Keine Revolution ohne Krieg

Die Liberalen wollten Krieg, die Bauern ihr Land und die Soldaten Frieden. Deshalb lag die Macht sprichwörtlich auf der Straße, als Lenin zum Sturz der Provisorischen Regierung aufrief. Der Potsdamer Historiker Jan Claas Behrends erklärt, warum die Oktoberrevolution unvermeidlich war.

Jan Claas Behrends beschäftigt sich u.a. mit europäischen Diktaturen und Gewaltforschung. /Foto: Privat.

Wir schreiben den 7. November 1917. Die Bolschewiki reißen die Macht an sich. War es eine historische Konsequenz oder ein Unfall der Weltgeschichte?

1917 war ein Jahr, das viele Überraschungen in der Russischen Geschichte gebracht hat. Am Anfang des Jahres sagte Lenin noch, dass er die Revolution wahrscheinlich nicht mehr erleben wird. Und am Ende des Jahres sitzt er an der Macht. Das Ereignis kann man nur erklären, wenn man in jenen Februar zurückschaut. Alle Akteure waren über die Konsequenzen überrascht, als die Monarchie mit der Abdankung des Zaren abgeschafft wurde. Nur wenige hatten vorher verstanden, dass die Monarchie das eiserne Band war, das das Imperium zusammenhielt. Als sie verschwand, trat nicht eine neue liberale Ordnung an ihre Stelle, sondern politisches Chaos. Es gab keine neue legitime Macht, die in diese Fußstapfen treten konnte.

Die liberalen Kräfte haben ihre Chancen verspielt. Lag es daran, dass es ein Elitenprojekt gewesen ist, oder auch am Ersten Weltkrieg?

Ohne den Ersten Weltkrieg hätte es keine Revolution gegeben. Die Zarenherrschaft war sicherlich gefestigt genug, um sich in Friedenszeiten weiterzuentwickeln und Herausforderungen zu überstehen. Doch schon der Krieg von 1905 gegen Japan zeigte, dass die Autokratie nicht in der Lage war, gleichzeitig ihre Machterhaltung zu garantieren und auswärtige Kriege zu führen. Insofern kann man diese außenpolitische und innenpolitische Situation nicht voneinander abkoppeln. Und wenn man über die russischen Liberalen redet, dann muss man auch erwähnen, dass die Liberalen, beispielsweise Pawel Miljukow, auch Imperialisten waren. Miljukow wollte mit der demokratischen Regierung imperiale Kriegsziele verwirklichen und Konstantinopel erobern. Er wollte den Krieg nicht beenden. Aber der Krieg war unpopulär. Zwischen den Bedürfnissen der Bevölkerung und den Projekten der Eliten entstand dieses Machtvakuum…

…das Lenin füllte. Was wäre aber, wenn dem Revolutionsführer die Rückkehr aus dem Exil nach Petrograd nicht gelungen wäre?

Letztendlich ist der Kern dieser Spaltung zwischen Sowjet und Provisorischer Regierung in den Grundzügen des Bürgerkriegs schon angelegt. Ohne die Bolschewiki und insbesondere ohne ihren Führer Lenin wäre eventuell das eingetreten, was viele im Sommer 1917 erwartet haben: entweder eine Militärdiktatur oder zumindest eine Herrschaft, die sich auf die sehr starken rechtsradikalen sozialen Bewegungen stützt, beispielsweise die Schwarzhundertschaften. Denn wenn man sich die Zahlen und den öffentlichen Einfluss anschaut, dann sind die rechtsradikalen Bewegungen teilweise in den Städten viel stärker gewesen als die Arbeiterbewegungen. Und wenn sie sich mit der Armee verbündet hätten, hätte das gut zu einem eher faschistischen oder protofaschistischen Experiment führen können, wie wir es später in Italien und Deutschland als Konsequenz des Ersten Weltkriegs hatten.

Und auf dem Land?

