Wir Kinder des kosmischen Zeitalters

Wer zehn Jahre nach Gagarins Weltraumflug in Moskau geboren wurde, den holt der Kosmos immer wieder ein. Egal was aus einem wurde und wohin es einen verschlug – im Vorfeld des 12. April füllt sich der Facebook-Newsfeed unbedingt mit den vertrauten Geschichten. Null Politik, null Ideologie und schon gar kein Kommerz, nur Bilder aus der Kindheit, die dem Herzen teuer sind. Erinnerungen von MDZ-Chefredakteur Igor Beresin.

In der Metro: Das Überirdische im Unterirdischen wird gerade renoviert. (Foto: Igor Beresin)

Sheriff Woody kann Buzz Light­year in der Pixar-Computeranimation „Toy Story“ anfangs nicht ausstehen. Warum, ist relativ klar. Der Cowboy in Stiefeln und mit Hut genießt seine Rolle als allgemeiner Liebling, bis ihm mit dem Space-Ranger ein neuer Held die Show stiehlt. Doch das ist Amerika, bei den sowjetischen Kindern verhielt es sich genau umgekehrt. Die Weltraum-Ära begann in der Sowjetunion um einiges früher, als die ostdeutschen Western aus den DEFA-Studios in die Kinos kamen. Und die fernen Sterne, die jungen Forschern keine Ruhe ließen, konnte sogar „Chefindianer“ Gojko Mitic mit seinem mächtigen Körper nicht in den Schatten stellen.     

Die wahre nationale Idee

Heutige russische Schüler werden es kaum glauben, doch es gab eine Zeit, als sich „patriotische Erziehung“ nicht auf das Thema Krieg reduzierte. Wir waren nicht nur ein Land, das im großen Krieg gesiegt hatte, sondern auch das „Land des siegreichen Sozialismus“. Und außerdem waren wir im Kosmos allen zuvorgekommen, was könnte cooler sein? Vor 60 Jahren schaute die ganze Welt zu, als Gagarin über den roten Teppich lief, um der sowjetischen Führung Meldung zu machen, und sich dabei ein Schnürsenkel löste. Selbst die Ausnutzung der Errungenschaften in der Raumfahrt für bestimmte ideologische Konstrukte schadete dem Thema nicht. Der Kosmos blieb nicht nur für mich ein absolut reiner Traum und ein Projekt, das einte, nicht trennte. So waren nach offizieller Darstellung die USA sonst in jeder Hinsicht hoffnungslos böse, aber unsere gemeinsame Sojus-Apollo-Weltraummission im Jahr 1975 galt als großer Durchbruch für die gesamte Menschheit.

Für die Russen ist der Kosmos das, was für die Deutschen die Automobilindustrie ist – so etwas wie eine nationale Leidenschaft und ein Gegenstand der Bewunderung, fast eine Religion. Selbst heute ist ein Klassenausflug ins Moskauer Raumfahrtmuseum nahezu obligatorisch, ganz zu schweigen von den Zeiten, als die Begeisterung für bemannte Raumflüge und Astronomie praktisch allumfassend war. Und dann das Planetarium! Ausgerüstet mit dem modernsten Projektor jener Tage aus dem VEB Carl Zeiss Jena, ging von ihm eine fast unübertrof­fene Anziehungskraft aus. Ehrlich, das war unglaublich spannend.

Möglichkeiten in Hülle und Fülle

Um das Bild abzurunden, ergänzen Sie es um kosmisches Spielzeug: Baukästen, ferngesteuerte Mondmobile, Raketenmodelle. Nehmen Sie die Philatelisten hinzu. Wenn sogar in meinen Alben ein gutes Drittel der Briefmarken der Eroberung des Kosmos gewidmet war, über welche Schätze mussten dann erst echte Sammler verfügen? Betrachten Sie die sowje­tischen Wandbilder und Mosaiken, die Häuserfronten und Schulkorridore zieren. In den meisten davon finden Sie mit ziemlicher Gewissheit einen Menschen im Raumanzug. So ein Wandbild zierte auch meine Schule, die den Namen des Raketenkonstrukteurs Michail Jangel trug und in der es ganz normal war, dass leibhaftige Kosmonauten zu Besuch kamen.

