Der Sammler und die Sowjets

Er entriss die russische Avantgarde dem Vergessen, machte seine Wohnung zum Museum und wurde ins Exil gedrängt: Im Moskauer AZ-Museum läuft derzeit die Ausstellung „Wybor Costaki“ (Die Wahl Costakisʹ). Wer war der Mann hinter der größten privaten Kunstsammlung der Sowjetunion?

Avantgarde im Plattenbau: George Costakis und seine berühmte Kunstsammlung (Foto: veryimportantlot.com)

Ein einziger leuchtend dicker Streifen auf weißem Hintergrund, eine konsequente Reduktion des Malens auf eine einzige Farbe und einen Pinselstrich: Das Gemälde „Der Grüne Streifen“ von Olga Rosanowa veränderte George Costakisʹ Leben für immer. Zufällig hatte der Moskauer Kunstsammler, der sich auf Porzellan, Briefmarken und alten Plunder spezialisiert hatte, das avantgardistische Meisterwerk auf einem seiner Streifzüge im Jahr 1946 entdeckt. „Ich brachte es mit nach Hause“, erinnerte sich Costakis in einem Interview 35 Jahre später, „in meine Wohnung mit dem ganzen Silber, den Teppichen und so weiter. Und ich merkte, dass ich bis dahin wie mit geschlossenen Fenstern gelebt hatte.“ Wie durch ein weit geöffnetes Fenster sei plötzlich von überall Licht in den Raum geströmt. „Das war die Stimme Gottes.“

Fiebrige Jagd nach vergessenen Meisterwerken

Der Kunstenthusiast, 1913 als Kind griechischer Eltern in Moskau geboren, war angefixt. Eilig verkaufte er die kitschigen Porzellanfiguren, alten Perser und anderen Schätze seiner frühen Sammlung – und widmete sein Leben fortan der fieberhaften Jagd nach Bildern der fast vergessenen russischen Avantgarde. Die Kunstwerke mit den leuchtend bunten Farben und den geometrischen Mustern wurden zu Costakisʹ Zeit verfemt. In den Museen zeigte man Malewitsch, Kandinsky und Co schon lange nicht mehr. Ausstellungen waren verboten, Angehörige der Künstler versteckten die Leinwände ängstlich in abgelegenen Datschas oder unscheinbaren Schuppen. Schuld daran war die sogenannte Formalismuskampagne der 1930er Jahre, mit der die avantgardistische Malerei faktisch verboten worden war. Stalin missfielen die abstrakte Formensprache und vor allem die Forderung einer rein funktionalen Kunst. Mit seinem Konzept des sozialistischen Realismus stellte er Malerei und Kunst in direkten Auftrag der kommunis­tischen Ideologie.

Prominenter Besuch: Expressionist Marc Chagall begutachtet die Costakis-Sammlung. (liveinternet.ru)

Für die Avantgardisten bedeutete das Publikations- und Ausstellungsverbote. Manche zerstörten ihre Arbeiten aus panischer Angst vor Repressionen mit den eigenen Händen oder warfen die Bilder in den Müll. Für George Costakis, der sein Geld als Chauffeur in der kanadischen Botschaft verdiente und nie eine Kunstschule von innen gesehen hatte, stellte diese Situation aber auch einen großen Vorteil dar: Denn die verteufelten Meisterwerke waren oft zu Spottpreisen zu haben. Mehrmals konnte er Leinwände, die heute Millionen Dollar wert sind, für nur einige Hundert Rubel ersteigern. Costakis suchte in An-und-Verkaufläden, Antiquitätengeschäften und fragte auch gezielt bei Nachkommen der Künstler nach, bei denen er noch Bilder vermutete. Manche Witwen verschenkten die jahrelang unter Sofas, Betten und hinter Schränken versteckten Werke sogar, um sich endlich von den gefährlichen Lasten zu befreien. Durch Gespräche mit Hinterbliebenen stieß Costakis auch auf ein Gemälde der damals in völlige Vergessenheit geratenen Ljubow Popowa. Der Bruder der Mitte der 1920er Jahre verstorbenen Künstlerin hatte mit der Leinwand die Fensteröffnung eines Schuppens auf seinem Wochenendgrundstück zugenagelt. Costakis fuhr in die kanadische Botschaft, ließ sich eine Sperrholzplatte in derselben Größe zurechtsägen und tauschte diese schließlich gegen das Meisterwerk ein.

