
Katyn, Russland
Wenn Sie von Moskau aus mit dem Auto über Smolensk nach Minsk fahren, kommen Sie an der Gedenkstätte „Katyn“ nicht vorbei. Sie liegt direkt an der Witebsker Chaussee, bis zur belarussischen Grenze sind es von hier nur noch etwa 50 Kilometer. Hier lohnt es sich unbedingt, einen Zwischenstopp einzulegen.
In diesem Wald sind mehr als 8000 sowjetische und über 4000 polnische Bürger begraben. Diese Zahlen sind in eine Steinplatte am Eingang eingraviert, auf der die Nachnamen der Opfer wahllos auf Russisch und Polnisch aufgeführt sind. Viele russische, ukrainische, belarussische und natürlich polnische Namen.

Dass hier polnische Offiziere erschossen wurden, wissen heute viele. Aber das war nicht immer so. Noch Mitte der 2000er-Jahre zeigten Umfragen, dass mehr als die Hälfte der Russen (54 %) überhaupt nichts vom Massaker von Katyn gehört hatte. Die Situation änderte sich schlagartig nach dem Flugzeugabsturz 2010 bei Smolensk, bei dem der polnische Präsident Lech Kaczyński auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung ums Leben kam. Kurz darauf zeigte das Fernsehen Andrzej Wajdas Film „Katyn“, und die Archive wurden nach und nach freigegeben.
Heute ist der Begriff „Verbrechen von Katyn“ zum Oberbegriff geworden. Er umfasst die Erschießung von fast 22 000 polnischen Bürgern im Frühjahr 1940, die in verschiedenen Lagern des NKWD gefangen gehalten wurden. Katyn selbst ist nur einer der Orte dieser Hinrichtungen, aber er wurde der bekannteste. 1943 entdeckten deutsche Soldaten die Massengräber, und die NS-Propaganda nutzte diesen Fund umgehend für eine antisowjetische Kampagne. Genau damals erschossen die Nationalsozialisten hier im Wald von Katyn etwa 500 sowjetische Kriegsgefangene.

Doch Katyn hat auch eine andere, weniger bekannte Seite. In eben diesem Wald wurden während des Großen Terrors mehr als 8000 sowjetische Bürger erschossen und begraben – Opfer der stalinistischen Repressionen. Ihnen sind heute eigene Ausstellungen gewidmet, wie etwa „Der Gulag auf Rädern“.
Die Gedenkstätte kann man auf eigene Faust erkunden. Es gibt Freiluftausstellungen, Massengräber und die orthodoxe Kirche der Auferstehung Christi. Aber das Wichtigste hier ist die Atmosphäre. Man kann einfach zwischen den hohen Fichten spazieren, die reine Waldluft einatmen und in der unglaublichen Stille – an Wochentagen sind hier kaum Menschen – darüber nachdenken, wie schwer diese Jahre waren. Durch die Gedenkstätte werden auch Führungen angeboten.
Chatyn, Belarus

Einen Monat nach der Entdeckung der Überreste polnischer Soldaten bei Katyn, am 22. März 1943, verbrannten nationalsozialistische Strafkommandos aus Rache für die Tötung deutscher Soldaten durch Partisanen 149 Einwohner von Chatyn (darunter 75 Kinder) bei lebendigem Leib und erschossen diejenigen, die nach ihrem Verdacht den Partisanen geholfen hatten. 1969 wurde an der Stelle des zerstörten Dorfes eine Gedenkstätte „Chatyn“ eröffnet.
Von Minsk bis zum Mahnmal isr es knapp eine Autostunde in Richtung Witebsk. Nach 52 Kilometern weist ein Schild auf Chatyn hin. Nach der Abfahrt von der Fernstraße beginnt eine ruhige Waldstraße. Auf ihr muss man noch etwa fünf Kilometer geradeaus bis zum Parkplatz am Eingang fahren. Auch an Wochentagen stehen hier Autos und Reisebusse. An Wochenenden folgt eine Reisegruppe der anderen.
Jedes Jahr besuchen bis zu 700 000 Menschen die Gedenkstätte. Das Rekordjahr war jedoch 1988, als 1 700 400 Menschen in Chatyn waren. Die Reiseführer betonen, dass die Stätte in der Sowjetzeit insgesamt etwa 33 Millionen Menschen besuchten, darunter auch Gäste aus dem Ausland. Zu dieser Zahl gehörte auch meine Familie. Mein Großvater stammte aus der Gegend von Minsk, und ich war als Teenager mit ihm in Chatyn. Heute wünschte ich mir sehr, dass auch meine Töchter diesen Ort besuchen.

