Und wie frei sind Sie? Umfrage zum Tag der Pressefreiheit

Der 3. Mai ist ein gewöhnlicher Arbeitstag für Journalisten weltweit – aber auch ein besonderer, nämlich der Internationale Tag der Pressefreiheit. Russland gilt auf diesem Gebiet als schwarzes Schaf, „Reporter ohne Grenzen“ führt das Land auf Platz 149 in seiner Rangliste der Pressefreiheit. Aber wie frei fühlen sich russische Journalisten selbst? Die MDZ hat im Vorfeld des Aktionstages einige in Moskau befragt.

Gar nicht schwarz-weiß: Zeitschriften an einem Kiosk in Moskau. © Tino Künzel

Juliana Petrowa, Wirtschaftsredakteurin bei der angesehenen Tageszeitung „Wedomosti“

Ich habe es noch nie erlebt, dass mir ein Thema verboten oder ausgeredet wurde. Allerdings arbeite ich auch nicht im Politikressort. Grundsätzlich musst du als Journalist deine Arbeit machen, dir nicht zu schade sein, die Quellen zu prüfen, nichts für bare Münze nehmen, alle Seiten hören. Wenn die Fakten und Aussagen im Text gewissenhaft aufbereitet wurden, dann wird auch niemand die Veröffentlichung verhindern.

Es kommt vor, dass die Protagonisten der Beiträge unzufrieden sind und sich beschweren. Aber das gehört zum Arbeitsalltag dazu. Umso wichtiger ist es, dass alle Standards eingehalten wurden und dir niemand am Zeug flicken kann.

Manchmal muss man abwägen, ob man heiße Eisen anpackt, auch wenn man damit vielleicht die eigenen Beziehungen zu Personen oder Unternehmen aufs Spiel setzt. Das betrifft speziell die auf ein bestimmtes Fachgebiet spezialisierten Kollegen und ihre ständigen Kontakte. Aber ein guter Journalist wird wohl kaum darauf verzichten, über ein Thema von großer Resonanz zu schreiben. An erster Stelle steht für uns der Leser, das sind keine leeren Worte. Es trifft uns, wenn ein Text langweilig und nicht informativ ausfällt und deshalb wenig gelesen wird, und wir freuen uns, wenn das Gegenteil der Fall ist.

Pawel Schipilin, mit seinem politischen Blog einer der populärsten Blogger im LiveJournal

Ich bin ein Blogger, kein Journalist. Ich bin mein eigener Redakteur und mein eigener Korrektor. Seit ich zum Top-Blogger wurde und eine entsprechende Leserschaft habe, fühle ich mich in besonderem Maße verantwortlich für das, was ich schreibe. Nur in dieser Hinsicht kann ich mich als unfrei bezeichnen – ich bin unfrei gegenüber mir selbst. Ansonsten bin ich frei.

Mein Zugang zu Information ist nicht eingeschränkt, da ich nur öffentliche Quellen benutze. Wenn ich jemanden brauche, der mir politische oder rechtliche Vorgänge erklärt, dann greife ich auf Kontakte zu Experten zurück, denen ich vertraue. Das kann mir niemand verwehren.

Das neue Gesetz, mit dem die Beschimpfung von Staatsvertretern im Internet unter Strafe gestellt wird, ändert für mich nichts. Ich beleidige niemanden und vergreife mich nicht im Ton. Deswegen kann ich die ganze Aufregung um das Gesetz nicht verstehen.

Es gab einen Fall, als ein Blogger ins Gefängnis musste. Als ich seine Texte gelesen habe, standen mir die Haare zu Berge. Heutzutage erlaubt man sich vieles, auch Schimpfwörter. Deswegen halte ich das neue Gesetz für gerechtfertigt: Man muss für seine Worte geradestehen.

Kirill Martynow, Politikredakteur bei der „Nowaja Gaseta“, die für ihre systemkritischen Beiträge bekannt ist

Es hätte der neuen Mediengesetze, die in letzter Zeit erlassen wurden, gar nicht bedurft, um sagen zu können, dass in Russland eine harte Zensur existiert und der Journalismus starken Einschränkungen unterliegt. Der Druck ist einerseits ökonomischer Natur: Investoren wird nicht erlaubt, sich auf dem Medienmarkt zu engagieren. Es sei denn, sie stehen den Machtstrukturen nahe. Andererseits gibt es den physischen Druck. Ein Journalist, der einflussreichen Leuten in die Quere kommt, weil seine Recherche deren Interessen berührt, weiß, dass niemand für seine Sicherheit garantieren kann.

Ich kenne Kollegen, die vor Veröffentlichung ihres Beitrags das Land verlassen haben, weil ungewiss war, ob nicht vielleicht ein Strafverfahren gegen sie eingeleitet wird. Gleichzeitig ist der Staat nicht in der Lage, die Ermordung von Journalisten aufzuklären und sowohl die Täter als auch die Hintermänner zu bestrafen. Deswegen betreibt praktisch jeder Journalist Selbstzensur.

In gewissem Sinne kann man den Journalismus bei uns natürlich als frei verstehen. Du sagst als Journalist die Wahrheit und trägst die Risiken. Insofern ist es durchaus möglich, freien Journalismus in Russland zu betreiben. Es ist nur gefährlich.

Anna Lomanowa, Journalistin bei einer Fernsehgesellschaft, die Sendungen für große staatliche TV-Kanäle produziert

Es gibt für mich keinen Unterschied, ob man in Russland oder im Westen als Journalist tätig ist. Ich zum Beispiel fühle mich völlig frei. Wir erstellen eine Sendung für Verbraucher, in der wir in dokumentarischer Form bestimmten Missständen nachgehen, das ist mein Schwerpunkt. Ich spüre dabei keinen Druck, auch seitens der betroffenen Unternehmen. Ich kann alles so darstellen, wie es ist.

Wir haben beispielsweise in Russland das Problem, dass bei der Herstellung von Käse oder Quark teilweise pflanzliche statt tierischer Fette verwendet werden, um die Kosten zu senken. Manche Hersteller fälschen auch Markenprodukte. Darüber haben wir berichtet und hatten volle Handlungsfreiheit. Die betroffenen Produzenten haben bis zum Schluss nicht geglaubt, dass wir das alles in der Sendung auch zeigen. Es gab dann Ärger, aber größtenteils bereits nach der Ausstrahlung. Einige waren empört, konnten aber nichts tun.

Wir haben das Recht, Recherchen anzustellen und die Ergebnisse öffentlich zu machen. Deshalb hatten wir bisher auch keine größeren Probleme.

Zusammengestellt von Ganna Novytska

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