Archiv der Emotionen

Wie erging es den Menschen während der Selbstisolation im Frühjahr? Das wollten zwei Kuratoren wissen und baten die Moskauer, ihre Geschichten aufzuschreiben. Die Texte sind Teil des „Museums der Isolation“, das online einen Einblick in das Leben während der ersten Corona-Welle gibt.

Die Ausstellung im Museum Moskaus zeugt davon, wie sehr sich die Selbstisolation in das Gedächtnis der Moskauer eingebrannt hat (Foto: Alexander Awilow/ AGN Moskwa)

Eigentlich sollte es ein Forschungsprojekt sein, herausgekommen ist eine Art Psychotherapie, meinen Anna Trapkowa und Dmitrij Chankin. Die Idee zum „Museum der Selbstisolation“ kamen der Generaldirektorin des Museums Moskaus und dem Inhaber der Galerie Triumph im Juni, als sie sich bei einer Ausstellung über die Selbstisolation in der Galerie trafen. Kurz darauf riefen sie die Moskauer auf, Gegenstände aus dem Frühling zu stiften und ihre Geschichten aufzuschreiben. Wenn alles nach Plan läuft, soll das „Museum der Selbstisolation“ am 15. Januar für Besucher geöffnet werden. Bereits jetzt kann man die Geschichten über die Gefühlswelten der Moskauer online lesen. Die MDZ veröffentlicht Auszüge aus der Sammlung.

Ruhe

Die Selbstisolation war für mich ein lang erwartetes Innehalten. All die Einflüsse, die auf einen einprasseln, sind kaum zu verarbeiten. Und dann noch die täglichen Entscheidungen: gehen oder nicht, kaufen oder nicht, lesen oder nicht. In der Erinnerung klingt es komisch, aber ich war irgendwie bereit für die Selbstisolation und habe auf sie gewartet. Ich wollte überhaupt nicht aus dem Haus gehen, Bewegung hat mich irritiert, der Kopf war vernebelt. Den ersten Monat waren wir auf der Datscha und kamen dann zurück in unsere kleine Wohnung. Mein Mann und ich hatten Angst vor der Enge, aber es hat irgendwie geklappt. Wir sind uns näher gekommen als früher.

Ein regelmäßiger Rhythmus, eine begrenzte Zahl von Aufgaben, gemeinsame Mahlzeiten, Spaziergänge am Wochenende. All das hat uns geholfen, Kraft zu sammeln und uns gegenseitig zu stärken.
In den ersten Tagen der Selbstisolation war ich voller künstlerischer Energie. Der Gedanke, dass Hunderttausende gerade in derselben Situation sind, hat mich aufgeputscht. Ich habe gemalt und fotografiert und Ausstellungen für mich selbst in der Wohnung organisiert.

Ich bin froh, dass die Selbstisolation vorbei ist. Für mich war sie sehr wichtig, aber jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. Ich glaube, es wäre schwer, wieder in diesen Zustand zurückzukehren. Ich fühle mich wie ein Zug, der gerade Fahrt aufnimmt
Dana Schift

Interesse

Ich habe gleich zu Beginn der Selbstisolation jegliche Arbeit verloren. Ich arbeite beim Film und die Aufnahmen zum Projekt gingen bis genau bis zu dem Moment, als in Moskau die Quarantäne eingeführt wurde. Die Selbstisolation 2020 stellte an mich klare Bedingungen: Leben, ohne aus dem Haus zu gehen, ohne den Überblick zu verlieren und ohne verrückt zu werden.

Ich erinnere mich gut an den Tag Ende Mai, als ich mit meiner Mutter telefonierte. Ich sagte ihr, dass ich jetzt unsere Großeltern verstehe, die sich weigern, Kriegsfilme zu schauen und von ihren Erfahrungen an der Front zu erzählen. Ende Mai fanden viele Online-Gespräche und Zoom-Vorstellungen zur Pandemie statt. Ich wollte das alles aktiv nicht sehen. Ich war der Meinung, dass die erlebte Erfahrung zu intim ist, um daraus Klatsch und Tratsch für alle zu machen.

