
Elvira aus Niedersachsen antwortet auf die Frage „Wer sind Sie?“: „Durch und durch Deutsche.“ Ihre Eltern waren Wolgadeutsche. 1941 wurden sie nach Kasachstan zwangsumgesiedelt, arbeiteten in Karaganda und dachten die ganze Zeit an „zu Hause“. Wo ist dieses „Zuhause“? fragte sich Elvira als Kind, schließlich waren sie doch zu Hause. Für ihre Enkelkinder legte sie Stammbaum-Alben an – in der Gewissheit, dass auch sie eines Tages über die Frage nachdenken würden: „Wer sind wir?“
Heimat und Sprache
Vanessa und Jennifer sind beide 19 Jahre alt und in Bremen geboren. Mit leichter Wehmut sagen sie auf Deutsch: „Unsere Heimat ist weder Deutschland noch Russland. Wir können uns nicht entscheiden.“ Die Eltern der einen stammen aus Kasachstan, die der anderen aus Russland.
Frieda ist 86 Jahre alt. Sie wurde in der Ukraine geboren und erinnert sich daran, wie sie 1945 als Volksdeutsche aus dem Reich in die Sowjetunion gelangte und in Kasachstan einen Neuanfang wagen musste, ohne ein Wort Russisch zu sprechen. 1998 zog sie nach Deutschland – ebenfalls ohne Deutschkenntnisse. Ja, sie hat die Sprache neu erlernt, doch heute sagt Frieda mit gewissem Bedauern: „Warum beherrschen die Muslime hier sowohl Deutsch als auch Arabisch, während unsere Enkelkinder kein Russisch mehr können?“ Die ältere Frau besucht regelmäßig die Jarmarka in Bad Salzuflen. Früher gab es hier viele Waren aus Russland, heute sind sie kaum noch zu finden, bemerkt sie.
Leben in zwei Kulturen
Natalja aus Bielefeld erinnert sich daran, wie sie einen kohlebefeuerten Samowar aus dem Kuban-Gebiet nach Deutschland mitgebracht hat. Heute trinkt die ganze Familie gemeinsam Tee auf der Terrasse. Nun möchte sie hier einen elektrischen Samowar für ihre Schwester kaufen. Sie besucht die Jarmarka bereits zum vierten Mal. Ihre Enkel arbeiten hier.
Die jungen Eltern Kevin und Julia, die Portugiesin Melania und der aus dem Altai stammende Dmitri sind gemeinsam zur Jarmarka gekommen. Sie unterhalten sich auf Deutsch. Auf die Frage, wer sie seien, antwortet Dmitri, dass er es nicht wisse, räumt aber ein, dass er sich eher als Russe fühle. Und Kevin – er ist ja Einheimischer – sagt, dass sie Russen seien: „Das ist ein Oberbegriff für alle, die sich hier versammelt haben.“ „Ich lebe automatisch in der russischen Kultur, denn meine Frau stammt aus Kirgisistan, und mein Schwiegervater kocht Pilaw und grillt Schaschlik im Garten vor den Toren Bremens“, erklärt Kevin. „Ich finde, wir sollten in zwei Kulturen leben.“
Heute ist Lilia mit ihrer Tochter Veronika aus Bremen zur Jarmarka gekommen. Vor langer Zeit ist sie aus der russischen Region Perm nach Deutschland gezogen. Ihre Vorfahren waren während des Krieges aus der Gegend von Schytomyr in der Ukraine in den Ural deportiert worden. Auf die Frage „Wer sind Sie?“ antwortet sie ohne zu zögern: „Russin, natürlich.“ Und sie rückt ihr buntes Pawloposad-Tuch auf den Schultern zurecht. Dann fügt sie hinzu: „Ich bin ein Mensch, der in der Sowjetunion aufgewachsen ist.“
Was zieht sie hierher?
Das sind nur einige wenige Stimmen – doch auf der Jarmarka gibt es Tausende davon. Hier sind Jung und Alt vertreten, viele Familien mit Kindern. Meistens kommen die Besucher aus einem Umkreis von 200 Kilometern um Bad Salzuflen, doch manche reisen in diesen Tagen auch aus entfernteren Ecken Deutschlands extra an. Großmütter nehmen Plätze vor der Bühne ein, um ihre Enkelkinder zu sehen, die in Tanz- oder Gesangsgruppen auftreten. Eltern nutzen die Gelegenheit, ihre Kinder zu treffen, die in andere Städte gezogen sind. An großen Tischen versammeln sich Dutzende von Verwandten und ehemaligen Landsleuten. Morgens stehen vor allem ältere Menschen am Eingang Schlange, abends sind es eher junge Leute. Manche kommen nur zur Disco, um zu russischen Liedern zu tanzen.
Woher stammen sie?
Die Veranstalter schätzen die Zusammensetzung der Gäste wie folgt ein: 5 Prozent sind Einheimische, die übrigen 95 Prozent sind Russlanddeutsche und ihre Familienangehörigen. Unter den Besuchern sind auch Kosaken. Auf die Frage, wie sie nach Deutschland gekommen sind, antworten sie: „Wir sind freie Menschen und leben dort, wo wir wollen.“
Die Gäste machen keinen Hehl aus ihren Wurzeln. Auf dem Messegelände sieht man überall T-Shirts mit russischen Schriftzügen, dazu sowjetische Pilotenmützen, Kokoschniks und bunte Kopftücher. Kasachische Besucher zeigen stolz ihre Herkunft: Beliebt sind Shirts mit der Aufschrift „Mein Kasachstan“. Usbeken tragen traditionelle Tubeteikas, Kirgisen den charakteristischen weißen Filzhut, den Ak-Kalpak.

