
(Foto: Aus dem Archiv von Marvin Wiegandt)
„Was spricht der Osten?“,
fragt meine Oma.
„Wie geht’s Putin?“,
fragt mein Chef.
„Schämst du dich nicht?“,
fragt mich ein Säufer.
„Ich will nach Russland …“,
denke ich.
Sie verstehen mich nicht. Denn ihre Informationen sind begrenzt, ihre Gefühle nicht die meinen, ihre Kenntnisse gering, ihre Fantasien vage. Immer wieder muss ich mich in Deutschland dafür rechtfertigen, mein Seelenheil in der eisigen Ferne zu suchen, anstatt in der heimischen Industrie-Tristesse. Heißt es doch in Deutschland, man solle nicht in die Ferne schweifen, wenn doch „das Gute“ so nah liegt. Aber was ist überhaupt dieses Gute? Wo setze ich meinen winzigen Maßstab an, wenn ich die Ferne, die mich ruft, noch nicht kenne.
Sie verstehen mich wohl wirklich nicht. Doch mir ging es ja nicht anders. Vor fünf Jahren. Bevor ich zum ersten Mal aufbrach, meine Vorurteile zu überprüfen; bevor der laszive Ruf Sibiriens an mein Ohr drang und mich die zarte, liebende Hand meiner Eisprinzessin behutsam durch ihr Reich führte; bevor ich – schneeblind von all der Schönheit – unwissend von einem Abenteuer ins nächste stolperte.
Mein Name ist Marvin. Ich bin 25 Jahre alt und komme aus Bochum, Deutschland. Dies ist meine Geschichte. Es war November 2020. Die Covid-19-Pandemie legte Deutschland und die Welt in ihre unsichtbaren Ketten, und ich befand mich – wie viele andere auch – in einer Schwebe zwischen sozialer Isolation, nie gekannter Stille und einer von markdurchdringender Einsamkeit überschatteten Ungewissheit, wie es nun weitergehen würde.
In all diese menschenleere Stille hinein klang plötzlich eine Stimme. Zart, zerbrechlich, würdevoll und voller Stolz. Ihr Klang legte sich wie Balsam auf meine sozial verkümmerte Seele und versprach mir all das, wonach ich mich so sehr sehnte.
„Woher kommst du?“, fragte ich. „Krasnojarsk“, entgegnete sie. „Krasno… was?“ Ich war verwirrt. Noch nie hatte ich von einem Ort wie diesem gehört. In mein Tagebuch schrieb ich kurzerhand Folgendes: „Heute lernte ich eine junge Frau kennen. Sie kommt aus Nowosibirsk.“
Ich erinnere mich noch genau, wie ich mir Russland – und Sibirien im Speziellen – damals vorstellte. Da waren schneebedeckte Straßen, umschlungen von endlosen, weiß gefrorenen Nadelwäldern. Eine kleine Stadt mit einem einzigen betongrauen und von jedweder Freude verlassenen Plattenbau, der umringt von alten Holzbaracken, in denen Menschen ohne Strom und Wasser lebten, in den Himmel ragte. Die zahlreichen Schornsteine rauchten. Einen Supermarkt gab es nicht. Nur ein hungriger Bär trottete seelenruhig durch neblige Gassen, und in der Ferne schimmerten die tiefblauen Türme eines Eispalastes.
Alles, was ich über Russland wusste, entstammte den Erzählungen meiner Großeltern und meines Vaters, der als Kind der DDR einmal Leningrad besuchte, ein paar Liedern Udo Lindenbergs und dem 1967 erschienenen Filmklassiker „Die Schneekönigin“. Natürlich waren da noch Olympia in Sotschi und die Fußball-WM 2018, die mich allerdings wegen des eher dürftigen Abschneidens der Deutschen kaum interessierte.
Ansonsten war mein Geist unbefangen und meine Neugier groß. Keine zehn Monate später befand ich mich plötzlich, ohne es recht zu realisieren, im Flieger Richtung Moskau. Ungläubig schauten meine Augen den ganzen Flug über gebannt aus dem Fenster. Aus der Luft erkannte ich die Lichter Danzigs und Kaliningrads, und zum ersten Mal sah ich die Heimat meiner Großmutter, die 1945 als 15-jähriges Mädchen aus Königsberg flüchtete und bis zu ihrem Tod 2015 nie wieder dorthin zurückkehrte.
Wie in einem Traum schien es mir, als gegen 22 Uhr der Landeanflug auf Scheremetjewo begann und rechts von uns rote Feuerwerksraketen in den Himmel schossen. Auf der Landebahn war es bitterkalt und feine Eiskristalle wirbelten wie Funken durch die klare Nachtluft. Nach einer zweistündigen Pause ging es weiter und sechs Stunden später betraten meine Füße zum ersten Mal den sibirischen Boden. Bis heute komme ich nicht umhin, diesen Tag als den schönsten und schicksalhaftesten meines Lebens zu bezeichnen.
