Der Mann, dem Polizisten vertrauen

Als „Ombudsmann der Polizei“ setzt sich Michail Woronzow für die Rechte von Russlands Polizisten ein. Jetzt wird er wegen schwerer Erpressung angeklagt.

Ombudsmann
Michail Woronzow wird bald vor Gericht stehen. (instagram.com/ombudsmen_police)

Es wirkte, als wollte die Polizei mal zeigen, was sie drauf hat. Am Morgen des 7. Mai seilten sich vermummte Beamte vom Dach eines Moskauer Hauses ab. Ihr Ziel: die Fenster von Michail Woronzows Wohnung. Gleichzeitig zerlegten Kollegen die Eingangstür mit einer Flex.

Die Polizisten waren gekommen, um die Wohnung Woronzows zu durchsuchen und ihn wegen schwerer Erpressung festzunehmen. Woronzow solle von einem Polizisten 30 000 Rubel (3800 Euro) verlangt haben. Dann würde er private Bilder nicht veröffentlichen. Dennoch erschienen sie im Netz.

Woronzow ist selbst ehemaliger Polizist

Woronzow ist bei der Polizei kein unbekannter. Schließlich gehörte er bis 2017 selbst dazu. Nach seiner Entlassung  begann er als „Ombudsmann der Polizei“ (ombudsmen polizii) zu bloggen. Seitdem setzt sich Woronzow aktiv und ziemlich erfolgreich für die Rechte von Polizisten ein. So hilft er ihnen, Kündigungen anzufechten und verschiedene Zahlungen und Kompensationen zu bekommen. Dafür veröffentlicht er Dokumente und Beschwerden. Insgesamt 60 000 Follower hat Woronzow auf verschiedenen Kanälen.

Laut dem Monitoring- und Analyseunternehmen Medialogija gehörte „Ombudsmann der Polizei“ 2019 zu den 30 am meisten zitierten Medien in Russland. Die Menschenrechtsorganisation Agora bezeichnet Woronzow als inoffizielle Polizeigewerkschaft. Und das brachte ihm in den vergangenen drei Jahren immer wieder Ärger mit dem Innenministerium ein. Auch weil er wiederholt die Fähigkeiten von hochrangigen Polizisten in Frage stellte.

Schnelle Wandlung vom Helfer zum Politiker

Allerdings scheint Woronzow seine Arbeit im vergangenen Jahr vernachlässigt zu haben. Denn Anstatt sich weiter um die Rechte von Polizisten zu kümmern, sei er immer politischer geworden. Er habe den Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj unterstützt und immer öfter den Staat kritisiert, konstatiert Agora.

Die Verhaftung von Woronzow kam nicht unerwartet. Bereits im April wurde seine Wohnung durchsucht. Damals wurde ihm vorgeworfen, Lügen über eine Armeehochschule verbreitet zu haben. Dort waren 70 Prozent aller Kursanten mit dem Coronavirus infiziert.

Bereits kurz darauf Vorfall berichtete der Fernsehsender Russia Today, dass Woronzow Fake News über die Polizei propagiere. Auch REN-TV hatte sich voll auf den „Ombudsmann der Polizei“ eingeschossen. Innerhalb kurzer Zeit widmete der Kanal ihm 22 Beiträge.

Das Verfahren wirkt politisch motiviert

Nach der Verhaftung solidarisierten sich viele aktive und ehemalige Polizisten mit Woronzow. Im Netz organisierten sie einen Flashmob. In Anspielung auf den Fall des Journalisten Iwan Golunow fordern sie unter den Hashtags „Ich bin/Wir sind Wladimir Woronzow“ und „Freiheit für Woronzow“ offen seine Freilassung. Außerdem kritisieren sie das Vorgehen gegen den Ombudsmann als korrupt und politisch motiviert.

Von den politischen Absichten ist auch Agora überzeugt. Denn der Fall des „Ombudsmanns der Polizei“ zeige Parallelen zu anderen populären Online-Kanälen, wie etwa „Stalingulag“, heißt es dort. Wegen der Erfolge Woronzows und der zunehmenden Kritik war das Innenministerium zum Handeln gezwungen. Zumal der Ombudsmann auch die letzten Warnsignale ignoriert habe. Ein Verfahren gegen ihn war nur noch eine Frage der Zeit.

Woronzow besteht unterdessen auf seine Unschuld. Bei der ersten Anhörung wies er den Vorwurf der Erpressung von sich. Und er könnte recht haben. Auch zehn Tage nach der Verhaftung schaffte es die Anklage nicht, Ort und Zeit des angeblichen Verbrechens ausfindig zu machen. Dennoch muss Woronzow bis zum 6. Juli in Haft bleiben.

Mittlerweile beschuldigt ihn die Anklage zusätzlich wegen der Verbreitung von Pornografie. Zeugen und Opfer sucht man auch in diesem Fall bisher vergeblich. Sollte der Justizapparat noch Beweise für Woronzows Schuld finden, drohen ihm mehrere Jahre Haft.

Daniel Säwert

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