Welikij Nowgorod: Schaufenster der russischen Geschichte

Was ist ansteckender als jedes Virus und praktisch unheilbar, macht aber niemandem Angst? Das Reisefieber! Zuletzt war es zwangsläufig stark abgeklungen, doch der nächste Ausbruch kommt bestimmt. Und Welikij Nowgorod im russischen Nordwesten hat garantiert das Zeug dazu, es neu zu entfachen.

Der älteste Kreml Russlands in Welikij Nowgorod ist auch besonders sehenswert. (Foto: Fremdenverkehrsamt Welikij Nowgorod)

„Ich freue mich so sehr, dass ich bei einem derart herausragenden Künstler Malunterricht nehmen darf“, sagt Olga mit einem schüchternen Lächeln, als sie nach dem Ende der Stunde ihre Sachen einpackt. Die 17-jährige Schülerin hat große Pläne. Mit Hilfe von Alexander Warenzow, dem bekanntesten zeitgenössischen Maler und Kunstpädagogen von Welikij Nowgorod, will sie im nächsten Jahr die Aufnahmeprüfungen der renommierte Moskauer Surikow-Kunsthochschule bestehen.

Von einigen Tagen hat mir die freundliche Dame in der Tourismuszentrale der Stadt empfohlen, das Atelier von Warenzow aufzusuchen, wo man die Kunstlegende auch persönlich kennenlernen kann. „Wir möchten unseren Gästen bewusst machen, dass in Welikij Nowgorod nicht nur alte Kirchen zu besichtigen sind, sondern hier auch die zeitgenössische Kunst lebt“, meinte die Mitarbeiterin.

Wie „zeitgenössisch“ das Schaffen von Warenzow ist, sei dahingestellt. Der 70-Jährige malt eher so wie deutsche oder französische Künstler vor hundert Jahren. Da die Kunsthochschulen in Russland aber mit wenigen Ausnahmen erzkonservativ sind, ist das sicher nicht die schlechteste Schule.

Auch der Besuch des Ateliers lohnt sich auf jeden Fall. Warenzows Bilder wirken zwar etwas naiv und antiquiert, sind aber durchaus stimmungsvoll und strahlen Herzenswärme aus. Sie zeigen weitläufige russische Landschaften mit ihrer Melancholie und viele Sehenswürdigkeiten der Umgebung. Der Maler freut sich über  Besuch und ist gern bereit, nicht nur über seine Kunst, sondern vor allem über seine Heimatstadt Welikij Nowgorod  zu reden.

Maler Alexander Warenzow in seinem Atelier. (Foto: Fremdenverkehrsamt Welikij Nowgorod)

Nur nicht verwechseln

Zum letzten Mal geriet das Große Nowgorod, wie die Stadt auf Deutsch hieße, in die Schlagzeilen der Weltpresse, als sich bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 argentinische Fans hierher verirrten. Tickets hatten sie nämlich für ein Spiel in Nischnij Nowgorod (Unteres Nowgorod) erworben. Beide Städte trennen rund 800 Kilometer.

Die ärgerliche Verwechslung unterlief auch dem Weltverband FIFA, der für den Spielort Nischnij Nowgorod mit den Sehenswürdigkeiten von Welikij Nowogord warb. Das ist mit seinen gut 220.000 Einwohnern viel kleiner und besitzt weder eine lange Fußballtradition noch ein Stadion von internationalem Rang. Dafür hat die Stadt am Fluss Wolchow in der Geschichte des Landes eine durchaus bedeutendere Rolle gespielt als der Namensvetter von der Wolga: Welikij Nowgorod wurde im Jahr  859 erstmals urkundlich erwähnt und ist somit die älteste slawische Siedlung auf russischem Boden – die Wiege Russlands. Entsprechend viel gibt es hier zu sehen.

Weltkulturerbe im Überfluss

Der Name von Welikij Nowgorod steht seit 1992 auf der Liste des  Weltkulturerbes. Die Experten der Unesco haben in der Stadt sage und schreibe 37 Architekturdenkmäler von Weltrang gezählt, mit dem Kreml an der Spitze. Dort beginnt man – genauso wie in Moskau und anderswo in Russland – am besten auch eine Besichtigung.

Der Kreml wurde unter Fürst Jaroslaw angelegt, dem Enkel von Wladimir I., der 988 die Christianisierung der Rus verfügte. Die Anlage mit einer Fläche von 12,1 Hektar thront auf einem Hügel mitten in der historischen Altstadt direkt am Wolchow. Ihre älteste Erwähnung geht auf das Jahr 1044 zurück. Die Höhe der dicken, roten Mauern mit einer Gesamtlänge von 1,5 Kilometern schwankt zwischen acht und 15 Metern. Von den ursprünglich zwölf Türmen sind neun erhalten geblieben.

In heutiger Zeit ist der Kreml ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen. Auf dem Gelände befinden sich eine gepflegte Parkanlage, mehrere Museen, eine Bibliothek, eine Konzerthalle, eine Musikfachhochschule und vier Kirchen.


Die Anreise ab Moskau

Welikij Nowgorod ist ungefähr 520 Kilometer von Moskau entfernt und mit dem Auto über die Fernstraße M-10 und die Mautautobahn M-11 Richtung St. Petersburg unkompliziert zu erreichen. Eine bequeme Alternative ist der Nachtzug Nr. 42 mit Abfahrt um 22.09 Uhr vom Kursker Bahnhof und Ankunft um 6.24 Uhr. Er verkehrt derzeit mittwochs, freitags und sonntags.

