Covid in der russischen Provinz – ein Betroffener erzählt

Die Region Archan­gelsk in Nord­russland zählt bei den Corona-Neuinfektionen zu den Spitzenreitern im Land. Auch der Tankwart Michail Parmuchin aus der 60.000-Einwohner-Stadt Kotlas hat gerade eine Covid-Erkrankung am eigenen Leib erlebt. Was bedeutet das in der Provinz?

Michail Parmuchin mit seinem zwölfjährigen Sohn Gleb. Der wurde auch positiv getestet, hatte aber keine Symptome. (Foto: Tino Künzel)

Es gab Tage, da merkte Michail Parmuchin nicht viel davon, dass er sich mit dem Coronavirus angesteckt hatte. Nur dass jeden Abend das Fieber kam. 38,5 Grad Cel­sius, eine Woche lang. Das positive Test­ergebnis hatte er am vierten Tag. Da war auch sein Geruchssinn weg. Am 29. September wies ihn der zuständige Arzt ins Krankenhaus ein.

Es gab Tage, da fühlte sich der 43-Jährige so schlapp, dass ihn selbst ein paar Schritte im Vierbett-Krankenzimmer unglaubliche Anstrengung kosteten und ihm der Schweiß aus allen Poren rann. Irgendwann packte ihn tatsächlich die Angst. Die letzten zehn Jahre war er überhaupt nie krank gewesen, hatte sein Immunsystem für eisern gehalten. Wo sollte das noch enden?

Jetzt sitzt Michail Parmuchin in seiner Heimatstadt Kotlas in einem Café, um fünf nervenaufreibende Wochen noch einmal Revue passieren zu lassen und die Frage zu beantworten: Was heißt es, in der russischen Provinz an Covid-19 zu erkranken? Er hat zwei Wochen im Krankenhaus verbracht, bevor er nach dem zweiten negativen Text entlassen werden konnte. Daran schloss sich eine Woche Quarantäne unter ärztlicher Überwachung an, es folgten weitere Tests, die sicherstellen sollten, dass er auch wirklich gesund ist.

Der Familienvater, beruflich als Tankwart für den Mineralölkonzern Lukoil tätig, wartet noch immer auf die Ergebnisse und darf deshalb noch nicht wieder arbeiten. Dabei geht es ihm gut, wie er betont, „nur habe ich acht Kilo abgenommen“. Vor allem die ersten Tage im Krankenhaus haben ihm zugesetzt. Antibiotika und Tabletten zeigten keine sichtliche Wirkung. Daraufhin habe ihm der Arzt bei der Visite gesagt, man werde nun etwas gegen das Fieber unternehmen. Er habe dann „ein Hormonpräparat“ am Tropf bekommen. Nach zwei Stunden sei das Fieber weggewesen und auch nicht wiedergekommen. Von da an sei es aufwärts gegangen.

Krankenzimmer mit 80er-Jahre-Standard

In Parmuchins Erzählung wirkt der Ablauf relativ geordnet und legt nahe, dass er verbindlichen Standards folgt und die Behandlung einem Therapieprotokoll. In Kotlas hat man auf dem Gelände des Krankenhauses ein separates Gebäude für Covid-Kranke eingerichtet. Es beherbergte früher die Geburtsklinik, dann die Infektionsabteilung. Nun wird dort das Corona­virus ausgetrieben. Die Regelbehandlungszeit soll bei ungefähr einer Woche liegen, danach werden die Patienten ins siebenstöckige Hauptgebäude des Krankenhauses verlegt, wo sie sich auf zwei Etagen bis zu ihrer Entlassung weiter unter stationärer Aufsicht befinden.

Die Bedingungen im sogenannten Covid-Zentrum sind nach Michails Worten guter Sowjetstandard aus den 1980er Jahren. „Seitdem scheinen die Zimmer nicht mehr renoviert worden zu sein. Bei den Betten hat man die Wahl, entweder ein Brett unter die Matratze zu legen und wie auf einer Pritsche zu schlafen oder eben durchzuhängen. Ich konnte mich weder mit dem einen noch dem anderen anfreunden.“

Auf die Ärzte und Schwestern ist er dagegen gut zu sprechen. „Die Schwestern haben mir leidgetan bei dem Pensum, das sie leisten mussten. Als ich eingeliefert wurde, lagen im Covid-Zentrum 170 Leute. Bei meiner Entlassung zwei Wochen später waren es schon 280. Daran sieht man, wie sich die Dinge entwickelt haben.“ Habe man anfangs fast die Uhr danach stellen können, wie Spritzen und Medikamente verabreicht wurden, so seien die Krankenschwestern bald nicht mehr mit ihrer Arbeit nachgekommen. Es freut ihn, dass sie dafür zumindest anständig entlohnt werden. Eine Schwester habe ihm gesagt, sie verdiene 100.000 Rubel (ca. 1050 Euro). Das ist mehr als das Doppelte des Durchschnittslohns in Kotlas.

