Die Abgründe des Videobloggings

Bespuckt, geschlagen, beleidigt – alles vor Publikum auf YouTube. Das Schicksal der Opfer in sogenannten „Trash-Streams“ ist bedrückend. Die Blogger suchen gezielt psychisch labile Menschen, um auf ihre Kosten Zuschauer zu gewinnen. Jetzt ist ein Fall eskaliert.

Screenshot eines Trash-Streams von Shkilla
Videoblogger „Shkilla“ (rechts) und einer der „Charaktere“ auf der Brjansker Datscha (Foto: Screenshot YouTube)

Ein junger Mann sitzt im Unterhemd am Computer. Sichtlich verstört, mit Tränen in den Augen, spricht er in die Kamera: „Es ist, als ob sie tot sei. Sie war meine beste Freundin.“ Auf dem Sofa hinter ihm liegt der leblose Körper einer jungen Frau, tausende Follower sehen das Drama live auf YouTube. Manche halten es für eine Show, wie aus den Kommentaren hervorgeht, doch das Mädchen ist wirklich tot. Der ­Stream endet erst, nachdem die Rettungskräfte eintreffen.

Die Szene spielte sich am Morgen des 2. Dezember in der Nähe von Moskau ab. Was genau in den Stunden davor geschah, ist Gegenstand der Ermittlungen. Klar ist: Der 30-jährige Videoblogger Stanislaw Reschetnikow, bekannt unter dem Pseudonym Reeflay, hatte seine Freundin Walentina zuvor aus dem Haus ausgesperrt – bei Minusgraden, nur in Unterwäsche bekleidet. Schon in früheren Videos war der Blogger gegenüber der 26-Jährigen gewalttätig geworden. Einmal sprühte er ihr vor laufender Kamera Pfefferspray in die Augen, gegen eine Geldspende aus dem Publikum. Jetzt sitzt er in U-Haft.

„Bunte Charaktere“ für mehr Aufmerksamkeit

Reeflay, der Betreiber eines Trash-Streams
Inhaftiert: Stanislaw Reschetnikow alias Reeflay (Foto: VKontakte)

Der Fall wirft Licht auf einen Trend aus den Abgründen des Do-It-Yourself-Internets, die „Trash-Streams“. Während andere YouTuber Beauty-Tipps geben oder Games zocken, geht es bei ihnen um Mobbing und Gewalt, oft gegenüber hilflosen Menschen. Sie verdienen ihr Geld nicht durch Werbung, sondern durch Publikumsspenden.

Die Journalistin Irina Schtscherbakowa hat sich eingehend mit dem Phänomen befasst. Gegenüber der MDZ spricht sie von einem Trend, sogenannte „Charaktere“ in die Streams einzuladen, „also bunte, aber nicht unbedingt psychisch gesunde Leute, die mit ihren Possen die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich ziehen.“ Zu trauriger Berühmtheit brachte es ein gewisser Walentin Ganitschew aus Jaroslawl.

Demütigungen gegen Zuschauerspenden

Der offenbar psychisch kranke 33-Jährige hat eine regelrechte Odyssee durch verschiedene YouTube-Kanäle hinter sich. Anfangs trat er in den Streams von Wladislaw Pekonidin alias Wlad Demon auf. Zunächst waren es nur alberne Gespräche, Walentin gab sich als Abgeordneter der LDPR oder als Chef der Kaffeehauskette Schokoladniza aus. Dann starb seine Mutter und er erbte deren Wohnung. In einem Video wird diese von Wlad Demon und anderen in einem Gewaltexzess auseinandergenommen. Walentin wird mit der Mikrowelle beworfen, ein Mädchen liegt schlafend auf einer Matratze, während daneben jemand mit der Beißzange auf einen Stapel Geschirr eindrischt und manisch kreischt.

Später folgt Walentin einer Einladung zweier junger Blogger aus Brjansk, die sich Shkilla und Arkad nennen. Die Videos von deren Datscha sind noch verstörender. Zuschauer spenden dafür, dass jemand Walentin mit Ketchup be­­spuckt und schlägt, einmal wird er bei lebendigem Leib beerdigt. Ein von Klebeband zusammengehaltenes Holzkreuz markiert das Grab, neben seinem Kopf wird ein Feuerwerkskörper gezündet. Auch wenn die Blogger stets behaupten, das alles sei inszeniert und geschehe aus freien Stücken, aus Walentins Augen spricht Verzweiflung und Panik.

Opfer meist psychisch erkrankt

Das wurde selbst einigen Zuschauern zu viel. Sie begannen, belastendes Videomaterial zu sammeln, um es Journalisten und der Polizei zu übergeben. Der Kanal von Shkilla und Arkad wurde mittlerweile von YouTube gelöscht, doch strafrechtliche Konsequenzen gab es bislang nicht. Das Problem, so Irina Schtscherbakowa, liege darin, dass die Opfer solcher Streams selbst stets behaupteten, das alles geschehe freiwillig. Solange keine Diagnose über eine psy­chische Erkrankung vorliege, seien die Strafverfolgungsbehörden weitgehend machtlos.

Dass Menschen wie Walentin schwer krank sind, steht jedoch für die Psychiaterin und Psychotherapeutin Maria Skrjabina außer Frage. „Es kann sich zum Beispiel um einen schizophrenen Defekt handeln. Die Erkrankten sind unfähig, Zusammenhänge wahrzunehmen und lo­gische Schlüsse zu ziehen.“ Sie seien hilflos wie Kinder und nicht in der Lage, ihre Krankheit zu erkennen, sagt sie gegenüber der MDZ.

Traum vom schnellen Geld

Bei den Streamern selbst beobachtet Maria Skrjabina das Fehlen von Empathie, Mitgefühl und Grenzen, ein Hinweis auf eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. „Solche Menschen sind aggressiv, hinterlistig, manipulativ, egozentrisch und auf ihre eigenen Wünsche fixiert“, sagt sie.
Doch was verleitet junge Leute zu solchen Streams? „In der Tat wittern die meisten die Chance auf schnelles Geld“, sagt Irina Schtscherbakowa. An manchen Abenden kämen bis zu 30.000 Rubel (ca. 335 Euro) zusammen.

Ebenso wichtig sei jedoch die Aufmerksamkeit, die für viele regelrecht zur Droge werde. „Trash-Streams können für manche zum Ersatz für eine erfolgreiche Karriere oder ein Sozialleben werden.“

Das Phänomen verstehen

Viele seien versucht, die Streamer als Unmenschen zu bezeichnen. „Aber letztlich handelt es sich um normale Leute, aus verschiedenen Städten und sozialen Schichten. Wir müssen akzeptieren, dass sie aus der gleichen Internetkultur kommen, in der viele von uns aufgewachsen sind und leben. So beängstigend das auch klingen mag“, sagt Irina Schtscherbakowa.

Für ihre Veröffentlichungen hat sie auch Kritik eingesteckt. Sie verschaffe den Streamern nur noch mehr Aufmerksamkeit, so der Vorwurf. Sie könne das verstehen, doch seien die Streamer ohne die Beobachtung durch die breite Öffentlichkeit auch deutlich entspannter in ihrem Treiben gewesen, „einfach, weil sie mehr tun konnten, ohne von der Polizei kontrolliert oder zur Befragung vorgeladen zu werden.“

„Trash-Streams können Leben ruinieren und gar Leute in den Tod treiben. Nur wenn wir das Problem anerkennen und darüber lernen, können wir etwas dagegen tun“, sagt Irina Schtscherbakowa.

Jiří Hönes

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