„Anders, als man denkt“: Ein Afrikaner über sein Leben in der russischen Provinz

Für Denis Sawadogo war Russland immer nur ein fernes, großes, kaltes Land mit schlechtem Leumund gewesen, als er sich in eine Russin verliebte und ihr in ihre Heimat folgte: die Provinzstadt Kostroma an der Wolga, 350 Kilometer nordöstlich von Moskau. Das ist drei Jahre her. Mit der MDZ sprach der 32-Jährige aus Burkina Faso jetzt darüber, wie sich sein Bild von Russland seitdem verändert hat.

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Akzeptiert und integriert, aber arbeitslos: Denis Sawadogo. / Privat

Denis, gefühlt gibt es nicht viele Schwarzafrikaner in Russland. Zumindest sieht man sie nicht.

In Moskau schon. Dort studieren sehr viele an der Universität der Völkerfreundschaft. Aber hier in Kostroma bin ich einer von vielleicht drei oder vier, jedenfalls wenn man von der Militärakademie absieht, wo Soldaten ausgebildet werden.

Umso mehr fallen Sie vermutlich im Straßenbild auf.

Das kann man sagen. Manche Leute haben einfach noch nie einen Schwarzafrikaner gesehen. Es passiert oft, dass Kinder mit den Fingern auf mich zeigen: „Mama, guck mal …“ Auch Erwachsene drehen sich nach mir um.

Wie finden Sie das?

Ich habe kein Problem damit.

Sie sind eine lokale Sehenswürdigkeit.

(Lacht) Scheint so zu sein. Das ist doch lustig. Häufig grüßen mich Menschen auf der Straße, die ich gar nicht kenne, die aber mich kennen, sogar mit Namen.

Und die Aufmerksamkeit, die Sie genießen, schlägt nie ins Gegenteil um?

Die meisten Leute sind wirklich nett. Natürlich gibt es auch solche, mit denen man lieber nichts zu tun hätte, zum Beispiel Betrunkene, bei denen jedes zweite Wort ein Schimpfwort ist. Aber das nehme ich nicht ernst, die wissen ja nicht, was sie sagen. Und sie reden untereinander ganz genauso. Im Großen und Ganzen läuft alles in geordneten Bahnen. Und es ist ja kein Geheimnis, dass die Polizei es gar nicht leiden kann, wenn sich jemand aggressiv gegenüber Ausländern verhält.

Sie haben positive Erfahrungen mit der russischen Polizei gemacht? Die ist ja sonst eher dafür bekannt, es bei Personenkontrollen gezielt auf bestimmte Gruppen von Zuwanderern abgesehen zu haben.

Manchmal werde auch ich kon­trolliert. Die Polizisten fragen dann, aus welchem Land ich komme, und schon sind wir mitten in einer Plauderei. Aber das ist trotz allem eher selten der Fall.

Würden Sie sagen, dass Sie bestimmte Orte oder Situationen meiden, um das Schicksal nicht herauszufordern?

Ach was, ich bewege mich hier absolut frei, so wie mir es passt.

Denis hatte am Telefon als Treffpunkt das Stadion von Dynamo Kostroma vorgeschlagen, des führenden Fußballklubs der Stadt, der allerdings nur in der vierten Liga kickt. Warum das Interview ausgerechnet hier stattfinden sollte, löste sich schnell auf: Für Denis ist das Stadion eine Art zweites Wohnzimmer, wo er viel Zeit verbringt.

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Denis beim Fotoshooting in einem Sommerlager für Kinder und Jugendliche. / Maria Wolkowa

Was hatten Sie für eine Vorstellung von Russland, als Sie es noch nicht aus eigener Anschauung kannten?

In Afrika hörst du viele Dinge, die sicher nicht dafür sorgen, dass du nach Russland willst. Aber wenn du dann mal hier bist, merkst du: Das Land ist anders, als man denkt. Rassismus ist so ein Thema. Angeblich sind die Russen rassistisch eingestellt.

Sie sagen „angeblich“.

Rassisten gibt es überall. Schauen Sie nach Amerika, wo sich Weiße und Schwarze gegenseitig umbringen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich hier in der ganzen Zeit noch Niemanden begegnet bin, von dem ich sagen würde: Der ist ein Rassist. Alles ganz normal.

Was hat Sie nach Russland verschlagen, trotz aller Vorbehalte?

Ich war vorher als Fußballer in Indonesien. Im Urlaub habe ich in Thailand meine heutige Frau kennengelernt: eine Russin aus Kostroma. Geheiratet haben wir einige Zeit später bereits hier. Und jetzt leben wir schon drei Jahre zusammen.

