Zum Zähne ziehen nach Moskau

Sie setzen Brücken, tauschen verschlissene Kniegelenke aus oder führen Schönheitsoperationen durch: Russische Ärzte haben im vergangenen Jahr so viel ausländische Patienten wie noch nie zuvor behandelt. Auch die Regierung hofft nun auf zusätzliche Einnahmen und will Russland zu einem der führenden Anbieter im Medizin-Tourismus ausbauen.

 

Bohren und Löcher füllen: Vor allem die Dienste russischer Zahnärzte werden stark nachgefragt. /Foto: www.tourprom.ru

Veraltete Ausrüstung, schlecht bezahlte Ärzte, ungenügender Service: Eigentlich ist das Image des russischen Gesundheitswesens im Ausland nicht besonders gut. Doch das Bild scheint sich zu wandeln. Denn immer mehr ausländische Patienten reisen nach Russland, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Allein in den vergangenen zwei Jahren habe sich die Zahl der Medizin-Touristen verfünfzehnfacht, erklärte Gesundheitsministerin Weronika Skworzowa zu Jahresbeginn. Im Jahr 2018 hätten sich mehr als 300.000 Ausländer in russischen Kliniken therapieren lassen. 2016 waren es gerade mal 20.000 Patienten. „Wir haben die Messlatte damit gut angehoben“, zitiert die Nachrichtenagentur RIA Nowosti die Ministerin.

Private Kliniken behandeln viele Ausländer

Von dem Aufschwung profitieren vor allem moderne Privatkliniken. „Wir verzeichnen schon seit Längerem ein Interesse an russischer Medizin“, erklärte Alla Kanunnikowa, Direktorin für Business und Marketing der Privatklinik-Kette Medsi, Anfang Februar gegenüber der Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Viele Kunden bei Medsi kämen traditionell aus ehemaligen Sowjetrepubliken, oder anderen russischen Nachbarländern. Allein im vergangenen Jahr sei die Zahl der Ausländer in den Häusern der Kette um 40 Prozent gestiegen. Medsi baue daher nun eine extra Service-Abteilung auf, um die Patienten bei der Visabeschaffung zu unterstützen, die Anreise zu organisieren, Dolmetscher zu stellen oder auch beim Buchen von Hotelzimmern zu helfen.

Den größten Anteil der Medizintouristen stellen mit rund einem Drittel mittlerweile die Chinesen, melden Experten. Vor allem künstliche Befruchtung und orthopädische Dienstleistungen seien bei ihnen stark nachgefragt. Aber auch die Bewohner anderer asiatischer Staaten zeigen zunehmendes Interesse an Behandlungen in Russland. So würden sich immer mehr Japaner, Südkoreaner und Vietnamesen im Föderationskreis Sibirien – einem der acht russischen Großkreise – in die Obhut russischer Ärzte begeben, schrieb die russische Ausgabe der Wirtschaftszeitung „Forbes“ im vergangenen Sommer. Insgesamt kämen mehr als 60 Prozent der Medizin-Touristen aus Asien. Dazu komme nochmal ein beträchtlicher Anteil von Patienten aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion wie Armenien, Kasachstan und Kirgisien.

Russlanddeutsche lassen Fett absaugen

Auch Bürger aus Staaten wie Dänemark, Schweden, Finnland oder Israel entscheiden sich oft für russische Ärzte. In der Regel handele es sich dabei um russische Auswanderer und ihre emigrierten Familien, schreibt „Forbes“. Auch aus Deutschland reisen die Medizin-Touristen an. „Das sind meist Russlanddeutsche oder Menschen mit einer Verbindung zum russischen Sprachraum“, erklärt der Medizintourismus-Experte Jens Juszczak von der Hochschule Bonn-RheinSieg gegenüber der MDZ. Die Patienten kämen beispielsweise zum Fettabsaugen oder für Augenoperationen. „Also Leistungen, die nicht von der Krankenkasse abgedeckt werden und für die man relativ tief ins Portemonnaie greifen muss!“ Genaue Ziffern könne er aber nicht nennen, bedauert Jens Juszczak. „Die Zahlen von Deutschen, die für Operationen ins Ausland reisen, erfassen wir nicht.“

Unter den verfügbaren Fachrichtungen profitiert die Zahnmedizin am stärksten von dem Zustrom. Rund 44 Prozent der ausländischen Patienten lassen sich in Russland Brücken setzen, Löcher füllen oder schadhafte Plombenfüllungen austauschen. Dies ergab eine Untersuchung der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst beim Präsidenten der Russischen Föderation (RANCHiGS) aus dem vergangenen Jahr. Auf Platz zwei der am stärksten nachgefragten Leistungen landeten urologische und gynäkologische Behandlungen. Jeweils zehn Prozent der Ausländer kommen wegen der plastischen Chirurgie oder Operationen an den Augen ins Land.

