Auf einer Linie mit Lenin

Seit gut 50 Jahren beschäftigt sich Günter Kruse mit der Familiengeschichte Lenins. Auf gewisse Weise steckt er so tief in der Materie wie keiner sonst: Der 87-Jährige ist mit dem großen Revolutionär bewiesenermaßen selbst verwandt. Ein Gespräch über Wladimir Uljanows deutsche Ader zu dessen 150. Geburtstag.

Ahnenforscher mit Haltung: Kruse neben dem Lenin-Denkmal in Schwerin. (Foto: privat)

Herr Kruse, auch wenn Sie es bestimmt schon unzählige Male getan haben, können Sie mir erklären, wie genau Sie mit Lenin verwandt sind?
Wir müssen da von Lenins Urgroßvater ausgehen, einem gewissen Johann Gottlieb Grosschopff aus Lübeck. Der ist frühestens 1787, spätestens 1790, das lässt sich nicht ganz sicher sagen, nach St. Petersburg als Kaufmann ausgewandert. Er hatte eine Reihe von Kindern, darunter eine Tochter namens Anna und einen Sohn namens Gustav Adolf, meinen Urgroßvater. Anna Blanks Tochter, Maria, das war dann Lenins Mutter. Meine Mutter wiederum ist zu Lenin hin eine Cousine zweiten Grades. Da Lenin wohl keine Kinder gehabt hat, bin ich eine Generation weiter der nächste in der Reihe.

Sie sagen „wohl“. Gibt es da etwa einen Anlass zum Zweifeln?
Es wird immer spekuliert, ob es uneheliche Kinder gegeben hat. Ich bin unter anderem von der Neuen Zürcher Zeitung mal um eine DNA-Probe gebeten worden, weil in der Schweiz jemand den Verdacht hatte, von einem unehelichen Kind Lenins abzustammen. Seine Argumente waren eigentlich gar nicht so schlecht, aber die DNA-Probe ist negativ ausgefallen. Vor nicht allzu langer Zeit hat außerdem ein Russe Kontakt zu mir aufgenommen. Das klang ganz spannend und heiß, aber der Herr hatte wenig Möglichkeiten, hierher nach Deutschland zu reisen. Als er dann doch ganz plötzlich für ein paar wenige Tage vorbeigekommen ist, haben wir uns leider verpasst.

Sie scheinen ja die erste Anlaufstelle zu sein, wenn man eine mögliche Verwandtschaft zu Lenin überprüfen will.

Das ist deswegen so, weil es hier im Westen keinen anderen näheren Blutsverwandten mit Lenin gibt, mit dem man sich austauschen könnte. Zwei meiner drei Geschwister sind bereits verstorben und mein noch lebender Bruder liegt im Pflegeheim.

Gibt es in Ihrer Familie eigentlich noch andere, die sich so für die Verwandtschaft zu Wladimir Uljanow interessieren, wie Sie es tun?
Nein, da gibt es keinen. Ich habe zwei Töchter, die verfolgen das mit Wohlwollen, was der Vater hier treibt, aber selber aktiv interessiert sind sie nicht wirklich. Oder zumindest habe ich da nicht den Eindruck.

Kruse mit Lenins Nichte Olga Uljanowa mit einem Foto ihres Vaters Dmitrij Uljanow, Lenins jüngerem Bruder. (Foto: privat)

Dann probieren wir es andersherum: Welche Rolle hat denn die deutsche Verwandtschaft für Lenin gespielt?
Das Deutsche war zumindest bei der Erziehung von Lenins Mutter von großer Bedeutung. Ich habe einmal gelesen, dass an bestimmten Wochentagen in der Familie nur Deutsch gesprochen wurde. Es wurden auch die deutschen Tugenden gepredigt: Fleiß und Pünktlichkeit und so weiter. Auch Weihnachten wurde deutsch gefeiert, mit einem Tannenbaum. Zudem pflegte man eine große Liebe zur deutschen Musik. Das alles wird sicherlich seinen Einfluss auf die Erziehung Lenins genommen haben. So hatte auch er ein sehr feines musikalisches Empfinden.

Waren die deutschen Herkunftsverhältnisse Lenins den russischen Zeitgenossen denn bekannt? Wie ist der Revolutionsführer in der Öffentlichkeit damit umgegangen?
Lenin hat aus seinen deutschen Wurzeln kein Geheimnis gemacht, ist damit aber auch nicht irgendwie hausieren gegangen. Er war nicht sonderlich informiert, weil ihn die Ahnenforschung schlichtweg nicht interessierte. Aber er wusste davon und Fragen nach seiner Herkunft wird er, so gut er es eben konnte, beantwortet haben. Lenins deutsche und schwedische Vorfahren sind erst nach seinem Tod in der UdSSR zu einem offenen Geheimnis geworden. Nach und nach brachte man da immer mehr in Erfahrung. Als dann jedoch Stalin an die Macht kam, gab es eine neue Doktrin, nämlich dass ein so überdimensionales Genie wie Lenin nur russische Vorfahren haben kann. Mit diesem Verdikt war dann verbunden, dass man über seine anderen Vorfahren nicht mehr reden und spekulieren durfte. Erst mit Chruschtschow trat hier ein Wandel ein, dass langsam mehr und mehr durchsickerte. Auch weil man in Russland nicht offen darüber hatte sprechen dürfen, waren Lenins westliche Wurzeln hier in Deutschland bis 1960 praktisch unbekannt.

Wenn so lange so wenig über die deutschen Wurzeln Lenins bekannt war, wie sind dann Sie selbst auf ihre Verbindung zu den Uljanows gestoßen?
Auf die Spur bin ich indirekt über den „Spiegel“ gekommen. Der hatte irgendwann, noch vor 1970, einen Artikel über Lenin abgedruckt. In irgendeinem Nebensatz erwähnte der Text, dass es diesen Vorfahren namens Grosschopff gibt. Da musste ich innehalten, weil meine Mutter eine geborene Grosschopff war und ich wusste, dass der Name nicht häufig in Deutschland vorkommt. Das hat sich dann irgendwo bei mir festgehakt. Zum 100. Geburtstag Lenins stieß ich dann auf einen entscheidenden Forschungsartikel von dem Historiker Dr. Adalbert Brauer. Mit dem habe ich Kontakt aufgenommen und da wurde rasch klar, dass da eine echte Verbindung besteht.

Heute, ein halbes Jahrhundert später, stehen wir vor dem nächsten großen Geburtstag Lenins. Was bedeutet Ihnen das 150-jährige Jubiläum?
Für mich persönlich ist dieser Geburtstag nicht unbedingt mehr als die anderen. Aber das Jubiläum bringt einen natürlich zum Nachdenken darüber, was für ein Mensch das eigentlich war. Lenin wollte viel und vielleicht auch sehr Wichtiges. Er wollte die Mündigkeit des einfachen Volkes erreichen und zwar auf dem Wege einer Weltrevolution. Das war sein großes Ziel. Aus heutiger Sicht ist das eine Utopie, missglückt und dann konterkariert durch Stalin. Aber fest steht ganz klar: Bei allen Vorbehalten hinsichtlich seines brutalen Vorgehens zur Durchsetzung seiner Politik ist Lenin doch eine herausragende geschichtliche Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts, wie kaum eine andere.

Das Gespräch führte Patrick Volknant.

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