Dort hatte sich bereits 1905 bis 1907 abgezeichnet, dass das Ende der Adelsherrschaft fast nicht mehr zu stoppen ist. Wo es keine Soldaten gab, die die Gutshöfe beschützten, nahmen sich die Bauern zum ersten Mal ihr Land. Diese Dynamik wiederholte sich 1917. Es handelt sich aber um lokale Dynamiken. Es geht nicht um den Machtkampf in Petrograd, sondern um die Frage: Inwieweit ist das Imperium überhaupt noch in der Fläche präsent und kann es die alte Ordnung noch schützen? Und in dem Moment, wo das Imperium keine Soldaten hat, die Kosaken nicht mehr in der Lage sind, diese alte Adelsherrschaft zu verteidigen, ist es dem Untergang geweiht.

Kommen wir zurück zu Lenin. Sie schreiben, dass es ihm vor allem um den Machterhalt ging. Waren vielleicht nicht Marx und Engels seine Vorbilder, sondern Robespierre und die Französische Revolution?

Alle Revolutionäre, nicht nur Lenin und die Bolschewiki, sondern auch die Sozialrevolutionäre, der große Teil der Intelligenzija und die Menschewiki, waren natürlich Studenten der Französischen Revolution. Sie hatten geradezu eine Obsession für sie und versuchten, einzelne Strategien von Robespierre und Danton nachzuahmen. Das Interessante ist, dass in der Französischen Revolution Robespierre und der Terror letzten Endes eine Episode bleiben. Die Russische Revolution, die Herrschaft Lenins und Stalins waren dagegen wie 35 Jahre Robespierre.

Wenn wir über das Erbe der Oktober­revolution sprechen: Sie sagen, dass es die Autokratie sei. Wie kann man das verstehen?

Autokratie ist nichts anderes als eine Ein-Mann-Herrschaft. Sie geht nach der Revolution ungebrochen weiter. Es gelingt nicht, Institutionen und Gewaltenteilung aufzubauen, die berühmten Checks and Balances der Amerikanischen oder Französischen Revolution. Es gelingt auch nicht, in irgendeiner Form einen Rechtsstaat zu etablieren, sondern es bleibt bei den drei Systemen der letzten hundert Jahre: Zarenherrschaft, sowjetisches System und postsowjetisches System, wo jedes Mal eine Person an der Spitze des Staates steht und, im Vergleich zum Westen, über außerordentliche Machtbefugnisse verfügt.

Wie bewerten Ihre russischen Kollegen das Jubiläum der Oktoberrevolution?

Auch für sie ist es ein Thema. Doch ich würde nicht nur über Russland reden, sondern über den ganzen postsowjetischen Raum. Und hier gibt es einen großen Ausdifferenzierungsprozess. Bei der letzten großen Rede Gorbatschows über die Oktoberrevolution, die er 1987 gehalten hat, gab es das letzte Mal ein großes verpflichtendes Narrativ, das von Taschkent bis Moskau, bis Kiew und Tiflis erzählt wurde. Heute werden in diesem Raum ganz unterschiedliche Geschichten erzählt. In der Ukraine und in Georgien liegt die Betonung darauf, dass man 1918 zum ersten Mal unabhängig wurde. In Finnland geht es um 100 Jahre Unabhängigkeit. Ich glaube, dass die russischen Kollegen mit dieser Ausdifferenzierung konfrontiert sind, dass es nicht nur die Meistererzählung der Bolschewiki gibt, die in den 20er Jahren entstanden ist und bis in die 80er Jahre konserviert wurde. Wir können immer wieder Neues über die Revolution lernen und nach ihren globalen Wirkungen in Europa und weltweit fragen. Diese Aspekte stehen dieses Jahr vielmehr im Vordergrund als früher.

Zur Person

Dr. Jan Claas Behrends ist Historiker und Projektleiter des internationalen Forschungsnetzwerkes „Violence and State Legitimacy in Late Socialism“ am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Zudem lehrt er Neueste und Osteuropäische Geschichte an der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Zeitgeschichte Osteuropas, Stadtgeschichte, europäische Diktaturen sowie Gewaltforschung. Dieses Jahr erschien ein von ihm herausgegebener Sammelband „100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution“ im Ch. Links Verlag. Außerdem ist er Mitbegründer des SPD-Arbeitskreises „Neue Ostpolitik“.

Das Gespräch führte Katharina Lindt.

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