Geschmäht als griechischer Sonderling

Für seine Leidenschaft erntete Costakis jahrelang nur Spott und Schulterzucken. In der Moskauer Sammlerszene wurde er als griechischer Sonderling belächelt, der mit manischer Besessenheit völlig wertlosen Müll zusammenträgt. Offizielle Kunstfunktionäre machten sich über den Sammler lustig, Zeitungsartikel stellten ihn als wunderlichen Sammler von Gerümpel dar. George Costakis ließ sich davon jedoch nicht beirren. Größeres Kopfzerbrechen bereitete ihm stattdessen die Finanzierung seiner kostspieligen Leidenschaft. Dauernd war auf der Suche nach neuen Geldquellen. So verhökerte er beispielsweise den Wintermantel seiner Tochter für ein Bild und verkaufte kurzentschlossen den Familienwagen, als ein besonders lohnender Kauf in Aussicht stand. Mit der Zeit trug der Sammler mehrere Tausend Gemälde, Grafiken und Manuskripte zusammen, welche die sowjetische und russische Kunst der 1900er bis 1940er Jahre umfasste. Sämtliche Etappen der Entstehung und Entwicklung der Avantgarde mit sämtlichen Strömungen, Genres und Techniken waren vertreten. Es war die größte Sammlung russischer Avantgardekunst in Privathand.

In den 1970er Jahren ein Geheimtipp unter Diplomaten, Prominenten und Kunstliebhaber: Die Kollektion von George Costakis am Moskauer Wernadskij-Prospekt. (Foto: izbrannoe.com)

Privatmuseum in der Neubauwohnung

Mit dem politischen Tauwetter der 1960er Jahre öffnete Costakis seine Wohnung am Wernadski-Prospekt auch für kunst­interessierte Besucher. Die einzigartige Sammlung in dem einförmigen Neubaugebiet sprach sich in Moskauer Intellektuellenkreisen schnell herum und entwickelte sich zum Treffpunkt nonkonformistischer Maler, die abseits der offiziellen Kunstdoktrin arbeiteten. In den 70er Jahren wurde die Geschichte vom Moskauer Griechen und seiner legendären Kollektion dann auch im Ausland immer bekannter. Berühmtheiten wie David Rockefeller schauten bei Besuchen in Moskau bei Costakis vorbei. Im fünfbändigen Besucherbuch finden sich die Namen von Berühmtheiten wie Andrzej Wajda, Marc Chagall oder Edward Kennedy.

Doch mit der Bekanntheit kamen auch die Probleme. Den Behörden war der mittlerweile weltbekannte Sammler mit seiner millionenschweren Kollektion verbotener Kunst immer mehr ein Dorn im Auge. So kam es erst zu einem bis heute nicht aufgeklärten Brand in seiner Datscha, dann wurde Costakis Wohnung in seiner Abwesenheit ausgeraubt, Unbekannte belästigten den Sammler am Telefon. 1977 entschied sich Costakis daraufhin zur Emigration nach Griechenland. Doch die Sowjetunion erlaubte ihm die Ausreise nur unter einer Bedingung: Seine geliebte Sammlung sollte aufgeteilt werden. Nach zähen Verhandlungen musste Costakiks Rund 80 Prozent der Kollektion – mehrere Tausend Bilder – der Tretjakow-Galerie überlassen.

Ausstellung im AZ-Museum

Die Ausstellung im Moskauer AZ-Museum zeigt nun Bilder, Manuskripte und Gegenstände aus George Costakisʹ Leben. In einem extra für die Austellung gedrehten Film erzählen Bekannte, Weggefährten und Kunstexperten von ihren Erinnungen an den legendären Sammler und erklären die Bedeutung seiner Kollektion. Außerdem werden eine Medieninstallation sowie ausgewählte Werke aus der Costakis-Sammlung gezeigt. Die Ausstellung ist noch bis zum 8. November zu sehen. Der Eintritt beträgt 200 Rubel.

Birger Schütz

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