Ja, der Großteil dieser wunderbaren Möglichkeiten und Vergnügungen befand sich in Moskau und war nicht jedem zugänglich. Doch eines lässt sich mit absoluter Sicherheit sagen: Wenn im Fernsehen zum Kontrollzentrum geschaltet wurde, schaute das ganze Land zu. Die live übertragene Kopplung von Raumschiffen war ein atemberaubendes Spektakel. Und wer wollte, dem standen die Türen offen. Zum Beispiel Jangel: Der künftige Doktor der technischen Wissenschaften wurde 1911 in einem abgelegenen Dorf in Ostsibirien geboren. Eine Bauernfamilie, zwölf Kinder.

Kosmische Ungerechtigkeit

Erstaunlich bei einem solchen Stellenwert des Themas, dass sich viele gelinde gesagt nur sehr oberflächlich damit auskennen. Ausländer seien hier ausgeklammert, von ihnen kann man schlecht verlangen, dass sie im Bilde sind. Doch selbst diejenigen, die eine sowjetische Schule abgeschlossen haben, können oft nicht einen einzigen Namen nennen, mit Ausnahme natürlich von Gagarin. Na gut, noch Valentina Tereschkowa, die einen unschätzbaren Beitrag zur Geschlechtergleichheit im All geleistet hat. Und vielleicht Sergej Koroljow, den Konstrukteur von Gagarins Rakete. Besonders Fortgeschrittene bringen Ziolkowski ins Spiel, den geistigen Vater und Propagandisten der Erschließung des interstellaren Raums.

Die Welt ist leider ungerecht. Wenige erinnern sich an das erste Opfer des Raumfahrtprogramms. Am 24. April 1967 öffnete sich der Fallschirm der Landekapsel mit Kosmonaut Wladimir Komarow nicht und der Apparat bohrte sich mit riesiger Geschwindigkeit in den Erdboden. Zwei Jahre später hätte sich die Tragödie beinahe wiederholt, doch Kosmonaut Boris Wolynow hatte Glück, er überlebte. Mehr noch, 1976 flog Wolynow zum zweiten Mal ins All. Eine lebende Legende, das einzig verbliebene Mitglied der allerersten Kosmonautengruppe, 30 Jahre im Kader – ein Weltrekord. Über solche Leute sollte man Filme drehen. Und überhaupt lieber mehr Filme über den Kosmos und Wissenschaftler als über den Krieg.

Auf der Umlaufbahn

Die Kinder der Epoche großer kosmischer Entdeckungen mögen inzwischen grauer und lichter auf dem Kopf geworden sein, doch viele sind ihren Weg gegangen. Sie leiten Projekte am Institut für Weltraumforschung der Akademie der Wissenschaften, bauen mit ihren Studenten Kleinstsatelliten im Format CubeSat oder schreiben zumindest darüber. Wer sich nicht aktiv mit dem Kosmos beschäftigt, so wie ich, der verfolgt zumindest die Nachrichten darüber. Wir alle wurden sozusagen auf einen Flug programmiert, der bis heute andauert. Ich würde gern glauben, dass die kosmische Ära nicht zu Ende ist. Und dass wir noch zum Mars fliegen! 

Die Jangel-Schule ist unterdessen geschlossen. Und mit ihr auch das kleine Schulmuseum. Zu seinen Exponaten gehörte eine mannshohe Raketenattrappe. Einen ganzen Monat hatte der Autor dieser Zeilen das Ausstellungsstück im Arbeitsunterricht mit Sandpapier geschliffen. Wo die Rakete wohl heute ist? Ich hoffe, sie kreist auf ihrer Umlaufbahn.

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