Totale Offensive

So sieht eine Krise aus, wenn man Gasprom heißt: Der Fußballklub Zenit St. Petersburg, bei dem der Konzern Mehrheitseigner ist, durfte diesen Sommer 85 Millionen Euro in Neuzugänge investieren, um endlich auch international angreifen zu können. Doch selbst viele Kritiker glauben, das Geld sei gut angelegt.

Zurück in der Erfolgsspur? Zenit-Fans bei einem Auswärtsspiel in Jekaterinburg Anfang August. / RIA Novosti

Zenit St. Petersburg schien schon einmal kurz davor, ein europäischer Spitzenklub zu werden. 2008 gewann die Mannschaft erst den Uefa- und dann auch noch den Super-Cup. Doch im Rückblick betrachtet waren das isolierte Erfolge, die den Klub der Elite um Bayern München oder Real Madrid nicht näherbrachten. Dabei wollten die Bosse mit Gasprom an der Spitze, das den früheren Underdog zu Russlands Geldkrösus aufrüstete, lieber heute als morgen im Konzert der Großen mitspielen. Stattdessen bewegt sich das Renommee bisher eher auf dem Niveau türkischer oder holländischer Vereine, die in der Lage sind, auch mal einen Big Point zu landen, ohne sich jedoch nachhaltig zu verbessern.

Zuletzt bröckelte dann auch noch der Nimbus des nationalen Branchenführers. Und als Zenit im Frühjahr bereits zum zweiten Mal hintereinander nur Meisterschafts-Dritter in der russischen Premier-Liga wurde und damit erneut die Champions League verpasst, reichte es den Verantwortlichen. Sie tauschten gleich die komplette Klubführung aus. Ins Präsidentenamt kehrte Sergej Fursenko zurück, unter dem Zenit im vergangenen Jahrzehnt eine durchaus vielversprechende Zeit hatte. Fursenko ist dafür bekannt, dass er Aufbruchstimmung zu generieren versteht, wenn er damit auch manchmal über das Ziel hinausschießt. 2010, als Russland die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 zugesprochen wurde, gab er sich überzeugt, dass die „Sbornaja“ im eigenen Land auch gleich Weltmeister werde. 2012, nach zwei Jahren als Präsident des Russischen Fußballverbandes, verschwand er nach einer für Russland enttäuschenden EM nahezu geräuschlos von der Bildfläche. Nun ist er wieder da.

Sportdirektor ist Fursenkos langjähriger Verbündeter Konstantin Sarsanija einer der kühlsten und schlauesten Köpfe im russischen Fußball. Ihre Mis­sion, Zenit wieder Titel gewinnen zu lassen, begannen sie mit der Verpflichtung des Italieners Roberto Mancini als Trainer. Der hat schon Inter Mailand und Manchester City in durchaus stärkeren Ligen zu Meistern gemacht. Und mit schlagkräftigem Personal darf er nun auch in St. Petersburg arbeiten. Als am 31. August das Transferfenster schloss, hatte Zenit für Neueinkäufe schlappe 85 Millionen Euro lockergemacht – doppelt so viel wie alle anderen 15  Premier-Liga-Klubs zusammen. Damit wurde der eigene Rekord aus dem Jahre 2012 (80 Millionen) geknackt.

Es kamen allein acht Spieler, die sofort den Stammkader verstärken sollten und ihn auch tatsächlich durcheinander gewirbelt haben – praktisch eine neue Mannschaft. Das klingt nach Aktionismus. Doch Beobachter halten dem Management im Gegenteil eine kluge Einkaufspolitik zugute, die auf russische Nationalspieler und junge, entwicklungsfähige Ausländer setzt, von denen sich der eine oder andere später mit Gewinn weiterverkaufen lässt. Verpflichtet wurden unter anderem fünf Argentinier, die auch bei anderen Klubs auf dem Wunschzettel standen. Doch Zenit hat allein im letzten Jahr 100 Millionen Euro durch Verkäufe eingenommen und nun in Transfers reinvestiert. Einstweilen scheint der Plan aufzugehen. Nach elf Spieltagen ist Zenit in Russland Tabellenführer, hat noch kein Spiel verloren, die meisten Tore geschossen (21), die wenigsten kassiert (3) – und schon 13 Punkte Vorsprung auf den amtierenden Meister Spartak Moskau.

Tino Künzel

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