Sie hatten keinerlei Widerstände in Ihren beiden Familien zu überwinden?

Wenn etwas schwierig war, dann die Sprache. Ich sprach ja kein Wort Russisch, bevor ich nach Russland kam. Aber ansonsten hat man es mir hier leicht gemacht. Meine Schwiegermutter ist eine sehr liebe Frau, mit dem erwachsenen Sohn meiner Frau verstehe ich mich auch. Dann wäre da noch der Bruder meiner Frau mit seiner Familie. Wir kommen alle gut miteinander aus. Afrikaner leben ja in Großfamilien. So ähnlich ist es für mich jetzt auch in Russland.

Und wie hat Ihre eigene Familie auf die Nachricht reagiert?

Meine Eltern sind schon vor langer Zeit gestorben. Ich habe aber drei Brüder und zwei Schwestern. Die werden sich sicher Sorgen gemacht haben. Ich hatte ja schon erwähnt, dass Russland nicht den besten Ruf bei uns hat. Aber ich denke, inzwischen freuen sich alle für mich. Ich war nach der Hochzeit auch bereits zu Hause, habe alle Verwandten besucht. Und einer meiner Brüder war hier, um nach dem Rechten zu sehen. Jetzt ist alles gut.

Was tun Sie beruflich?

Ich hatte gehofft, für den hiesigen Fußballklub Dynamo Kostroma spielen zu können. Doch man hat mir gesagt, dass unterklassige Klubs keine Ausländer unter Vertrag nehmen dürfen. Deshalb trainiere ich zwar mit den Jungs, kann aber nicht im normalen Ligabetrieb eingesetzt werden, sondern nur im Pokal und in der Stadtmeisterschaft.

Trotzdem gehen Sie doch sicher  einer bezahlten Tätigkeit nach.

Das ist das Problem! Ich darf hier zwar ganz offiziell arbeiten, aber keiner will mich einstellen. Überall heißt es: nur mit russischem Pass. Dabei würde ich alles machen, sogar als Tellerwäscher anfangen. Ich bin bis heute auf Arbeitssuche.

Wie kommen Sie dann zu Geld?

Ich repariere elektronische Geräte, so wie schon früher in Burkina Faso, nur dass ich das heute inoffiziell tun muss. Und ich unterrichte privat Französisch, meine Muttersprache. Die Nachfrage ist jedoch nicht besonders groß. Momentan gebe ich zwei Kindern Nachhilfe, die Französisch in der Schule haben.

Haben Sie Kontakte zu Landsleuten, die im Westen leben?

Ja, in den USA, in Frankreich, Belgien, Deutschland. Daher weiß ich, dass es sich als Ausländer in diesen Ländern leichter lebt, weil es Arbeit gibt und diese Arbeit auch besser bezahlt wird als hier.

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Die russische Wintermode steht dem Afrikaner ebenfalls gut. / Privat

Dort ist es auch wärmer.

Ach, die berühmte russische Kälte! Daran habe ich mich nun wirklich längst gewöhnt. Und mir war ja bewusst, was mich erwartet. Wir hatten schließlich Geografie in der Schule. In Afrika existiert sogar ein spezieller Begriff für Europa einschließlich Russlands: die kalten Länder, so nennen wir sie.

Zurück zum Fußball: Russland ist wiederholt in die Schlagzeilen der Weltpresse geraten, weil Fans russischer Klubs bei Heimspielen mit „Affenlauten“ farbige Spieler des Gegners beleidigt haben.

Davon habe ich gehört. Aber mir selbst ist so etwas kein einziges Mal passiert, obwohl ich hier oft vor Zuschauern spiele, auch in gegnerischen Stadien.

Hat der Fußball Ihnen vielleicht sogar bei der Integration geholfen?

Unbedingt. Meine Mitspieler geben mir immer das Gefühl, dass ich dazugehöre. Wir lachen viel zusammen. Es spielt absolut keine Rolle, dass ich ein Ausländer bin.

Gibt es etwas, dass Sie nach wie vor an den Russen nicht verstehen?

Dass sich Ehepaare so leicht scheiden lassen! Es wird früh geheiratet, dann trennt man sich oft auch schnell wieder.

Was ist das Beste und was das Schlechteste am Leben in Russland?

Das Schlimmste ist die Langeweile. Im Sommer geht es noch, aber in den langen Wintern sitzt man meist zu Hause. In meinem Land besucht man sich ständig gegenseitig. Jeden Tag! Hier kann es passieren, dass man Freunde monatelang nicht sieht. Das Beste sind wiederum die vielen tollen, herzlichen Menschen, von denen ich hier umgeben bin.

Das Interview führte Tino Künzel.

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