprom Arena war von reichlich Negativschlagzeilen überschattet. Er dauerte zehn Jahre und kostete am Ende etwa eine Milliarde Euro, ein Mehrfaches der anfänglichen Kalkula­tion. Für Kritiker war das Stadion noch vor seiner Fertigstellung ein Inbegriff von Korruption und Verschwendung. Wie haben Sie das erlebt?

Sicher hätte es an der einen oder anderen Stelle schneller gehen und manches billiger ausfallen können. Aber wenn man um die Zusammenhänge weiß, dann wird vieles plausibel. Unser Stadion hat eine Gesamtfläche von 286.000 Quadratmetern, das ist deutlich mehr als beim Wembley-Stadion in London. Ich würde es eher mit dem AT&T Stadium der Dallas Cowboys vergleichen, dem vielleicht besten Stadion der USA. Und dann ist unser Dach für enorme Schneelasten ausgelegt, 240 Kilogramm pro Quadratmeter, wenn mich nicht alles täuscht. Das sind alles objektive Gründe für die hohen Kosten. Aber diese ganzen Umstände sind längst in den Hintergrund getreten. Heute freuen wir uns einfach, ein so fantastisches Stadion zu haben.

Das Interview führte Tino Künzel.

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