Allo, hier spricht Moskau!

Russen telefonieren gerne und ständig. Ob im Theater, in der Metro oder auf einer Konferenz – in allen Lebenssituationen bimmelt das Mobiltelefon.

Die russische Art zu telefonieren: immer auf Draht sein – auch in der Metro. /Foto: Peggy Lohse.

Die ersten Takte von Verdis Requiem sind im Tschajkowskij-Konservatorium verklungen, als die andächtige Stille von einer elektronischen Kakophonie durchbrochen wird. Es vergehen etliche Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, bis der Übeltäter sein Smartphone aus der Tasche kramt. Doch anstatt den Hörer aufzulegen, spricht der Herr zwar im Flüsterton, dafür völlig gelassen: „Allo, ich bin gerade auf einem klassischen Konzert. Dawaj, ich rufe später zurück.“ Innerlich greife ich mir an den Kopf. Fassungslosigkeit und Fremdscham.

Diese Szene spielt sich alltäglich in Moskau ab. Ob beim Meeting, bei einer Konferenz oder im Kino. Selbst vor der Kirche macht die russische Vorliebe zum ständigen Telefonieren nicht halt. Zwar haben Messenger wie WhatsApp, Viber oder Telegram diese Angewohnheit etwas gezügelt. Doch das Mobiltelefon klingelt unangekündigt in jeder Lebenssituation.

Manchmal habe ich Verständnis für die ältere Dame, die in der lärmerfüllten Metro in ihr Handy schreit, dass sie gerade in der Metro sitze, und das gleich mehrere Male, weil der Empfang zwischendurch verschwindet. Die Frage ist aber berechtigt: Warum können Russen das Mobiltelefon nicht lautlos stellen oder ganz ausschalten? Woher kommt der Reflex, sofort abzuheben, ohne dabei auf die Umgebung Acht zu geben? Dass jedes Land seinen eigenen Handy-Knigge hat, greift zu kurz.

Allzeit bereit

Also frage ich meine russischen Bekannten: Warum ist das so? Es könnte doch der Anruf deines Lebens sein, witzelt einer. „Vielleicht hat dein Chef, dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Du wirst beispielsweise befördert. Willst du solch einen Anruf verpassen? Lieber ein paar Sekunden geschämt, als ewig bereut.“ Und warum muss das Handy immer laut bimmeln? „Man muss doch jeden wissen lassen, welche Melodie man mag“, grinst ein anderer.

Ich lerne, dass man in Russland immer auf Abruf ist. Flexibilität wird hier tagtäglich gelebt. Eine Art Reviermarkierung: Wenn mein Mobiltelefon klingelt, zeige ich, dass ich wichtig und gefragt bin.

Das konnten Sowjetbürger bereits bei Genosse Lenin abschauen. Dieser porträtierte sich häufig am Apparat, ein Symbol sowjetischer Revolution, das die Kommunikation der Massen ermöglichte. Auch Putin greift häufig weltmännisch zu diesem Gestus. Vielleicht ist es eben doch, die russische Art zu telefonieren: immer auf Draht zu sein.

Katharina Lindt 

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