Vier Generationen und ein Buch

Vom Großvater bis zur Enkeltochter: Bei den Manisers wird seit vier Generationen der Zeichenpinsel geschwungen. Zur Präsentation eines Buches über die russlanddeutsche Künstlerdynastie im sibirischen Omsk kommt nun sogar ein hochrangiger deutscher Diplomat vorbei.

Der „Weihnachtsbaumverkauf“ gehört zu den bekanntesten Werken des Künstlers Heinrich Maniser. (Foto: Wrubel-Museum)

Einen solchen Gast begrüßen die Mitarbeiter des Omsker Wrubel-Museums wohl nur selten: Im März beehrt Géza Andreas von Geyr die Bildersammlung in der westsibirischen Millionenstadt mit seinem Besuch. Der deutsche Botschafter nimmt an der Präsentation der Monographie „Maniser. Dynastie der Künstler“ teil, welche der Verband der deutschen Kultur (IVDK) mit der Deutschen Botschaft herausgegeben hat. Die Veröffentlichung erzählt die Geschichte der russlanddeutschen Künstlerdynastie Maniser.

Ein umtriebiger Museumsdirektor legte den Grundstein

Der Ort der Präsentation ist kein Zufall. Denn das Wrubel-Museum zeigt seit Februar eine Ausstellung mit Werken der Familie – unter anderem von Heinrich Maniser, dem Stammvater der Dynastie. Doch wie kamen seine Arbeiten überhaupt in die westsibirische Millionenstadt? Immerhin hat der Maler Omsk nie besucht. „Das liegt an Fjodor Miljochin, dem Direktor unseres Museums“, erzählt Irina Dewjatjarowa, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums. „Er ist ein ungewöhnlich aktiver und energischer Mensch und wollte unser Museum zur einem der größten und bekanntesten in Sibirien machen.“ Auf der Suche nach entsprechenden Exponaten habe er sich auch an den Staatlichen Museumsfonds sowie das Staatliche Russische Museum gewandt. Dort sei man seinem Vorhaben entgegengekommen und habe ihn mit Nachfahren der berühmten Künstler bekannt gemacht.“ Alexandra Maniser, die Witwe des Künstlers, lebte im damaligen Leningrad und war von Miljochins Geschichten über Omsk und seine Bewohner überaus angetan. 1928, drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, sendete sie 13 Werke des Künstlers nach Sibirien. Heute sind sie der Stolz des Museums.

Inspiriert von Mythologie und Antike

Ob biblische Motive, Kampfszenen oder ganz alltägliche Momente: Heinrich Maniser arbeitete zu den verschiedensten Themen und wurden von mythologischen und antiken Einflüssen inspiriert. Zudem war er ein vorzüglicher Graveur, Zeichner, Kritiker und Pädagoge. An der St. Petersburger „Schule für Technisches Zeichnen Alexander von Stieglitz“ unterrichtete er graphische Kunst und Malerei. Schon zu Lebzeiten erfreuten sich die Arbeiten Manisers einer großen Nachfrage. Oft ließen sich die vermögenden Kreise St. Petersburgs von dem Künstler porträtieren. Zu seinen Auftraggebern gehörte zum Beispiel Heinrich von Kirschten, Gründer der berühmten Schuh-Fabrik „Skorochod“, der ein Bild seiner Ehefrau anfertigen ließ. „Das Porträt ist feinfühlig und erhaben geraten“, findet Irina Dewjatjarowa. „Eine Dame in einem schwarzen Kleid mit teurem, massiven Goldschmuck häkelt eine Kindersocke und blickt freundlich in Richtung der Betrachter. Dem Künstler ist es gelungen, den Kern dieser deutschen Familie darzustellen, in welcher – ungeachtet des Reichtums – weiter für die Angehörigen gearbeitet wird.“ Ein anderes Porträt der Omsker Sammlung trägt den Namen eines Romans von Lew Tolstoj: „Anna Karenina“. Oft wird auch das Bild „Weihnachtsbaumverkauf“ ausgestellt. Zu sehen ist darauf eine Szene, welche der Künstler aus dem Fenster seiner St. Petersburger Wohnung beobachtete. Ein anderer Höhepunkt der Schau ist das Bild „Amazone“ mit der dazugehörigen Aquarellskizze. Anhand dieser können die Ausstellungsbesucher nachvollziehen, wie sich die Idee des Künstlers während der Arbeit am Bild veränderte. So zügelt auf dem ursprünglichen Entwurf noch eine schlanke Reiterin mühevoll ihr Pferd, die einen schlafenden Jüngling am Strand entdeckt hat. Auf dem eigentlichen Bild steht die erstaunte Amazone dann aber bereits neben ihrem Pferd und bestaunt in aller Ruhe den im Sand dösenden Unbekannten. „Die ausgestellten Werke befinden sich schon seit Längerem im Fundus unseres Museums. Viele – zum Beispiel die Radierungen – werden nun das erste Mal öffentlich gezeigt“, berichten Museumsmitarbeiter.

