Die Alternativen aus dem Netz

Sie erreichen Millionen Zuschauer und bieten differenzierte Einblicke: Im russischsprachigen YouTube gibt es immer mehr hervorragende Reportagen über die neuesten Themen in Politik und Gesellschaft. Wir stellen Ihnen vier reichweitenstarke Kanäle vor.

Im russischsprachigen Segment von YouTube boomen zurzeit aufwendig produzierte Reportagen. (Foto: youtube.com)

Redakzija

Alexej Piwowarow arbeitete bereits mit 14 Jahren für das Kinderprogramm des sowjetischen Radios, machte in den 1990er Jahren beim Fernsehsender NTW Karriere und wechselte nach dessen Verstaat­lichung zum unabhängigen TV-Kanal RTVi. Im vergangenen Jahr starte der bekannte Journalist nun sein neues Projekt „Redakzija“ auf YouTube. Spezialität des Kanals sind sogenannte Film-Ermittlungen zu brennenden politischen und gesellschaftlichen Themen. Ob der Krieg um Berg-Karabach, gravierende Ermittlungspannen bei der Fahndung nach dem Serienmörder Popkow oder die Vertuschung einer Umweltkatastrophe vor Kamtschatka: In den bis zu zwei Stunden langen Reportagen gehen Piwowarow und sein Team den Sachen ausführlich auf den Grund.

Immer mehr Journalisten wie Alexej Piwowarow drehen ihre Reportagen ausschließlich für YouTube. (Foto: twitter.com)

Eine Besonderheit für die oft aufgeladene mediale Diskussion in Russland: Piwowarow präsentiert keine fertigen Meinungen, lässt grundsätzlich alle Seiten zu Wort kommen und verkneift sich weitgehend Kommentare. „Die Schlüsse ziehen Sie selbst“, heißt es am Ende jeder Sendung. Besonders oft geklickte Reportagen erscheinen auch mit englischen Untertiteln. Der Kanal hat 1,6 Millionen Abonennten.


Wdud

Als Juri Dud 2017 seinen YouTube-Kanal startete, verfügte er über nur wenig Erfahrung im Interviewen von Politikern, Künstlern und anderen Berühmtheiten. Er habe „Wdud“ daher eigentlich als Trainingsplattform geschaffen, um neue Erfahrungen außerhalb seiner angestammten Arbeitssphäre zu sammeln, ver­sicherte der in Potsdam geborene Sportjournalist später. Doch der unerschrockene Stil des 34-Jährigen, der seine Gäste auch mal nach deren letztem Gruppensex, ihrer Meinung zu Präsident Putin oder dem Sinn des Lebens befragt, schlug bei den Zuschauern ein. Heute ist Juri Dud mit 8,2 Millionen Abonnenten der wahrscheinlich bekannteste Blogger des Landes.

Juri Dud ist mit mehr als acht Millionen Abonnenten der wahrscheinlich bekannteste Blogger Russlands. (Foto: lentachel.ru)

Neben traditionellen Interviews erscheinen bei „Wdud“ auch immer wieder längere Stücke zu viel diskutierten Themen aus Politik und Geschichte. So schlug im vergangenen Jahr die fast zweieinhalbstündige Reportage „Kolyma“ über Russlands Umgang mit dem unbequemen Erbe des Gulag hohe Wellen. Dem schmerzvoll erinnerten 15. Jahrestag der Geiselnahme im südrussischen Beslan widmete Dud einen rund drei Stunden langen Beitrag. Die Reportagen wurden dank englischer Untertitel auch in vielen westlichen Medien besprochen.


Warlamow

Er wurde als IT-Unternehmer steinreich, beschäftigt sich als Urbanist mit den Sünden der russischen Stadtplanung und dreht Videos über das Wohnen in abgelegenen Regionen: Die Themen auf Ilja Warlamows YouTube-Kanal wirken auf den ersten Blick nicht besonders politisch. Doch der Schein trügt. Denn der umtriebige 36-Jährige, der schon vor dem YouTube-Hype mit Fotoreportagen von russischen Oppositionsdemos bekannt wurde, greift auf „Varlamow“ regelmäßig auch heiße Eisen wie die Proteste in Belarus, russische Impfgegner und Umwälzungen im postsowjetischen Raum auf.

Mehr als Architektur und Städteplanung: Urbanist Ilja Warlamow berichtet regelmäßig auch über politische Themen. (Foto: youtube.com)

In den Formaten „Was geht ab?“ und „Fake News“ beschäftigt sich der meinungsstarke Blogger zudem jede Woche mit dem Neuesten aus Russlands Politik und Gesellschaft. Warlamows Berichte sind dabei oft subjektiv gefärbt, mit seiner Meinung hält der Blogger nicht hinterm Berg. Seine Videos dreht der rastlose Globetrotter zumeist von unterwegs. So können bei den Nachrichten über die aktuellen russischen Covidzahlen schon mal afrikanische Palmen im Hintergrund zu sehen sein. Der Kanal hat 1,9 Millionen Abonnenten.


Vorsicht Sobtschak

Sie sorgte als It-Girl für Schlagzeilen, feierte als Trash-Show-Moderatorin Erfolge und kandidierte bei den Präsidentschaftswahlen 2018: Xenija Sobtschak kann auf eine durchaus schillernde Karriere zurückblicken. Vor drei Jahren startete die Tochter des ehemaligen Bürgermeisters von Sankt Petersburg nun auch ihren eigenen YouTube-Kanal „Ostoroshno Sobtschak“ (Vorsicht Sobtschak) auf dem zunächst Interviews mit Künstlern, Schriftstellern und Aktivisten aus Sobtschaks ausgedehntem Bekanntenkreis zu sehen waren.

Das frühere It-Girl Xenija Sobtschak ist mittlerweile auch als YouTube-Journalistin erfolgreich. (Foto: youtube.com)

Im Jahr 2019 bewies Sobtschak mit einem viel gelobten Bericht über den fundamentalistischen Priester Sergij aus dem Ural, dass sie auch längere Reportagen beherrscht. Clips zu Wahlen und Missständen in der Armee folgten. Sobschtak folgen 1,7 Millionen User.

Birger Schütz

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