
Seit über zwei Jahren arbeitet die Redaktion mit dem Elektronischen Gedenkbuch der Deutschen in der Trudarmee (gedenkbuch.rusdeutsch.ru). An die Adresse des Gedenkbuchs gehen Anfragen von Menschen ein, die bis heute ihre Angehörigen suchen – bearbeitet werden sie von unserer Redaktion. Die Datenbank selbst ist seit 2022 nicht mehr öffentlich zugänglich. In der Elektronischen Bibliothek auf rusdeutsch.ru sind jedoch die Gedenkbücher von sieben Ural-Lagern frei verfügbar – sie bilden die Grundlage unserer Datenbank. Diese enthalten nur Kurzangaben: Name, Geburtsjahr und -ort, Mobilmachungsort, Lager, Entlassung. Manchmal sind nicht alle Felder ausgefüllt. Aber keine Biografien und Familienangaben.
Wir haben alle Anfragen vom 1. Juni bis 12. August (Redaktionsschluss) analysiert – rund 90 Mails. Bis zu vier pro Tag. Unsere 10 Erkenntnisse:
Wer schreibt uns – und was wir wirklich wissen
1. Nicht alle verstehen, welche Informationen wir haben. Man bittet: „Führen Sie eine Archivrecherche durch“, „Nennen Sie den Bestattungsort“. Wir können nur mitteilen, was in der Karteikarte steht: Name, Jahr, Lager, Datum. Manchmal ist der Sterbeort angegeben – doch die Grabstätte bleibt unbekannt.

2. Geschrieben wird auf Russisch und Deutsch. Die Anfragen kommen aus Russland, Kasachstan, der Ukraine und Deutschland. Sie betreffen Deutsche aus der gesamten UdSSR – von Polesien in Belarus bis Magadan im Fernen Osten und Turkmenistan.
3. Es gibt zwei Hauptziele der Anfragen: das Sammeln von Informationen für ein Familienbuch und das Beschaffen von Bescheinigungen für den Spätaussiedler-Status. Man schreibt sogar aus dem Aufnahmelager Friedland: „Bestätigen Sie, dass der Vorfahre Deutscher und in der Trudarmee war“. Manchmal wird eine offizielle Antwort mit Apostille für das Bundesverwaltungsamt erbeten.
Wenn Namen zu Chiffren werden: Die Grenzen der Suche
4. Viele verwechseln Etappen und Begriffe: Deportation, Arbeitsarmee, Sondersiedlung. „Meine Verwandten wurden direkt vom Wolgagebiet nach Karpinsk am Ural verschickt.“ Oder: „1941 aus Rostow ausgesiedelt, 1942 zurückgebracht“ – obwohl die Stadt noch besetzt war.
5. Man sucht Andrej – in den Dokumenten heißt er Heinrich. Johann ist als Iwan eingetragen, Otto als Anton. Im Krieg wurden Dokumente oft „auf russische Art“ ausgestellt. Jede Suche bedeutet, mehrere Namensvarianten gleichzeitig zu prüfen.
6. Frustrierend sind Anfragen zu Lagern, deren Listen wir nicht haben – oft in der Region Perm. Man fragt nach Nowgoroder Deutschen, nach 1943-44 ins Reich gebrachten Volksdeutschen. Oder man bittet um Hilfe bei der Suche nach einem Deutschen, der 1957 in einem bestimmten Ort lebte – er könnte der Vater sein. All das überfordert unsere Datenbank. Manchmal können wir nur weiterverweisen.
7. Oft raten wir zum staatlichen Archiv. Die Antwort: „Ich suche einen Onkel – das Archiv verlangt direkte Verwandtschaft und lehnt die Anfrage ab“. Für uns spielt der Verwandtschaftsgrad keine Rolle – nur, ob die Person in der Datenbank ist.
„Sie haben uns den Urgroßvater zurückgegeben“: Warum sich die Arbeit lohnt
8. Wir freuen uns über jede Karteikarte, die wir finden. Noch mehr über eine ganze Familie in den Transportlisten – dann lässt sich die Kette über die Kriegsjahre rekonstruieren. Doch manchmal sehen wir nur: Abberufung aus der Armee, Einweisung in die Arbeitsarmee – damit endet die Spur.

9. Immer öfter schreibt eine KI die Mails. Manchmal ein alter Mensch, kaum der Tastatur mächtig. Man schickt die Karteikarte – Stille, kein „Danke“. Aber alles übertreffen diese Zeilen: „Sie haben uns den Urgroßvater nach 80 Jahren zurückgegeben.“ Dafür arbeitet die Redaktion.
10. In der MDZ sind bereits Anleitungen erschienen: zur Suche nach Angehörigen der Arbeitsarmee am Ural, des Kusbass und Workutas sowie zu Transportlisten. Doch die Anfragen zeigen immer neue „weiße Flecken“. Wir bereiten weitere Leitfäden vor.
Olga Silantjewa


