Russland, ich beobachte dich

Tino Eisbrenner, 56, war Anfang 20, als er in der DDR mit seiner Band Jessica („Ich beobachte dich“) zum Popstar wurde. Musik macht der gebürtige Berliner, der heute auf einem Dorf bei Neubrandenburg lebt, immer noch. Aber er erhebt seine Stimme auch, weil er in Deutschland eine Russlandbildstörung ausgemacht hat. Im Zuge der Leipziger Buchmesse wurde jetzt sein Buch „Das Lied vom Frieden“ vorgestellt. In der MDZ spricht der Liedermacher über Ostsozialisierung, Heimatverlust und die Krim.

Wo Russland sogar seinen Kritikern gefällt: Eisbrenner in St. Petersburg. © Elena Dmitrieva

Herr Eisbrenner, Sie singen seit einigen Jahren russische Lieder auf Deutsch. Wie kommt das?

Ich habe festgestellt, dass selbst in meinem eigenen Umfeld viele gar nichts mehr über Russland wussten. Und als nach der Krimkrise, wie man das bei uns genannt hat, das große Russlandbashing losging, habe ich mich gefragt, was ich als Künstler tun kann, um die entstandene Fremde gegenüber Russland zu überwinden. Da ist mir wieder eingefallen, wie man uns damals in der DDR die Sowjet­union näher gebracht hat, nämlich in erster Linie mit Kultur. Also habe ich dort angesetzt und angefangen, Lieder russischer Barden ins Deutsche zu übertragen, von Wyssozkij über Okudschawa bis hin zu Kukin, den Nikitins und anderen. Wenn die Leute merken, dass das ihr Herz berührt, und sie Fragen stellen, ist der erste Schritt getan, das Unbekannte in etwas Bekanntes zu verwandeln und so die Gräben wieder etwas kleiner werden zu lassen.

Wie fiel die Reaktion darauf aus?

Allseits beliebt gemacht habe ich mich damit sicher nicht. Anfangs waren viele meiner Fans geschockt, dass ich jetzt plötzlich für ein herzliches Verhältnis zu Russland werbe. Die hatten sich nach 1989 dem American Way of Life zugewandt und nun kam ich ihnen mit den Russen. Manche haben mir geschrieben, mit Putinverstehern wollten sie nichts zu tun haben. Und im Übrigen sei meine Musik früher auch besser gewesen. Das war natürlich nicht angenehm, aber da musste ich durch und habe andererseits auch viel Zuspruch erhalten.

Warum war Ihnen die Beziehungspflege zu Russland überhaupt wichtig? Ich bin wie Sie in der DDR groß geworden und kann nicht behaupten, dass mich diese staatlich verordnete deutsch-sowjetische Freundschaft besonders erwärmt hätte für die Sowjet­union. Eher im Gegenteil.

Es gab unterschiedliche Impulse. Wir mussten die Sprache lernen, obwohl wir viel mehr an Englisch und Französisch interessiert waren. Als Ostsozialisierte sind wir aber auch mit russischen Filmen und Büchern aufgewachsen. Da ist zumindest bei mir viel hängen geblieben. Ich weiß noch aus der Schulzeit, dass ich Puschkin immer großartig fand. Und so ist Russland ein Teil meiner inneren Heimat geworden.

Russland als Heimat? Das müssen Sie genauer erklären.

Wir Ostdeutsche haben ja einen Heimatverlust erlebt – jeder auf seine Weise. Manche sind daran zerbrochen, anderen war es egal und wieder andere haben gesagt: zum Glück! In jedem Fall war es ein Heimatverlust, mit dem mehrere Generationen umzugehen hatten. Aber was ist das eigentlich überhaupt – Heimat? Ist es das Land, in dem man geboren wurde? Sind es die Ideen, die einem mit auf den Weg gegeben wurden? Für mich hat Heimat auch viel mit Russland zu tun, weil in meinem Leben der slawische beziehungsweise russische Einfluss eine Rolle gespielt haben – und zwar eine gute.

