Zwischen Zweifeln und Hoffnung

Gedämpfte Wachstumssprognosen, Sanktionen und immer mehr Protektionismus: Die deutsche Wirtschaft blickt mit erheblichen Bauchschmerzen auf den russischen Markt. Ein Ende der Geschäfte erwägt allerdings nur eine kleine Minderheit der Unternehmen.

Nur 16 Prozent der deutschen Firmen erwarten 2019 Zuwächse in der russischen Autoindustrie. /Foto: www.autocentre.ua

Skepsis statt Aufbruch: Das neue Jahr beginnt für die russische Wirtschaft mit einer ernüchternden Nachricht. Nur 1,5 Prozent Wachstum prognostiziert die Weltbank für die kommenden zwölf Monate auf dem russischen Markt. Damit korrigierte die Institution ihre jüngste Konjunkturprognose um 0,3 Prozent nach unten. Dem russischen Wirtschaftsministerium sind die bescheidenen Zahlen allerdings immer noch zu optimistisch: Wirtschaftsminister Maxim Oreschkin rechnet mit nur mageren 1,3 Prozent Zuwachs für das Bruttoinlandsprodukt. Viel zu wenig für den größten Flächenstaat der Erde, dessen Markt immer wieder ein riesiges Potential, aber auch viel Nachholbedarf bescheinigt wird.

Skepsis und verhaltene Erwartungen

Dies sehen auch die in Russland aktiven deutschen Firmen so. Nur 41 Prozent der Unternehmen erwarten für das Jahr 2019 eine positive Entwicklung. Im Vorjahr waren es noch fast doppelt so viele. Rund ein Viertel rechnet demnach mit einer Verschlechterung der ökonomischen Lage, mehr als ein Drittel stellt sich auf eine Stagnation der Wirtschaftsleistung ein. Dies geht aus einer Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) und des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft (OAOEV) vom Dezember 2018 hervor. An der Umfrage beteiligten sich 168 Unternehmen. Auch beim Export nach Russland schlagen sich die eingetrübten Aussichten nieder. Nur 30 Prozent der befragten Firmen erwarten für 2019 steigende Ausfuhrzahlen.

Das Haupthindernis für das Russlandgeschäft ist der unbeständige Wechselkurs. Fast zwei Drittel der Firmen bezeichneten den schwachen Rubel als größten Störfaktor für die Arbeit. Der niedrige Kurs der russischen Währung verteuert deutsche Waren. Aber auch die Sanktionen von EU und USA behindern das Geschäft. Jeweils fast die Hälfte der Unternehmen stufte die Strafmaßnahmen gegen Moskau als große Belastung für die eigene Tätigkeit ein. „Die Verunsicherung durch eine mögliche neue Zuspitzung der politischen Konflikte und weitere Sanktionsrunden der USA ist mit Händen zu greifen“, erklärte Michael Harms, Geschäftsführer des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, bei der Präsentation der Umfrage-Ergebnisse in Moskau.

Nur eine Minderheit will den russischen Markt verlassen

Zwei Drittel der deutschen Firmen unterstützen daher den Aufbau eines vom Dollar unabhängigen Zahlungssystems. Nur eine kleine Gruppe erwägt ein Rückfahren der Aktivitäten in Russland. Die Mehrzahl wartet die weitere Entwicklung der Lage ab. „Ein politischer Entspannungsprozess würde hier sehr helfen, erklärte Michael Harms. „Dazu muss Russland einen entscheidenden Beitrag leisten.“ Matthias Schepp, Chef der deutschen Auslandshandelskammer, machte sich zudem für einen Abbau der Strafmaßnahmen stark. „Die Sanktionen führen nach Meinung der in Russland vertretenen deutschen Firmen nicht zu den politisch erwünschten Ergebnissen.“ Immer stärker zu schaffen macht den deutschen Firmen auch der zunehmende Protektionismus Moskaus. Über 60 Prozent der befragten Firmen sind von den Maßnahmen betroffen, die auf eine Ersetzung von Importprodukten durch russische Fabrikate zielen. „Der weltweite Vormarsch des Protektionismus hat auch vor Russland nicht halt gemacht“, kommentierte AHK-Chef Schepp. „Sanktionen befördern die protektionistischen Tendenzen in Russland und stärken deren Vertreter in der Regierung.“

Mit ihrem eigenen Geschäft sind die Manager trotz der schwierigen Lage insgesamt aber zufrieden. So bewerteten 87 Prozent der Unternehmer ihre Aktivitäten in Russland als gut oder sehr gut. Mehr als die Hälfte konnte ihren Jahresumsatz 2018 ausbauen. Für 2019 plant die deutsche Wirtschaft Investitionen in einer Höhe von über 628 Millionen Euro, deutlich mehr als noch im Vorjahr. „Das Bekenntnis der deutschen Unternehmen zum Standort Russland ist trotz bestehender Schwierigkeiten eindeutig“, kommentierte Matthias Schepp die Zahlen. „Sie sind gerne im Land und wollen hier weiter investieren.“

Faszinierendes Potential und schwacher Mittelstand

Diese Einschätzung bestätigte auch Wolfgang Büchele, Chef des Ostausschusses, in einem Interview mit dem „Spiegel“. Das Potential des russischen Marktes sei „faszinierend“, erklärte der Wirtschaftsvertreter und verwies auf mögliche Gewinne. „Wenn die Kaufkraft in Russland mit den 140 Millionen Einwohnern sukzessive steigen würde, wäre das ein enormer Wirtschaftsmarkt.“ In vielen anderen Ländern müssten Unternehmer mit niedrigen Wachstumsraten kalkulieren. In Russland seien dagegen Zuwächse von bis zu fünf Prozent möglich. Dass dieses Wachstum zur Zeit nicht realisiert wird, liegt nach Meinung Bücheles am nur schwach entwickelten Mittelstand. Für dessen Stärkung sei eine Liberalisierung und Deregulierung der Wirtschaft unerlässlich. Das Beispiel China zeige, dass dies auch unter Kontrolle der Regierung möglich sei.

Die befragten Firmen beschäftigen in Russland fast 142 000 Mitarbeiter und konnten im Jahr 2018 knapp 23 Milliarden Euro umsetzen. Als die wachstumsstärksten Branchen schätzen die Unternehmen die Landwirtschaft und die Ernährungsindustrie ein. Dies sehen rund 56 Prozent der Befragten so. Klarer Absteiger ist dagegen die russische Autobranche. Nur noch 16 Prozent der deutschen Firmen schätzen den Industriezweig als Zukunftsmarkt ein.

Birger Schütz

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