Am Tag nach dem Gespräch mit meiner Mutter kam mir das erste Bild über die Corona-Quarantäne in den Sinn. Und dann kamen immer mehr. Ich verstand, dass ich sie zeichnen und zeigen muss. Das siebte Bild entstand an dem Tag, an dem die Beschränkungen aufgehoben wurden. Und ich fuhr das erste Mal nach zwei Monaten wieder ins Zentrum. Das achte und letzte Bild entstand Ende August, nachdem Gerüchte über eine zweite Welle aufkamen.
Anastassija Stepanowa

Neugier

Ich kam einen Tag, bevor die Grenzen geschlossen wurden, nach Moskau und habe 14 Tage zu Hause verbracht, ohne vor die Tür zu gehen. Es schien so, als hätte sich die Stadt von meinem Haus losgelöst. Und ich konnte wie aus einem Zuschauersaal von meinem Balkon auf ein Leben schauen, das unerreichbar war, in einer Stadt, die ich kaum erkannte.

In diesen drei Monaten hat sich mein Sinn für den Raum geschärft: für das eigene Zimmer, die Wohnung, das Haus, von dem man sich nicht mehr als 100 Meter entfernen durfte. Zwangsläufig setzt man sich mit ihm auseinander, man geht nicht einfach mehr morgens und abends schnell durch. An einem Tag bin ich durch den gesamten vierzehngeschossigen Plattenbau gestreift, in dem ich lebe. Ich habe mir auf den Etagen die Treppenläufe und -absätze und die Türen meiner Nachbarn angeschaut.

Ich bin um das Haus gegangen und habe dabei auf die Details in der Fassade geachtet. Ich habe die Nachbarn beobachtet, wie sie aus den Fenstern schauen und die Katzen auf dem Fensterbrett. Und habe mich an den Blumen erfreut, die jemand mit Sorgfalt vor dem Haus gepflanzt hat.
Maria Sakirko

Sorge

Die Firma, in der ich früher gearbeitet habe, schickte zwei Wochen vor Beginn der allgemeinen Psychose alle Mitarbeiter ins Homeoffice. Dann wurden wir nach und nach entlassen. Sie spürten wohl, dass eine Krise hereinbrechen wird. Ich wurde als erste in einem Zoom-Gespräch entlassen. Die Kamera war dabei aus und ich war froh, dass sie mich nicht heulen sehen konnten. Als ich grade meine Eltern anrief, bekam ich eine Nachricht von einer weltbekannten Seite. Es war eine Einladung zum Bewerbungsgespräch.

Die Firma verstand, dass sich die Welt ändert und sie brauchten jemanden wie mich. Und ich war frei. Als ich dort anfing, begann die Selbstisolation. Anscheinend kann man mich weder normal feuern noch einstellen.
Ich war nur eine halbe Stunde arbeitslos – entlassen wegen der Pandemie und eingestellt wegen ihr.
Anonym

Glück

Es gab mehrere Phasen der Erkenntnis. Von Witzen über Klopapier und Buchweizen bis zum panischen Wunsch, zuhause zu sitzen und Lebensmittelverpackungen mit Seife abzuwaschen. Später habe ich mich mit der Situation abgefunden und fand Gefallen daran, nur mit der Familie zusammen zu sein. Kurz vor meinem Geburtstag am 27. März entschied ich, mit den beiden Kindern zu einer Freundin nach Krasnodar zu fahren. Doch nach fünf Tagen wollte ich wieder zurück, aus Angst, mit den Kindern festzusitzen. Schließlich wurden die Nachrichten immer schlimmer.

Zuhause habe ich erstmal ein Gedicht geschrieben, um diese Zeit nicht zu vergessen. Ich habe versucht, meinen Sohn aufzuheitern, während er nicht in den Kindergarten konnte, leider erfolglos. Ich habe die Erziehung in meine Hände genommen und dabei viel gelernt. Wir haben mit der ganzen Familie gekocht und uns an uns selbst erfreut. Dabei haben wir gemerkt, dass wir eigentlich niemand anderen brauchen, um glücklich zu sein.

Im Mai sind wir auf die Datscha gefahren und haben die Selbstisolation bis zum 31. August verlängert. Ich liebe es, wenn viele Menschen um mich herum sind und reise auch gerne. Aber die Selbstisolation hat mich heruntergebracht.
Jekaterina Jurina

Zusammengestellt und übersetzt von Daniel Säwert.

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