Was folgte, waren Zeiten voller Freude, Erinnerungen und bitterer Tränen. Ich wanderte unstet und heimatlos durch die Ferne, doch mein Weg führte mich früher oder später immer wieder zurück in diese feine, ferne Welt. Ich reiste ein ums andere Mal in die sibirische Taiga, erlebte, was wahre Freundschaft heißt, wie man Wodka aus Flaschen trinkt, wie man nach der Banja Schneebaden geht und sich ein Küsschen gibt, nachdem man auf die Bruderschaft getrunken hat. Ich begann Russisch zu lernen und Jessenin, Dostojewski und Puschkin zu lieben.
Ich wurde zum ersten Mal wirklich geliebt, und zum ersten Mal begann ich selbst wirklich zu lieben. Russland gab meinen Händen einen Halt, meiner Seele eine Heimat und meinen Lungen Luft zu atmen. Ich fühlte mich frei – und endlich angekommen.
Im Schicksalsjahr 2022 entglitt mir plötzlich die Liebe, für die ich einst nach Russland kam, und eigentlich könnte meine Geschichte hier enden. Doch das tut sie nicht. Im Grunde war dies erst der Beginn des zweiten Aktes.
Es nahte der Herbst, die Quarantänebestimmungen wurden über den Sommer etwas gelockert, und ich wollte einen letzten Versuch wagen, die zerrütteten Verhältnisse zu meiner Eisprinzessin zu restaurieren. Doch die politische Landschaft hatte sich inzwischen verändert. Flugreisen nach Russland wurden beinahe unmöglich. Transaktionen mit russischen Unternehmen und Banken wurden gesperrt. Meine Familie ermahnte mich, zu Hause zu bleiben. Doch ich hatte einen Plan. Ich reiste mit dem Bus nach Danzig. Von dort bezahlte ich in bar für ein Ticket nach Kaliningrad. Durch einen Freund in Uganda bezahlte ich vorab per Western Union eine Unmenge an Geld, um einen Flug von Kaliningrad nach Krasnojarsk zu buchen. Die Grenzkontrollen gestalteten sich erwartbar schwierig, denn auf meinem Covid-19-Zertifikat fehlte ein Detail. Langes Warten, Zittern, Bangen, ein spontaner Schnelltest unter genauer Beobachtung der Grenzbeamten, dann war ich drin. Ohne Rubel oder Internet, völlig aufgeschmissen, wanderte ich des Nachts hilflos und allein durch die Straßen Kaliningrads. Ein paar fremde, überaus herzliche Restaurantmitarbeiter eines bereits geschlossenen Lokals im Fischerdorf bereiteten mir gratis Kost und Logis und halfen mir am nächsten Tag, den Flughafen im Norden der Stadt zu finden.
Sollte mein Vorhaben in Krasnojarsk nicht von Erfolg gekrönt sein, so bat man mich, nach Kaliningrad zurückzukehren. Gesagt, getan. Ich kehrte zurück. Mehr als einmal. Bei jeder neuen Reise nach Krasnojarsk besuchte ich ebenso meine neu gewonnenen Freunde in Kaliningrad, und es wurden immer mehr. Bis zu fünfmal jährlich reiste ich in der Folge nach Krasnojarsk und auf diesem Wege auch gleich nach Kaliningrad. Ich besuchte „Schwanensee“ am Moskauer Bolschoi-Ballett, gab als Muttersprachler ehrenamtlichen Deutschunterricht an Schulen und Universitäten und erweiterte mit jeder neuen Reise meinen engsten Freundeskreis um jeweils zwei bis drei Personen. Vor zwei Monaten feierte ich meinen Geburtstag in Krasnojarsk mit über 45 geladenen Gästen aus ganz Russland. Einer von ihnen lud mich ein, bei meiner nächsten Reise den Baikalsee zu besuchen, ein weiterer Gast bat mich, mit ihm nach Norilsk zu kommen. Auch Angebote aus dem Altai, aus Sotschi und St. Petersburg waren dabei, und seit ich angefangen habe, „Der stille Don“ zu lesen, möchte ich unbedingt in die Don-Region reisen. Es scheint ganz so, als sei diese Geschichte noch lange nicht zu Ende. Es gibt noch so vieles zu entdecken. Ich möchte mit dem Zug nach Wladiwostok fahren, im Ural wandern und die Eremitage besuchen, eine Datscha kaufen und Wolgograd sehen … Ich spüre, dieses Land hat mir noch viel zu erzählen, und ich kann es kaum erwarten, all seinen Geschichten zu lauschen.