Auf dem Gelände der Gedenkstätte gibt es kaum Bäume, dafür aber viele Steinplatten. 26 Obelisken in Form von Schornsteinen erinnern an die 26 verbrannten Höfe von Chatyn. Daneben befindet sich der „Friedhof der Dörfer“ – der einzige seiner Art in der Welt. Hier stehen 185 Platten mit den Namen der Dörfer, die in Belarus von den Nationalsozialisten und ihren Helfershelfern verbrannt wurden. Daneben befinden sich auch „symbolische Lebensbäume“, an deren Ästen in alphabetischer Reihenfolge die Namen von 433 belarussischen Dörfern aufgeführt sind, die von den Besatzern zusammen mit ihren Bewohnern zerstört, aber nach dem Krieg wiederaufgebaut wurden.

Ein wichtiger Teil der Gedenkstätte ist die „Mauer des Gedenkens“. Auf ihren Platten sind die Namen von mehr als 260 nationalsozialistischen Vernichtungslagern und Orten von Massenerschießungen auf dem Territorium von Belarus eingraviert. Die Geschichte, die hinter jeder Platte und jedem Denkmal steht, rührt zu Tränen.
Katyn vs. Chatyn
Die Namen von zwei Gedenkstätten unterscheiden sich nur durch einen einzigen russischen Buchstaben. Für das ausländische Ohr, besonders bei der Transliteration ins Englische (Khatyn und Katyn), klingen diese Toponyme fast identisch. Doch die Verwechslung liegt nicht nur an der Linguistik.
In der polnischen Geschichtswissenschaft gibt es die These, dass die sowjetische Führung die Tragödie des belarussischen Chatyn bewusst nutzte, um von Katyn abzulenken. Darüber hinaus bestritt die UdSSR bis 1990, dass das Massaker an den polnischen Offizieren vom NKWD verübt wurde, und schob die Schuld auf die Nationalsozialisten. In Russland halten einige diese These bis heute für eine Verschwörungstheorie.
Mehr noch: Obwohl die Tatsache des Verbrechens von Katyn heute offiziell anerkannt und die Archive freigegeben sind, gibt es in dem Land aktive Bestrebungen, die Anerkennung der Schuld der UdSSR am Massaker von Katyn zu diskreditieren und zur sowjetischen Version zurückzukehren. Ende 2023 wurde auf Anweisung des Duma-Sprechers Wjatscheslaw Wolodin eine spezielle Arbeitsgruppe eingerichtet, um die Möglichkeit einer Überprüfung der Bewertungen der Katyn-Tragödie zu untersuchen.
Und doch, was bleibt nach all diesen politischen Debatten und historischen Überlagerungen für einen Reisenden, der heute hierherkommt? Es bleibt das Wichtigste: die Möglichkeit, diese schwere Panoramasicht mit eigenen Augen zu sehen. Wer den Kontext kennt, kann die Verwechslung leicht vermeiden. Darüber hinaus kann man die Ähnlichkeit der Namen als Anlass für eine tiefgründige Reiseroute nutzen. Chatyn und Katyn liegen nur ein vier Autostunden voneinander entfernt. Wenn man sie nacheinander besucht, erhält man ein einzigartiges, wenn auch schweres Panorama der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Diese beiden Gedenkstätten sind nicht nur Punkte auf einer Karte. Es sind zwei unterschiedliche Mahnmale für zukünftige Generationen. Und wenn man zwischen den hohen Fichten von Katyn und auf der verbrannten Erde von Chatyn steht, begreift man eine einfache Wahrheit: Es ist wichtig, sich an die Schrecken des Nationalsozialismus und die Verbrechen an der Zivilbevölkerung zu erinnern, aber genauso wichtig ist es, die Schrecken der totalitären Repressionen gegen die eigenen Bürger und Nachbarn nicht zu vergessen.
Olga Silantjewa


