Trauern per Livestream

Abschiednehmen auf YouTube und Grabpflege als Online-Leistung: Während der Coronapandemie nutzen immer mehr Russen innovative Dienstleistungen von Bestattungsunternehmen. Dabei ist der Trend gar nicht neu.

Für russische Friedhöfe gelten derzeit strenge Besuchsregeln. Viele Trauernde weichen deshalb ins Internet aus. (Foto: yandex.ru)

Tausende Friedhöfe schlossen vorübergehend für Besucher und in Moskau dürfen Teilnehmer von Bestattungen die Ruhestätten nur nach Voranmeldung und mit Genehmigung betreten: Das Coronavirus verändert den Abschied von Verstorbenen in Russland. Viele Angehörige bleiben aus Furcht vor einer Ansteckung gleich daheim. Andere können wegen der Ausgangsbeschränkungen aus weit entfernten Landesteilen gar nicht erst anreisen. Durchschnittlich nähmen nur noch acht Menschen an einer Beisetzung teil, schreibt die Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Vor Corona habe diese Zahl noch bei etwa 50 gelegen.

Würdevoller Abschied

Um den Hinterbliebenen dennoch einen würdevollen Abschied zu ermöglichen, haben russische Beerdigungsunternehmen nun ihre Online-Angebote ausgeweitet. Seit Beginn der Selbstisolation ist die Nachfrage nach entsprechenden Dienstleistungen stark gestiegen. So bietet das kommunale Moskauer Bestattungsunternehmen „Ritual“ beispielsweise eine Übertragung der Bestattung an. Dafür erhalten die Hinterbliebenen Zugang zu einer geschlossenen Internetplattform, welche Beerdigung und Abschiedszeremonie des Verstorbenen per Livestream übermittelt. Das Angebot sei kostenlos, erklärte Firmenchef Artjom Ekimow gegenüber der „Wedomosti“. Andere Anbieter zeigen die Zeremonien in geschlossenen YouTube-Kanälen. In der russischen Hauptstadt nutzten in den letzten beiden Aprilwochen mehr als 3000 Menschen entsprechende Online-Angebote, meldete die Zeitung „Iswestija“.

Übertragung ins Gefängnis

Allerdings sind die Online-Übertragungen grundsätzlich nichts Neues. „Wir haben das schon lange vor dem Ausbruch von Corona gemacht“, erläuterte Stanislaw Baretskij, Vorsitzender der „Vereinigung professioneller Bestattungsunternehmer“ im Gespräch mit der englischsprachigen „Moscow Times“. „Wenn beispielsweise die Mutter von einem Gefängnisinsassen starb, haben wir die Beerdigung aufgezeichnet und ihm zugesandt.“ Auch ältere Kunden, die wegen Gesundheitsproblemen ihre Wohnungen nicht verlassen können, hätten schon vor dem Auftreten der Coronapandemie auf die Online-Angebote zurückgegriffen. Gerade Angehörige aus anderen Landesteilen, die wegen der aktuellen Reisebeschränkungen nicht zu Beerdigungen anreisen können, schätzen die Online-Angebote. Dies erklärte Jelena Andrejewa, Chefin des „Verbandes der Beerdigungsunternehmen und Krematorien“ in einem Gespräch mit der „Iswestija“. Für viele sei es nur schwer zu ertragen, nicht selbst an den Trauerfeiern teilnehmen zu können. Die Übertragungen böten in einem gewissen Rahmen eine Lösung. „Man kann das finden, wie man will. Aber es ist eine nachgefragte Leistung!“

Grabpflege per Maus

Neben den unentgeltlichen Übertragungen haben „Ritual“ und andere Anbieter neuerdings auch kostenpflichtige Online-Leistungen im Angebot. Darunter sind beispielsweise das Niederlegen frischer Blumen oder auch die Instandsetzung von Grabumfriedungen und Gedenkkreuzen. Die Serviceleistungen sind ab einem Preis von vier Euro zu haben. Den Kunden wird als Nachweis über die erbrachten Leistungen ein Foto von der Grabstätte zugesandt.

Birger Schütz

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