Abschied von sowjetischen Komplexen
Körperkomplexe sind hier fehl am Platz, und Menschen mit etwas mehr Körperfülle bewegen sich ganz selbstverständlich durch die Menge. Junge Leute sind in der Hitze bewusst luftig gekleidet – in dem sicheren Bewusstsein, dass sie niemand dafür verurteilen wird. Deutlich spürbar ist, wie die typisch sowjetische Sorge „Was werden die Leute denken?“ schlichtem Komfort und dem Wunsch, die eigene Individualität zu zeigen, gewichen ist.
Die Besucher kommen hierher, um unter „ihren Leuten“ zu sein, sich zu unterhalten, zu tanzen und russische Musik zu hören. Beliebt sind vor allem Hits aus den 1990er-Jahren, aber auch moderne Titel – auch wenn es heute schwierig ist, aktuelle Künstler einzuladen, da ihnen oft die Visa verweigert werden. Viele kommen aus purer Nostalgie: um einen Kokoschnik oder Kaviar zu kaufen, Pilaw und Tschebureki zu genießen.
Russischsprachige Bücher sind auf der Jarmarka praktisch nicht zu finden – vielleicht vermisst man sie aber auch kaum. Die Erinnerung an die Heimat bewahren die Menschen heute auf andere Weise. Zwar blieb ein einzelner Besucher, der sich für die Geschichte seiner Vorfahren interessierte, an dem einzigen Bücherstand über Russlanddeutsche stehen. Doch die meisten entscheiden sich für das unmittelbar Lebendige: vertraute Geschmäcker, die eigene Sprache, die Auftritte der Enkelkinder. Sie suchen einen Ort, an dem man zwei Tage lang nicht nach Worten suchen muss und sich einfach „zu Hause“ fühlen kann.
Olga Silantjewa
Die Jarmarka: ein Magnet für Landsleute
Die „Jarmarka“ in Bad Salzuflen (Nordrhein-Westfalen) gilt als die größte jährliche Kultur- und Marktmesse für Russischsprachige in Deutschland. Seit über 20 Jahren findet die Veranstaltung statt – in den 2000er-Jahren noch unter dem Namen „Russischer Jahrmarkt“. Inzwischen firmiert sie schlicht als „Jarmarka“ und hat auch den Betreiber gewechselt. Termin ist traditionell das Pfingstwochenende. Dieses Jahr fand die Messe am 23. und 24. Mai statt.
Nach Angaben der Organisatoren lag die Besucherzahl in den vergangenen Jahren bei rund 35 000. Etwa 250 Unternehmen präsentieren dort Waren und Dienstleistungen; je nach Quelle wird die Zahl der Aussteller mit 200 bis 400 angegeben. Gegen Ende des zweiten Messetags nannten Mitarbeiter an der Informationstheke die Zahl 250. Das Spektrum reicht von internationalen Konzernen (wie Tesla, angeblich mit Zustimmung Elon Musks) bis hin zu kleinen russlanddeutschen Familienbetrieben.
Was steht auf dem Programm?
Das Angebot spiegelt die Interessen der Zielgruppe wider: Neben Souvenirs wie Matroschka-Tscheburaschka-Figuren werden Rechtsberatung zu Einbürgerungsfragen, Immobilien in der Kaliningrader Region, aber auch völlig unabhängige Produkte wie Schultüten, Matratzen oder Saugroboter angeboten. Nicht alles ist also „russisch“, und an vielen Ständen wird nicht zwingend Russisch gesprochen. An zahlreichen Messeständen locken zudem Gewinnspiele, Gratisproben und Verlosungen.

Seit dem vergangenen Jahr belegt die „Jarmarka“ zwei Hallen auf einem der größten deutschen Messegelände in Bad Salzuflen. In der ersten Halle befinden sich die Verkaufsstände sowie ein großflächiger Kinderbereich. Die benachbarte Halle bietet eine Bühne, Bestuhlung im Oktoberfest-Stil, Live-Musik und einen Food Court. Im Außenbereich warten weitere Verpflegungsstände, Unterhaltungsangebote – darunter eine Fotozone in einer kasachischen Jurte oder ein kranbetriebener Luftballon über dem Gelände – sowie eine separate DJ-Bühne.
Im Rahmenprogramm treten rund 300 Solisten und Ensembles auf, darunter 15 bis 20 namhafte Sänger. Als Headliner war dieses Jahr die russische Pop-Sängerin Slawa angekündigt. Kurz vor Veranstaltungsbeginn wurde jedoch bekannt, dass sie nicht auftreten wird, da die spanische Botschaft, die das Visum erteilt hatte, dieses nachträglich annullierte. Dieser Vorfall fand breite mediale Beachtung.
Eine Eintrittskarte kostet 70 Euro – im Vorverkauf ist sie jedoch deutlich günstiger. Die Tickets für die nächste Jarmarka am 15. und 16. Mai 2027 sind bereits im Verkauf.