Ob Bildhauer, Grafiker, Mode- oder Puppendesigner: Bei den Manisers ist jede Generation schöpferisch tätig. Das Buch „Maniser. Dynastie der Künstler“ erzählt die Geschichte der russlanddeutschen Familie. Die Publikation wurde von der deutschen Botschaft gefördert. (Foto: Wrubel-Museum)

Der Sündenfall bleibt im Speicher

Auf ein Bild müssen Kunstinteressierte aber weiterhin verzichten. Dabei handelt es sich um Heinrich Manisers „Der Tag des Sündenfalls“, das seine Witwe im Jahr 1928 dem Museum in zusammengerollter Form übergab. Das Inventarverzeichnis vermerkte es ursprünglich als großes Rohr. Noch nie wurde es öffentlich gezeigt. „Das Werk sehen ausschließlich Restauratoren und die Museumswachen“, erzählt Irina Dewjatjarowa. „Entsprechend den Vorschriften holen wir es von Zeit zu Zeit aus dem Lager, rollen es aus, begutachten den Erhaltungszustand und kleben prophylaktisch schadhafte Stellen ab.“ Eigentlich müsse es restauriert werden, dafür wären größere Investitionen nötig. „Das ist eine größere und kostenintensive Sache!“ Sie habe jedoch die Hoffnung, dass die Omsker das Maniser-Kunstwerk in näherer Zukunft zu sehen bekämen. Bis dahin müssten sich die Ausstellungsbesucher mit zwei zu dem Bild begnügen. Auf diesen ist zu sehen, wie sich Maniser die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies vorstellte.

Eine Familien zwischen sozialistischem Realismus und Gips-Kunst

Heinrich Maniser war zwei Mal verheiratet. Seine erste Frau war Stella Sofia von Witt, die während eines Feuers auf einem Dampfer tragisch ums Leben kam. Nach dem Tod seiner Gattin blieb Maniser als Witwer allein mit vier Kindern zurück. Später heiratete er seine Schülerin Alexandra Anderson, die ihm vier weitere Kinder gebar. Fast alle waren künstlerisch tätig und erhielten eine musikalische Ausbildung. So wurde beispielsweise Matwej Maniser ein berühmter sowjetischer Bildhauer. Er schuf Monumente im Stil des sozialistischen Realismus‘, die bis heute die Straßen und Plätze von St. Petersburg verzieren. Aber auch in Moskau kann seine Kunst bestaunt werden, so wird beispielsweise die Metro-Station „Ploschtschad Revoluzii“ von 76 Bronzefiguren des Künstlers geschmückt. Die Skulpturen symbolisieren Sowjetmenschen verschiedener Berufen. Manisers Arbeiten verschönern auch die Plätze von Städten wie Charkow, für welches er eine Statue des ukrainischen Schriftstellers Taras Schewtschenko schuf.
„In unserem Museum befindet sich auch eine Gips-Büste von Katherina, der Heldin eines Gedichts von Matwej Maniser“, ergänzt Museumsmitarbeiter Alexander Pirogow. „Sie wurde früher in der Tretjakow-Galerie ausgestellt. Dann hat man dort aber eine Bronzekopie gegossen und das Original aus Gips hier in die Peripherie gegeben.“ Mit Hugo Maniser ist auch ein Vertreter der nächsten Generation der großen Künstlerdynastie in der Ausstellung vertreten. Allerdings kann das Wrubel-Museum bisher nur mit einem Werk von ihm – dem Bild „Tjumener Land“ – aufwarten. Omsker Kunstwissenschaftler hoffen auf weitere Exponate von jüngeren Vertretern der Familie. Interessierte können die Schau noch bis zum 19. April besuchen.

Natalja Graf

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