Der selbst an Covid erkrankte Chefarzt Dmitrij Bogdanow warnte schon damals, die Kapazitäten gingen zur Neige. Parmuchin scheint noch Glück gehabt zu haben: Ende Oktober meldeten die Medien, im Covid-Zentrum von Kotlas müssten Kranke nun auch im Korridor liegen. Das Krankenhaus sprach Anfang November von einer Stabilisierung der Lage. Die Zahl der Neupatienten und Entlassungen halte sich mittlerweile die Waage. Man hoffe, dass der seit einigen Tagen zu beobachtende Trend sich verstetige und schon bald ein Rückgang der Einlieferungen zu verzeichnen sein werde.

„Glatteis hat sich Putin ausgedacht“

Bogdanow appellierte in einer eindringlichen Videobotschaft an die Bevölkerung, die Gefahren durch das Virus ernst zu nehmen und sich nicht in Verschwörungstheorien zu ergehen. Die kann auch Parmuchin nicht mehr hören. Abgesehen von der eigenen Erfahrung kenne er genug Leute, die sich angesteckt hätten, „bei uns ist wahrscheinlich schon die halbe Stadt infiziert gewesen“. Doch immer noch gebe es reichlich Ignoranz. Neulich habe er neben einem jungen Mann im Laden gestanden, der sich weigerte, eine Maske zu tragen, und die Verkäuferin belehrte, man müsse für seine „Bürgerrechte“ eintreten und dürfe sich nicht vom Staat gängeln lassen, der ein Interesse an diesem ganzen „Schwindel“ habe. Den habe er spöttisch gefragt, ob er im Winter eigentlich die Reifen an seinem Auto wechsle. Schließlich wisse doch jeder: Glatteis sei auch nur ein Schwindel. „Den hat sich Putin ausgedacht.“

Apropos Putin: Von dem hat Michail Parmuchin eine hohe Meinung. Er selbst wurde als 18-Jähriger unter dem damaligen Präsidenten Jelzin in den Tschetschenienkrieg geschickt. „Ich möchte nicht, dass mein Sohn so etwas durchmachen muss.“ Putin habe die Beziehungen im Lande auf eine neue Grundlage gestellt, auch die zu den Teilrepubliken im Nordkaukasus.

Der Bahnhofsvorplatz von Kotlas mit einer Dampflos aus Sowjetzeiten (Foto: Tino Künzel)

Was die Medizin betrifft, die gerade auf dem Land oft keinen guten Ruf genießt, so würde sich Parmuchin jederzeit wieder ins Krankenhaus von Kotlas legen, sagt er. Und sollte ihm einmal eine komplizierte Operation bevorstehen, dann gebe es immer noch die Option, sie in Moskau oder St. Petersburg durchführen zu lassen. Sein Arbeitgeber hat ihn nicht nur mit der Pflichtversicherung (OMS) ausgestattet, die für die meisten Behandlungen aufkommt, darunter auch gegen Covid-19. Über eine Zusatzversicherung (DMS) kann er auch eigentlich kostenpflichtige Angebote, die über den Leistungskatalog der Pflichtversicherung hinausgehen, unentgeltlich in Anspruch nehmen und fühlt sich damit gut abgesichert.

Ohnehin nicht verändert hat die eigene Krankengeschichte sein Verhältnis zur Provinz. Er teilt viele Vorurteile nicht, fühlt sich wohl in Kotlas und würde nicht wegwollen.

„In der Stadt sieht man, dass sich etwas tut. Meine Frau und ich haben hier vernünftig bezahlte Arbeit, unser Sohn geht zur Schule. Wir haben unser Haus, ein zwei Jahre altes Auto – was will man mehr?“

Tino Künzel

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