Als im Osten bekannt gewordener Künstler bin ich in Deutschland mehr oder weniger permanent dabei, meine innere Heimat  gegen Klischees über den Osten zu verteidigen und dagegen, dass in Gesprächen und Talkshows ganze Lebensleistungen mit Nebensätzen beiseite gewischt werden. Wenn man mal die 50 überschritten hat wie ich, dann macht man einerseits mit bestimmten Sachen seinen Frieden, wird aber andererseits auch kompromissloser und duldet bestimmte Angriffe nicht mehr.

Sie arbeiten unter anderem mit Heiner Lürig zusammen, der aus einer ganz anderen Ecke kommt.

Ja, er hat die Hits von Heinz Rudolf Kunze komponiert. Heute stellt er sich als westsozialisierter Komponist meinen ostgeprägten Texten. Da haben sie jemanden, der dieses geeinte Deutschland auch geeint leben will, der aber oft ratlos ist. Weil er mit seiner Prägung, so wie man ihm die Welt erklärt hat, den Osten gar nicht verstehen kann.

Neben dem russischen Kontext, den die DDR mit sich brachte, haben Sie keinen biografischen Hintergrund, der Sie mit Russland verbindet?

Meine Frau ist in Russland geboren und mit sechs Jahren in die DDR gekommen. Damit habe ich auch eine russische Schwiegermutter, sie lebt in Dresden. Mein Schwiegervater ist Sorbe, was es noch mal spannender macht. Außerdem habe ich als Kind drei schöne Jahre in Bulgarien verbracht, wo mein Vater am deutschen Gymnasium unterrichtet hat. Ich war also schon früh mit slawischer Kultur konfrontiert.

Wikipedia glaubt zu wissen, dass Sie Anfang der 90er Jahre durch die Sowjetunion getourt sind – „bis nach Sibirien“.

Da muss ich Wikipedia korrigieren. Ich bin in den 90er Jahren nur in Moskau und St. Petersburg gewesen, das war in der Übergangszeit zwischen später Sowjetunion und neuem Russland. Da haben uns die Leute dazu beglückwünscht, dass Deutschland wiedervereinigt ist und wir jetzt die Westmark haben, während sie vor allem damit beschäftigt waren, irgendwie über die Runden zu kommen. Aber wenn man dann privat zu Besuch war, da wurde aufgetischt, bis man nicht mehr konnte. Trotz der Armut, die da herrschte. Russen sind eben wirklich sehr freigiebig.

Ich war allerdings schon vorher in der Sowjetunion gewesen, damals noch mit der Band Jessica. Wir haben in Moskau, Leningrad und Sotschi gespielt und 1988 ein paar hundert Kilometer südlich von Moskau auch an der Erdgastrasse.

Vor Bauabeitern.

Genau. Und zwar im Schichtsystem, in dem dort gearbeitet wurde, also auch gern mal früh um sieben. Die DDR-Arbeiter haben an der Druschba-Trasse größtenteils Häuser gebaut. In denen wohnten zunächst die Trassenbauer selbst. Wenn die Rohre dann verlegt waren und man weitergezogen ist, wurden diese Häuser an die Bevölkerung übergeben, allerdings zum Teil gar nicht bezogen. Die Menschen wollten nicht aus ihren Dörfern in diese Plattenbauten umsiedeln. Also wurden die eher auseinandergenommen: Vom Fenster bis zur Kloschüssel hat man ausgebaut, was man bei sich zu Hause verwenden konnte.

Gorbatschow hatte damals Pere­stroika und Glasnost ausgerufen, weshalb viele DDR-Bürger neidvoll Richtung Sowjetunion blickten. Wie war das bei Ihnen?