Doch wer will, kann die Strecke auch in viereinhalb Stunden schaffen. Dafür steigt man an einem beliebigen Wochentag um 5.45 Uhr in den Sapsan-Express vom Leningrader Bahnhof in Moskau nach St. Petersburg und fährt bis zur Station Tschudowo-Moskowskoje (8.42 Uhr). Dort besteht 9.03 Uhr Anschluss nach Welikij Nowgorod. Ankunft: 10.17 Uhr.


Iwan und der Schrecken

Besonders atmosphärisch wird es im Kreml, wenn das Glockenspiel zum Abendgottesdienst in die Sophienkathedrale ruft. Die Kirche mit ihren fünf Kuppeln gilt als die älteste und eine der schönsten in Russland. 1050 wurde sie eingeweiht. Auf der höchsten Kuppel ist eine Taube aus Metall zu sehen. Der Legende nach erstarrte der Vogel, als er von dort aus die Massenhinrichtungen unter Iwan dem Schrecklichen erblickte. Im Januar 1570 wurde die Stadt von dessen Leibgarde, den sogenannten Opritschniki, besetzt, weil der russische Herrscher die lokalen Fürsten und auch die Geistlichen des Verrats bezichtigte.

Der zornige Zar kam höchstselbst nach Nowgorod, um Abtrünnige zu bestrafen. Tausende Menschen kamen dabei um, nicht nur die Vertreter der städtischen Oberschicht, sondern auch viele einfache Bewohner. Wohlhabende einheimische Kaufleute wurden gezwungen, auf ihr Eigentum zugunsten des Zaren und seiner Gefolgsleute zu verzichten.

Noch mehr geschichtliche Bezüge hat im Kreml das imposante  Denkmal zum tausendsten Jubiläum der Ankunft des Fürsten Rjurik in Nowgorod zu bieten: Sie gilt als Geburtsstunde der russischen Staatlichkeit. Das 1862 errichtete Monument vor der Sophienkathedrale versammelt 129 historische Persönlichkeiten: Geistliche, Staatsmänner, Feldherren, Schriftsteller und andere Kunstschaffende. Das Denkmal hat eine glockenähnliche Form. Das ist kein Zufall. In Russland werden Kirchenglocken als Symbol der Eintracht und der Harmonie betrachtet. Und so sollte das Denkmal auch den Zusammenhalt von Volk und Zar zum Ausdruck bringen.

Zeugnisse der Republik

Von  1136 bis 1478 war Welikij Nowgorod die Hauptstadt einer eigenständigen Nowgoroder Republik, die in ihrer Blütezeit von der Ostsee bis zum Ural reichte und im Mittelalter ein vergleichsweise fortschrittliches Staatswesen darstellte. Die Stadt galt als bedeutendes Handelszentrum und war Mitglied der Hanse.

Der Jaroslaw-Hof und der Wolchow-Fluss (Foto: Wikimedia Commons/Dmitrij Skljarenko)

Einige Baudenkmäler aus dieser Zeit sind bis heute erhalten. Gegenüber vom Kreml, auf der anderen Seiten des Wolchow, erstreckt sich auf einem ausgedehnten Areal der Jaroslaw-Hof (Jaroslawo Dwo­rischtsche) aus dem 12. Jahrhundert. Hier hatte im Mittelalter der Statthalter von Nowgorod seinen Sitz. Von den später errichteten Handelsarkaden, im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und in den Nachkriegsjahren abgerissen, ist nur noch ein Stück Fassade übrig. Zu den zahlreichen anderen Gebäuden gehört die Nikolaus-Kathedrale, welche von 1113 bis 1136 erbaut wurde und die zweitälteste Kirche der Stadt ist. Als 1993 eine aufwendige Restaurie­rung notwendig wurde, kamen Spenden aus Hansestädten in Deutschland, Polen, den Niederlanden und anderen Ländern. So wurde die Kirche zu einem Symbol der Solidarität innerhalb des Hanse-Städtebunds. Eine Gedenktafel erinnert an diese bemerkenswerte interna­tionale Spendenaktion.

Willkommen im Märchen

Über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist Welikij Nowgorod auch durch die Oper „Sadko“ des Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow. 1898 in Moskau uraufgeführt, beruht sie auf einer  russischen Volkssage und handelt von dem reichen Kaufmann Sadko aus Nowgorod, der die Gusli, ein harfenähnliches Saiteninstrument, virtuos beherrscht. Unterwegs mit der Handelsflotte, wird der Hauptheld vom mächtigen Meereszaren gefangen genommen und gelangt in die geheimnisvolle Unterwasser­welt. Mit Hilfe der Musik kann er jedoch in seine geliebte Heimatstadt zurückkehren.

Besucher von Welikij Nowgorod merken sehr bald, dass Sadko als Märchenfigur auch heute in der Stadt recht populär ist. Ihm zu Ehren wurde ein Denkmal errichtet und ein Hotel nach ihm benannt. Der märchenhafte Kaufmann und Musiker ist auch ein beliebtes Motiv in der Souvenir-Industrie.

Erfreulicherweise mangelt es nicht an Möglichkeiten, moderne einheimische Musiker zu hören, welche die Gusli und andere traditionelle russische Musikinstrumente spielen. Im Zentrum von Welikij Nowgorod befindet sich das private Wladimir-Powetkin-Museum für Musikgeschichte, das eine große Sammlung von antiken und auch nachgebauten historischen Musikinstrumenten beherbergt. Dort finden auch regelmäßig Konzerte statt.

Zu landesweiter Berühmtheit gebracht hat es der Musiker und Musikhistoriker Anton Wakurow. Wie Sadko kommt er aus Welikij Nowgorod und wie Sadko spielt er meisterhaft die Gusli. Er leitet auch eine eigene Gusli-Musikschule, die sich gleichermaßen an Kinder und Erwachsene richtet. Das Märchen wird also fortgeschrieben.

Ilja Brustein

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