Schwacher Rubel macht Operationen günstig

Als Ursache für die gewachsene Nachfrage machen Experten übereinstimmend einen zentralen Grund aus: den schwächelnden Rubelkurs. Seit der Wirtschaftskrise im Jahr 2015 sei die billige Währung der zentrale Wettbewerbsvorteil der russischen Medizin, schrieb die „Rossijskaja Gaseta“ schon vor zwei Jahren. An dem Trend hat sich bis heute nichts geändert. Manche medizinischen Leistungen seien in Russland bis zu 80 Prozent billiger als im Ausland, schreibt die „Wedomosti“. So müsse für eine Gelenkoperation in Deutschland viermal so viel Geld hingelegt werden wie in Russland. Eine Magenspiegelung sei immerhin noch doppelt so teuer. Immer mehr Patienten und steigende Einnahmen: Auch die russische Regierung hat das große Potential der Branche erkannt. Im Auftrag des Präsidenten wurde bereits 2017 im Gesundheitsministerium eine Stelle zur Entwicklung des Gesundheitstourimus geschaffen. An einem entsprechenden Förderprogramm wird seitdem gearbeitet.

Demnach soll die jährliche Quote der Medizin-Touristen bis zum Jahr 2025 auf eine Ziffer von 500.000 Besuchern steigen. Geplant sind unter anderem regionale Cluster zur Bündelung der Angebote sowie ein umfassendes Rating aller verfügbaren Dienstleistungen. Russland wolle so unter die besten fünf der Branche vorstoßen, hieß es aus dem Gesundheitsministerium. Der Staat erhofft sich zusätzliche Einnahmen von umgerechnet rund 137 Millionen Euro. Ob die ehrgeizigen Ziele wirklich umgesetzt werden können, ist gegenwärtig noch schwer abzuschätzen. Zweifellos seien die Entwicklungsmöglichkeiten groß, sind sich viele Experten einig. So belegt Russland in einer Studie der World Tourism Organization (UNWTO), welche die Attraktivität von Ländern in Sachen Gesundheitstourismus einschätzt, weltweit den 5. Platz. Bei der Umsetzung dieses Potentials schneidet das Land aber nur mit Platz 59 ab.

Aufholbedarf bei Service und Sprachkenntnissen

Dies liege unter anderem an dem oft noch ausbaufähigen Service. Um auch für westliche Medizin-Touristen attraktiv zu werden, müssten viele der in die Jahre gekommenen Sanatorien und Krankenhäuser saniert werden, Personal und Ärzte Englisch lernen und allgemein der Komfort während des Aufenthaltes verbessert werden, schreibt „Forbes“. Außerdem sei eine Vereinfachung der Visa-Vergabe notwendig. Bisher reisen viele Patienten mit gewöhnlichen Touristen-Visa an. Immer wieder kommt es zu Schwierigkeiten, wenn diese während einer Behandlung verlängert werden müssen. Das Gesundheitsministerium schlug daher bereits die Einführung spezieller medizinischer Visa vor, wie sie beispielsweise für Deutschland üblich sind.

Dass sich künftig noch mehr Deutsche für Behandlungen in Russland interessieren, hält Jens Juszczak allerdings für ziemlich unwahrscheinlich. „Dafür sind die Sprachhürden und der Aufwand für Anreise und Visafragen zu hoch“, erklärt der Experte. Auch sei das Vertrauen der Mehrheit der Deutschen in die russische Medizin nach wie vor niedrig. „Außerdem haben wir so schon viele grenznahe Angebote in Ländern wie Polen, Belgien oder Holland.“

Birger Schütz

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