Mein Vater hat im Scherz gern gesagt, ich sei „kommunistisch verseucht“ erzogen worden. Damit meinte er die Erziehung bei uns zu Hause. Er selbst war ein sehr konstruktiver und kämpferischer Kommunist. Meine Eltern haben mir den Sozialismus erklärt, wie er allen hätte erklärt werden sollen, dann wäre sicher mehr daraus geworden. Was die Sowjetunion betrifft: Ja, da hegte man große Hoffnungen. Und wenn man nun dorthin eingeladen wurde, dann war das ja so, wie man früher nach Rom eingeladen wurde, ins Herz des Imperiums. Ich bin da stolz und voller Neugier hingefahren. Und ich bin mit einer gewissen Kraft wiedergekommen. Ich hatte gesehen, wie die Leute in Moskau auf der Straße diskutiert haben und welche Rolle das offene Wort spielte.

Nach der Wende haben Sie sich dann aber zunächst in eine ganz andere Richtung orientiert.

Auf der Suche nach Heimat bin ich erst mal nach Amerika, weil ich mir gesagt habe: Du wolltest doch als Kind immer Indianer werden. Ich habe zwei Jahre bei mexikanischen Maya gelebt und auf Yucatan gearbeitet. Danach war mir klar: Ich muss erstens bleiben, was ich bin, nämlich Sänger und Dichter, weil ich nichts besser kann als das. Und zweitens bin ich politisch aktiv geworden. Als es 2002 darum ging, dass es einen Militärschlag gegen den Irak geben könnte und ob sich Deutschland daran beteiligen würde oder nicht, habe ich Iraker aus Flüchtlingsunterkünften in meine Band geholt, um so das Publikum mit Leuten ins Gespräch zu bringen, die von dort kommen. Damit war mein Projekt „Musik statt Krieg“ geboren. Seitdem steht das als Motto über den Veranstaltungen, bei denen ich mich politisch artikuliere. Es ist mein Versuch, auf der Bühne Völkerverständigung vorzuleben.

Damit sind Sie inzwischen wieder beim Thema Russland.

Ich kann mich in Rage reden, was in dieser Hinsicht alles ein Beitrag zum Weltfrieden sein soll. Dass die Nato, der Deutschland angehört, seit 1989 immer weiter an die russischen Grenzen herangerückt ist. Dass vor den Toren Russlands Militärmanöver abgehalten werden, die man „Anakonda“ getauft hat, nach einer Würgeschlange.

Bei einem Auftritt im Treptower Park in Berlin. © Elena Dmitrieva

Wie sollte Deutschland denn mit Russland umgehen?

Mein Appell wäre, zunächst einmal das eigene Handeln zu überprüfen und zu hinterfragen, welchen Eindruck es wohl bei der anderen Seite hinterlassen muss. Und dann ist wie in zwischenmenschlichen Beziehungen immer wichtig, aus welcher Position heraus ich kritisiere. Tue ich das als Freund, werde ich ganz anders gehört und dann wächst vielleicht auch mein Einfluss.

Viel Streit entzündet sich an der Krim und dem militärischen Eingreifen Russlands dort 2014. Sie waren diesen Winter zu Konzerten auf der Krim, wie auf Ihrer Facebook-Seite nachzulesen ist.

Ich bin einer Einladung zu einem Wyssozkij-Festival gefolgt, das auf der Krim rund um Wyssozkijs Geburtstag am 25. Januar stattfindet. Teilgenommen habe ich daran schon zum zweiten Mal nach 2017. Das Festival ist teilweise etwas semiprofessionell organisiert, nicht alles klappt so, wie es sollte. Aber anders als wir Deutschen sind die Russen gut darin, Chaos mit viel Improvisation zu meistern. Es geht alles drunter und drüber, doch am Schluss ist es trotzdem eine tolle Veranstaltung. Zwar hat man nur ein Mikrofon für drei Sänger, aber damit arrangiert man sich. In Deutschland würde man sagen: Dann können wir eben nicht auftreten.

Wie reagiert das Publikum dort auf Sie?

Immer sehr euphorisch. Alle zerren ihre Handys raus und wollen unbedingt dokumentieren, dass da ein Deutscher mit russischem Liedmaterial zu ihnen kommt. Hinterher bedankt man sich dann, dass es aus der westeuropäischen Richtung auch mal so ein positives Signal gibt.

Wie fühlt sich die Krim an?

Kann ich Ihnen sagen: so, als sei man ganz normal nach Russland gereist. Mir wurde dort oft die Frage gestellt: Was denkt ihr in eurem Deutschland eigentlich, wie das hier ist? Wir wollen einfach nur in Frieden leben. Und wenn man uns entscheiden lässt, dann wollen wir aus unserer Geschichte heraus natürlich wieder zu Russland gehören. Wobei es sicher auch die fünf oder zehn Prozent gibt, die es lieber anders gehabt hätten.

Hinzu kommt der Aspekt des russischen Stolzes. Auch die Krim ist ja von den Sanktionen betroffen. Da hat man dann dieses Enzym, was in solchen Situationen freigesetzt wird: Wir werden es euch schon zeigen. Das merkt man deutlich.

Hat sich die Krim verändert in diesen zwei Jahren?

Es wird unglaublich viel gebaut. Man schaut sich um und sieht überall neue Hotels, Straßen, Privathäuser. Investiert wird vor allem in den Tourismus. Und in die Infra­struktur, die heute unabhängig von der Ukraine funktioniert. Dort hatte man ja der Krim die Strom- und Wasserversorgung abgestellt.

Russland bemüht sich natürlich, dass die Krimianer es auch als Vorteil betrachten, sich für diesen Weg entschieden zu haben. Der Aufwind ist spürbar. Ich habe Hotelbesitzer kennengelernt, auch von kleineren Hotels. Die sagen alle: Deine Leute sollen kommen und hier zwei Wochen Urlaub machen, dann werden sie schon sehen. Man wirbt also auch sehr. Aber es ist ein doppeltes Werben: Es geht nicht nur um Kundschaft, sondern auch darum, dass die Gäste ein Gefühl dafür bekommen, warum die Menschen beim Referendum so abgestimmt haben.

Haben Sie das mal mit einem Ukrainer diskutiert? Der wird Ihnen sagen, dass die Krim völkerrechtlich nach wie vor ukrainisch ist und das die ganze Welt so sieht.

Würde ich gern. Aber bisher habe ich nur Ukrainer getroffen, die nach ihren Worten noch sowjetisch denken und für die eine Konfrontation zwischen der Ukraine und Russland sowieso ein Unding ist, so etwas wie ein militärischer Konflikt zwischen den Bayern und den Preußen. Ich würde auch zwischen Ukrainern und Russen vermitteln. Zumindest will ich aber alles in meinen Kräften Stehende tun, um zwischen Deutschen und Russen zu vermitteln.

Ist das nicht eine sehr einseitige Vermittlung? Sie nehmen Russland doch rundum in Schutz. Man kann auch Sympathie für Land und Leute empfinden, ohne gleich alles gut zu finden, was die russische Politik macht.

Das tue ich ja gar nicht. Ich bemühe mich nur, Zusammenhänge zu erkennen und zu erfahren, wie dieses Land tickt. Natürlich fällt mir auch Kritikwürdiges in Russland auf. Und ich erlebe, dass wir in Manchem weiter sind. Aber dieses Weiter ergibt nicht unbedingt auch ein Besser. Und die Russlandberichterstattung in Deutschland ist größtenteils so tendenziös, dass ich mich mit jeder Relativierung automatisch in der Rolle des Verteidigers wiederfinde und immer wieder sagen möchte: Schaut genauer hin und legt nicht den westlichen Maßstab an. Ich für meinen Teil verstehe lieber, erkläre und vermittle.

Das Interview führte Tino Künzel.

Das Buch: https://www.amazon.de/Das-Lied-vom-Frieden-Reisebilder/dp/3865574653

Kommentare

Kommentare

Newsletter




Wir bitten um Ihre E-Mail: